"Tanz ist eigentlich jedem Menschen nah"

Choreografin Rafaële Giovanola über ihr Tanzstück in Chemnitz, Choreografen-Gott William Forsythe und Inspirationen aus Afrika

Chemnitz.

Sie hat unter Leitung von William Forsythe getanzt, der zu den bedeutendsten Choreografen des zeitgenössischen Tanzes zählt, doch längst ist sie selbst als Choreografin mit ihrem eigenen Ensemble Cocoon Dance unterwegs: Rafaële Giovanola. Eines ihrer Stücke wird nächste Woche in Chemnitz beim Festival "Tanz Moderne Tanz" zu sehen sein. Das Festival mit Ensembles aus verschiedenen Ländern findet zum fünften Mal statt und bietet zeitgenössischem, modernem Tanz eine Bühne. Katharina Leuoth hat sich mit Rafaële Giovanola unterhalten.

Freie Presse: In der Ankündigung zum Stück "Ex-Situ", das Sie choreografiert haben und das in Chemnitz beim Tanzfestival zu sehen sein wird, heißt es, dass darin Körper zu einem Ganzen verschmelzen. Wie darf man sich das vorstellen?

Rafaële Giovanola: Ich habe mit drei weiteren Choreografinnen den Tanzabend "Signifying Ghosts" entwickelt, zu dem unter anderem das von mir choreografierte Stück "Ex-Situ" gehört. Darin geht es um die Suche nach dem ekstatischen Moment. Auf der Bühne sind Menschen zu sehen, die vibrieren, sich dann schütteln, schließlich explodieren. Danach sind sie wie leere Körper, wie Geister, die langsam zu verschwinden drohen. Die Tänzer agieren in dem Stück als Ganzes, wie Zellen eines Organismus'.

Der Tanzabend "Signifying Ghosts" ist ein gemeinsames Projekt mit Kollegen von Ihnen aus Afrika. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

2014 war ich zum ersten Mal in Afrika, in Mali. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich liebe die Gelassenheit und Großzügigkeit dieser Menschen und die andere Art, wie sie Tanz machen. Ich bin dort mit einer Tanzproduktion aufgetreten, so haben sich weitere Kontakte und schließlich die Zusammenarbeit ergeben.

Wie anders tanzen denn Menschen aus Afrika?

In Europa brauchst du eine jahrelange Tanzausbildung. In Afrika ist das nicht die Regel, es gibt dort kaum Tanzschulen, und die Menschen haben oft auch nicht das Geld, sie zu besuchen. Dennoch können sie tanzen, weil Tanz zu ihrer Alltagskultur, zu ihren Riten gehört. Sie machen vieles intuitiv, mit großer Schnelligkeit und Intensität. Ich habe früher immer gedacht, ich bin nur Tänzerin, wenn ich acht Stunden am Tag auf der Fußspitze stehe. Dass es auch ganz anders gehen kann, war so inspirierend.

Sie haben im Jahr 2000 das Tanzensemble Cocoon Dance gegründet. Wie sehr wird heute zeitgenössischer Tanz akzeptiert?

Er wird dann akzeptiert, wenn man es schafft, die Leute zur Vorstellung zu locken. Die meisten Menschen, die eine Tanzaufführung sehen, sind danach begeistert. Man muss aber Qualität zeigen. Die spürt das Publikum sofort. Akzeptanz findet dieser Tanz auch, wenn man ihn vielen Menschen - Kindern, Laien, älteren Menschen - beispielsweise in Kursen nahebringt. Man muss vermitteln, dass Tanz nicht für eine Elite da ist. Tanz ist eigentlich jedem Menschen nah: Jeder hat einen Körper, und jeder bewegt sich.

Hat Tanz eine Aufgabe? Ist Tanz politisch - wie auch der Titel eines Podiumsgesprächs beim Tanzfestival in Chemnitz lautet?

Ich bin nicht so sehr daran interessiert, politische Stücke zu machen. Aber ich finde, dass sich zeitgenössischer Tanz dazu eignet, eine politische Aussage zu vermitteln: Für mich sind das die Werte Toleranz und Akzeptanz. Wir haben bereits eine Juniorcompany von Cocoon Dance, in der Kinder und Jugendliche tanzen. Ihre Erfahrung dort ist, dass sie angenommen werden, so wie sie sind. Egal, wie ihr Körper aussieht, egal, was sie können und woher sie stammen.

In diesem Nachwuchsensemble tanzen auch Flüchtlingskinder - weil Sie Nachwuchs suchen, oder weil Sie Flüchtlingskinder integrieren wollen?

Beides. Allerdings liegt die Besonderheit darin, dass ich Flüchtlingskinder immer ins Ensemble aufnehmen würde, ganz egal, wie voll wir sind. Es ist für sie auch alles kostenlos.

Meckern über diese Bevorzugung andere Kinder?

(lacht) Nein. Sie sind alle so erzogen, dass sie verstehen, dass diese Integration gut ist.

Was ist Ihnen als Choreografin neben Werten in künstlerischer Hinsicht wichtig?

Mein Fokus liegt auf dem Körper als Medium, der alle Gefühle transportieren kann. Wenn ich mit meinem Ensemble ein neues Stück gestalten will, dann gebe ich oftmals kein Thema vor, sondern nur ein Körperteil, auf das wir uns konzentrieren, oder auch Hindernisse auf der Bühne, die überwunden werden sollen. Wir suchen aus den Bewegungen heraus die Themen. Am Ende möchte ich abstrakte Bilder schaffen, die nicht sofort verständlich sein müssen, aber einen Zustand transportieren.

Sie waren Tänzerin am Ballett in Frankfurt am Main unter Ballettdirektor und Choreograf William Forsythe. Sie sagten einmal, dass er Sie bis an Ihre Grenzen gepuscht hat. Wie meinen Sie das?

Mit seinen künstlerischen Visionen, seinem Spaß und seiner Großzügigkeit hat er uns Tänzer in Ecken gebracht, die wir alleine nie finden würden. Er hat uns gezeigt, dass es keine Grenzen gibt in der Arbeit mit dem Körper, mit der Stimme, mit Emotionen. Und dass man immer mehr kann. Er hat uns auch gelehrt, dass man fünf Minuten vor der Premiere noch mal alles ändern kann. Was natürlich mit dem Risiko verbunden ist, dass etwas nicht funktioniert. Aber ich habe Lust auf dieses Risiko. Ich liebe das Gefühl, dass etwas nie fertig ist, dass es nie genug ist.

Falls man Perfektionist ist, kann man an diesem Gefühl aber auch verzweifeln.

Aber was ist Perfektion? Ich glaube, es gibt sie nicht. Es gibt nur etwas, das einen packt und das man dann noch weiter untersuchen will.

Warum gilt Forsythe als ein so großer Choreograf?

Er ist ein Choreograf, der sich immer neu erfindet und sich von allem inspirieren lässt, zum Beispiel auch von Mathematik, von anderen Wissenschaften, von Kunst, einfach von allem. Mit ihm zu arbeiten, hat eine große kreative Lust erzeugt.

Zu Gast beim Tanzfestival in Chemnitz

Rafaële Giovanola (Foto) ist Schweizerin mit italienischen Wurzeln, geboren aber wurde sie 1960 im US-amerikanischen Baltimore. Als Tänzerin war sie unter anderem beim Ballett Frankfurt/Main engagiert und arbeitete dort unter der Leitung des damaligen Ballettdirektors William Forsythe, der zu den bedeutendsten Choreografen zählt. Im Jahr 2000 gründete Giovanola mit ihrem Mann und Dramaturg Rainald Endraß dann das Tanzensemble Cocoon Dance mit Sitz in Bonn. Sie haben zahlreiche Stücke realisiert, mit denen sie im In- und Ausland gastieren. Als Tanzpädagogin unterrichtet Giovanola zudem Profis und Laien. Das von ihr choreografierte Stück "Ex- Situ" ist beim Festival "Tanz Moderne Tanz" in Chemnitz am 20. Juni, 20 Uhr, im Schauspielhaus zu sehen.

Das Festival "Tanz Moderne Tanz" findet vom 19. bis 23. Juni in Chemnitz statt. An verschiedenen Orten, darunter im Schauspiel- und im Opernhaus, aber auch unter freiem Himmel zeigen Ensembles zeitgenössischen Tanz. Die Gruppen kommen unter anderem aus Frankreich, Litauen und dem Libanon. Das Programm steht auf der Internetseite des Theaters unter der Rubrik Ballett. Ticket-Hotline: 0371 4000430.kl

www.theater-chemnitz.de

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