Tanz überm Tellerrand

Mit der Ballett-Benefizgala hat sich in Chemnitz eine Veranstaltungsreihe etabliert, die zeigt: Tanz ist für alle da! Dahinter steckt eine Frau, die sich nicht mit dem nächstbesten Tellerrand zufrieden gibt.

Chemnitz.

Manchmal kann Tanz zum Weinen schön sein. Wenn er vom Werden und Vergehen erzählt, von Liebe und Abschied, von diesen großen Dingen im Leben, die den Menschen so durchschütteln. Tanz kann das mit seinen Bildern spiegeln, an die Seele des Zuschauers greifen. Erst recht, wenn er mit dieser Energie und Präzision untersetzt ist, wie ihn die rund 20 Tänzer der Palucca-Hochschule in Dresden am Samstagabend auf die Chemnitzer Opernhausbühne brachten. Sie gehörten zu den Ensembles aus Deutschland und Prag, die zur Ballett-Benefizgala des Chemnitzer Theaters auftraten. Zum 6. Mal fand diese statt, erneut war sie ausverkauft. Hinter der Gala steckt eine Frau, die über den Tellerrand hinausschaut: Sabrina Sadowska, Direktorin des Chemnitzer Balletts.

Jahr um Jahr fragt sie bei Hochschulen und Bühnen quer durch Deutschland an, wer für die Benefizgala Tänzer nach Chemnitz schicken kann, die Ausschnitte aus ihren aktuellen Arbeiten zeigen. Vorteil für den Gala-Besucher: Er erlebt an einem Abend verschiedene Tanzstile. Noch deutlicher wird das beim Festival "Tanz Moderne Tanz", das ebenfalls Sadowska stemmt und das im Juni zum fünften Mal stattfinden wird. Da guckt sie nicht nur innerhalb Deutschlands über Tellerränder, da holt sie Ensembles aus Europa, Asien und Afrika nach Chemnitz. Und lässt sie und die eigenen Tänzer des Theaters - die, wie bei Ballettensembles üblich, bereits aus verschiedenen Ländern stammen - teils unter freiem Himmel mitten in der Stadt tanzen. Was Chemnitz als Bewerberin für den Titel Europäische Kulturhauptstadt gut zu Gesicht steht, aber auch der Stadtbevölkerung Impulse sendet: Seht her, wir leben Tanz, wir sind ein Team - und kommen aus aller Herren Länder! Sadowska selbst stammt aus Basel, "einer Stadt mit hoher Stiftungstradition", wie sie sagt. Neben dem Blick über den Tellerrand bringt sie diesen Benefizgedanken ein. Die Stiftungen in Basel stünden für das Miteinander, mit der Benefizgala greife sie das auf. Tanz sei nicht nur für Tänzer und Zuschauer da, sondern für alle Menschen: Die Beteiligten der Gala verzichten auf ihre Gage, das Geld geht an soziale Einrichtungen - diesmal an die von Sadowska mit initiierte Stiftung Tanz, die Tänzer nach ihrer Bühnenkarriere unterstützt, und an den Hospiz- und Palliativdienst Chemnitz. Dort, wo es meist um den Abschied von sterbenden Menschen und dennoch bis zuletzt um das Leben geht.

Große Themen, die sich in dem Stück "Stardust" der Palucca-Hochschule an diesem Abend spiegeln mit synchronem Gruppentanz, der in individuelle Tänze zerspringt, in ein Kaleidoskop schnell wechselnder Positionen der Tänzer - mal als Gemeinschaft einander zugewandt, mal voneinander abkehrend, sich in anderen Konstellationen findend. Ein Epos des Lebens. Dazu sphärisch, treibende Musik, die unter anderem von Hans Zimmer stammt, erfolgreicher deutscher Filmkomponist in Hollywood.

Zu sehen war aber auch der ganz klassische Tanz - auf Zehenspitze, mit schwindelerregenden Drehungen und Sprüngen in "Don Quixote" mit Elena Iseki und Haruto Goto vom Landesjugendballett der Staatlichen Ballettschule Berlin. István Simon, einst Solist des Balletts der Semperoper Dresden, tanzte solo zu Musik aus Schuberts "Winterreise". Tänzer des Thüringer Staatsballetts zeigten aus dem Stück "Festhalten!" einen Mix aus klassischen und modernen Elementen. Der Großteil der Aufführungen aber verschrieb sich dem Verhältnis von Paaren - mit dramatischen, intimen, spielerischen und minimalistischen Bewegungen wurde ein weites Feld bestellt, unter anderen von Tänzern des Theaters Plauen-Zwickau, der Semperoper Dresden, des Balletts Trier, des Tanztheaters Braunschweig und des Bohemia Ballet aus Prag. Choerograf Eno Peçi schrieb zudem das Stück "Rain" für das Chemnitzer Ballett, das Molly Gardiner und Yester Mulens Garcia berührend auf die Bühne brachten. Das Chemnitzer Ballett hatte auch das "Schlusswort": In großer Besetzung zeigte es einen Ausschnitt aus dem mitreißenden Stück "Episode 31" von Alexander Ekman, das im Ballettabend "Nordlicht" zu sehen war und Leben und Tanz feiert. Davon, bat Sadowska, sollen sich die Zuschauer anstecken lassen. Im Opernhaus riss es sie zum Schluss schon mal applaudierend von ihren Sitzen.

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