Tatort-Kolumne: Geister, die ich nicht rief

Eine Betrachtung von Katharina Leuoth

Wer ist verrückt? Gute Frage, um die sich der am Sonntag ausgestrahlte "Tatort" mit dem Titel "Gefangen" drehte. Und gleich in den ersten Minuten eine mögliche Antwort lieferte: Mensch, der Ballauf!

Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), der Kommissar, der mit Freddy Schenk (Dietmar Bär) in Köln ermittelt, sitzt 40 Minuten bei Kriminalpsychologin Lydia Rosenberg und sagt kein Wort. Wer schweigt sein Gegenüber 40 Minuten an? Verrückt! Noch verrückter: Ballauf trifft ständig auf eine Polizistin, die längst tot ist (deswegen landet er bei Kriminalpsychologin Rosenberg). Er hatte die Polizistin in einem vorhergehenden Fall erschossen, weil sie - ja, passend zum Thema - gewissermaßen verrückt geworden war. Nun kreuzt der Geist dieser Frau ständig Ballaufs Weg und sorgt dafür, dass er megaschlecht gelaunt durch den Film irrlichtert und in seinem Kopf "gefangen" ist. Dieser Handlungsstrang läuft parallel zur Krimihandlung, die als eher stilles, nüchternes Verwirrspiel angelegt und nichts für Menschen ist, die Psychiatern beziehungsweise psychiatrischen Einrichtungen ein generelles Misstrauen entgegenbringen. Sie würden hier Bestätigung finden.

Mordopfer ist der Chefarzt einer psychiatrischen Klinik. In den Fokus gerät Patientin Julia Frey, die in dieser Klinik, wie sie sagt, "gefangen" ist (so einfach erklären sich "Tatort"-Titel auch nicht immer). Aber immerhin ist es ihr durch einen verrückten Plan gelungen, unbemerkt der geschlossenen Abteilung zu entkommen, den Chefarzt zu erschießen und den Verdacht auf ihren Schwager zu lenken.

Julias Schwester und ihr Mann sind ein normales Paar, das fürsorglich das Baby der kranken Julia in Pflege genommen hat. Glaubt man. Doch waren auch das Paar und der Chefarzt verrückt. Sie handelten einen Deal aus. Zwar war Julia tatsächlich psychisch krank, doch durch bewusste Fehldiagnosen und die Verabreichung von Medikamenten, die die Krankheit verschlimmerten, sperrte der Arzt Julia auf der "Geschlossenen" weg. Es wird dann ein bisschen kompliziert, aber letztlich wird Julia dort als Gebärmaschine missbraucht, sodass der Arzt ihrer unfruchtbaren Schwester ein Kind verschaffen kann.

Man kann auch fragen, ob diese Krimihandlung verrückt ist. Das fällt aber eigentlich erst auf, wenn man die Handlung nacherzählt. Beim Fernsehen selbst ziehen die Verrückten einen so auf ihre Pfade, dass man sich in einer schlüssigen Geschichte wähnt. Verrückt! Ist letztlich eine Leistung der Filmemacher. Die Geschichte streift zudem ein sensibles Thema. Manche psychisch Erkrankte können medikamentös ihr Funktionieren in der Gesellschaft aufrecht erhalten. Manche aber wollen solche Medikamente nicht nehmen, weil die, so argumentieren die Betroffenen, ihr Wesen verändern. Weil sie damit ruhiggestellt würden. So wie Filmfigur Julia. Der Film hätte noch gewonnen, wenn er dieses Thema intensiver in die Handlung eingeflochten und dafür etwas an Ballaufs Geist-Erscheinungen gespart hätte. Immerhin, er wird seinen Geist los.

3Kommentare

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  • 4
    3
    mops0106
    19.05.2020

    Ich sehe Ballauf/ Schenk gerne. Hier wurde gezeigt, wie belastend Einsätze/ Fälle auf die Psyche sein können. Und ich fand auch gut, dass es kein Erziehungs-Tatort war.

  • 1
    6
    Interessierte
    19.05.2020

    Ich gucke auch gelegentlich mal einen Krimi mit an wie gestern wieder ...
    Es ist schon schlimm , welche Themen da so aufgegriffen werden und was alles los ist in diesem Staate …..

  • 0
    6
    Tauchsieder
    18.05.2020

    ... übrigens einen Mord gab es ja auch aufzuklären, wenn man aber 4/5`tel des Films mit seiner Selbstfindung beschäftigt ist wäre dies beinahe untergegangen. Das Umfeld des Films passte ja, ein psychologisch schwieriger Film, eher ein Griff in die K..schüssel.