Tattoo-Star Randy Engelhard aus Zwickau schlägt Alarm: "Hier wird eine gesamte Branche aufgelöst"

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Legt eine EU-Verordnung ab Januar 2022 die gesamte Tattoo-Branche lahm? Zwickauer Nadel-Artist Randy Engelhard kämpft dagegen an - und erklärt im "Freie Presse"-Podcast, was seiner Zunft droht.

Zwickau/Chemnitz.

"Reach", das klingt nach irgendeiner Beliebigkeit zwischen frisch und egal - doch langsam macht der Begriff die europäische Tattoo-Szene nervös. Die Abkürzung steht für "Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von Chemikalien" und bezeichnet eine Verordnung der Europäischen Union, die die Verwendung bestimmter Stoffe und Zusammensetzungen in Kosmetik-Artikeln erlaubt - oder eben verbietet. Letzteres tut die neueste Version, die im Januar 2022 in Kraft tritt, mit den Farbpigmenten "Blau 15:3" und "Grün7". Das klingt technisch-bürokratisch, entsprechend wenig Beachtung fand der Vorgang Anfang des Jahres. Doch die Wirkung könnte gravierend sein, sagt Tätowierer Randy Engelhard: "68 Prozent aller Farben, die beim Tätowieren benutzt werden, enthalten diese Pigmente. Diese dürfen daher ab diesem Zeitpunkt weder gekauft noch verwendet werden."

Der Zwickauer, spezialisiert auf fotorealistische Hautkunst, ist einer der gefragtesten europäischen Tattoo-Artisten und deutschlandweit nicht zuletzt durch die Serie "Horror Tattoos" beim Fernsehsender Pro Sieben bekannt: Er erkannte die drohende Gefahr als einer der ersten und trommelt seither als Unterstützer einer Petition gegen das Farbenverbot. "Ich hab einfach Angst um meinen Traumjob" sagt er in der ersten Folge von "Etwas Kultur muss sein" - dem neuen Szenepodcast der "Freien Presse". Er erklärt dabei unter anderem, warum die Tattoo-Branche die Gefahr bisher schlicht verschlafen hat und sich stattdessen in einer Untergrund-Mentalität einigelt, die der Realität längst nicht mehr entspricht: Rund 200.000 Tätowierer gibt es derzeit in Europa, und sie fertigen rund 1,2 Millionen neue Hautbilder an. Pro Woche. Etwa 45 Millionen Europäer tragen mittlerweile dauerhafte Bilder in der Haut. Engelhard: "Hier wird eine gesamte Branche durch eine Verordnung aufgelöst"!

Tätowieren ist daher nicht nur ein Kunst-Lebensstil, der längst tief in der Mitte der Gesellschaft verankert ist, sondern auch ein politisch stark unterschätzter Wirtschaftszweig. Die neue "Reach"-Regel wurde nämlich gar nicht für oder gegen die Tattoobranche erlassen, sondern für die Kosmetikindustrie. Die Zusammenhänge erläutert Randy Engelhard im Podcast genauer und erklärt, warum auch Schwarz, die Grundfarbe aller Tattoos, vom Verbot mit betroffen ist.

Doch der Mann spricht nicht nur über Branchenprobleme, sondern berichtet auch viel über die Leidenschaft für Hautkunst. Er erklärt, was der Unterschied ist zwischen "Ich bin tätowiert" und "Ich habe ein Tattoo", spricht von der Verantwortung des Künstlers, dem Kunden dumme Ideen auszureden ("Mein erstes Tattoo hab ich mit 16 bekommen, und ich bereue es"!) und über Trends wie Tattoos im Gesicht und auf Händen. Und nicht zuletzt geht es um die Verbindung von Tattoos und Musik - und die Frage, warum sich Till Lindemann von Rammstein nur von Randy Engelhard stechen ließ.

savethepigments.com

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