The Libertines: Im ewigen Zwiespalt

Nach langer Live-Abstinenz spielte die Band am Dienstag in Berlin und ließ das Publikum teilhaben am Niedergang ihres Frontmannes.

Berlin.

Aus dem Nichts lässt Pete Doherty das Mikrofon fallen, murmelt unverständlich vor sich dahin und wird letztlich von Carl Barât von der Bühne geschoben. Bis es zur Zugabe kommt, dauert es etliche endlose Minuten. Geduld müssen die Fans von The Libertines in der Berliner Columbiahalle am Dienstagabend haben. Denn bis die jungen und alten Fans der vier Engländer diese nach langjähriger gemeinsamer Bühnenabstinenz wieder zu Gesicht bekommen, dauert es gut zwei Stunden, drei Vorbands. Eine lange Pause später schwankt Doherty auf die Bühne und bekommt eine Gitarre umgehängt. Der zweite Frontmann und Gitarrist Barât folgt, feinjustiert ihn, und der erste Song des Abends "Heart of the Matter" wirkt richtungsweisend für die nächsten 90 Minuten. Er erzählt davon, warum dieses arme Herz, obwohl es immer wieder leiden musste, immer noch schlägt. Prägender könnte ein Song nicht für eine Band und vor allem für die Zusammenarbeit der beiden Frontmänner sein.

Die Geschichte der Garage-Indie-Rocker beginnt bereits 1997. Bis es allerdings in die Chartspitzen gehen soll, vergehen weitere fünf Jahre. Das Debütalbum "Up The Bracket" schlägt ein. Es ist der mit weichen eingängigen Melodien verschönerte, schroffe, unpolierte Straßen-Sound, der früher wie heute Indie-Fans ins Schwärmen bringt. Doch schon während der Aufnahmen verschlimmert sich Dohertys Drogenkonsum, er und die Band entfernen sich zunehmend voneinander. Auch die Sessions für den Nachfolger "The Libertines" (2004) leiden darunter. Viele Streitereien, erfolglose Entzüge und Eskapaden und vor allem Konzerte ohne Doherty später, beschließt Barât, die Band pausieren zu lassen. Beide widmen sich fortan erfolgreichen Soloprojekten. Erst 2010 geben sie wieder gemeinsam Konzerte und veröffentlichen weitere fünf Jahre später ihre kommerziell erfolgreichste Platte "Anthems for Doomed Youth". Im Nachgang zur aktuellen Europa-Tour soll nun ein viertes Album erscheinen.

Eigentlich müsste der inzwischen 40-jährige Doherty große Auftritte gewöhnt sein. Doch in seinem zerknitterten Outfit aus Jogging-Jacke, zerrissener Jeans und dem abgewrackten, zerzausten Look, geprägt von Drogensucht und zahllosen Alkoholexzessen, wirkt Doherty verloren, torkelt umher und ist in einer anderen Welt. Immer wieder schlägt er disharmonische Akkorde auf seiner Gitarre an, spielt eine Melodie, die ihm gerade in den Kopf kommt, oder drückt seine Gitarre einem Roadie in die Hand.

Barât lässt sich von all dem nicht aus der Ruhe bringen. Der Vollprofi zieht die Show durch, spielt schöne Melodien und kreiert harmonische Klänge auf dem alten Klavier. Bassist John Hassall und Drummer Gary Powell hingegen warten wohl nur darauf, dass etwas passiert. Zum Glück eskaliert in Berlin nur das Publikum - und das vom ersten Song an. Lieder wie "Up the Bracket" oder "What a Waster" werden aus tiefster Inbrunst mitgegrölt. Die knapp 2000 Besucher feiern dabei ihre Jugend. Denn die Hits der Engländer sind bis heute Aushängeschilder des britischen Indie-Rock und letzte Bastion des Nuller-Rock-'n'-Roll.

Doch die Fragilität dieser Konstellation wird immer wieder deutlich. Doherty steht im Zentrum, weil ihm der Drummer wie einem unbeholfenen Kind die Jacke ausziehen, Barât ihm deutlich machen muss, dass er auf der falschen Gitarre spielt oder weil er seine Einsätze verpasst. Damit lenkt er von der eigentlichen Größe der Band ab, und man fragt sich, wie viel das arme Herz der Libertines noch ertragen kann.

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