Tiefenentspannter Dauerurlauber

Einige Monate vorm geplanten Bühnen- Comeback seines einstigen Modern-Talking-Kollegen Dieter Bohlen reist jetzt Thomas Anders erstmals auf Solo-Tour durch Deutschland. Zum Auftakt in Erfurt wird der Entertainer bejubelt: Vorher stichelt er ein bisschen.

Erfurt.

Zu vielen Stationen seiner Karriere hat Thomas Anders Anekdoten zu berichten. Sogar historische TV-Aufnahmen hat er für das Publikum in Erfurt beim Auftaktkonzert seiner ersten deutschen Solo-Tour überhaupt dabei. Pikantes aus der Zeit, als er gemeinsam mit Dieter Bohlen als Modern Talking Welthits hatte, gibt der in Koblenz lebende Sänger am Donnerstagabend in der Messehalle der thüringischen Landeshauptstadt allerdings nicht zum Besten. Das nehmen ihm die mehr als 2000 Zuschauer nicht weiter übel - denn die Hits von früher spielt er ja trotzdem. Für Trübsal ist in der gut zweistündigen Show dann auch kein Platz. "Das Leben ist jetzt", singt der 56-Jährige unverfänglich und trägt andere eingängige Zeilen zum Mitsingen vor - darunter auch eine deutsche Version des Hits "Human" der Rockband The Killers und das Pop-Schlager-Duett "Sie sagte doch, sie liebt mich" mit einem digital auf der Videowand im Hintergrund tanzenden Florian Silbereisen. Groß ist der Jubel auch, als sich die vom Publikum gewünschte Zugabe als "You're My Heart, You're My Soul" entpuppt.

Im Publikum finden sich viele, die ein ähnlicher Jahrgang wie Anders sein dürften. Auch Russisch ist zu hören - Modern Talking war mit die erste West-Musik, die offiziell in der UdSSR verkauft werden durfte, Anders genießt in Russland daher Kultstatus. Geholfen haben dürfte dabei, dass der Interpret auf politische Bezüge in der Musik verzichtete. "Ich hab ganz klar meine Meinung zur Politik, kann sie auch gerne kundtun, aber das würde musikalisch nicht zu mir passen", sagt Anders. "Jeder hat seine Nische, und das ist auch gut so. Ich setze eher auf Lebensphilosophie als auf Protest."

Auftritte als Kind mitgezählt, feiert Anders dieses Jahr sein 50-jähriges Bühnenjubiläum - trotzdem sei es nun das erste Mal, dass er solo in Deutschland auf Tournee gehe. Vorher habe es sich wegen jährlich mehrerer Dutzend Konzerte im Ausland einfach nie ergeben, sagt Anders. Ein anderer Grund dürfte gewesen sein, dass er wegen fehlender Rechte nur mit seinem, nicht aber mit dem Namen "Modern Talking" werben durfte. Nicht zuletzt deswegen prozessierte er lange gegen die beiden Vogtländer André Brandt und Michael Beurich, die viele Jahre als "Modern Talking Reloaded" die berühmte Gruppe mit einer quasi Vollplayback-Show imitiert hatten und dabei anders als Anders deren Namen geschickt nutzten: Das Landgericht Hamburg gab ihm Ende 2018 schließlich Recht und untersagte dem Duo Namensnutzung sowie die von Fotos mit zu großer Ähnlichkeit - bei Androhung einer Viertelmillion-Euro-Strafe.

Nun also ist Anders als er selbst unter dem Titel "Ewig mit Euch" in Deutschland unterwegs. Mit Modern Talking verkaufte er bis zur endgültigen Trennung 2003 weltweit mehr als 120 Millionen Tonträger - die Kombo ist damit eines der erfolgreichsten deutschen Musikphänomene. Zur ersten Hochzeit in den 80er-Jahren trug Anders seine legendäre "Nora"-Kette - beim Konzert in Erfurt singt er ein Lied für seine jetzige Ehefrau Claudia. So wie die Kette sind auch Fönfrisur und Anders' Kleidungsstil von früher verschwunden. Geblieben ist das Erscheinungsbild eines tiefenentspannten Dauerurlaubers mit Jackett und legeren Turnschuhen. Aber nicht als Zeichen von Reue: "Aus heutiger Sicht würde ich es genauso wieder machen. Ich habe das Gefühl, dass ein großer Teil der weiblichen jungen Bevölkerung wie die Kardashians aussehen möchte. Das ist doch furchtbar und ein weltweites Phänomen."

Tatsächliche Doppelgänger aus dem Clan rund um US-Unternehmerin und Reality-TV-Star Kim Kardashian sucht man in Anders' Publikum zwar vergeblich - dafür wehen bei vielen Frauen die überlangen Blusen über den Jeans, wenn sie etwa bei Modern-Talking-Nummern wie "You Are Not Alone" im Takt klatschen. Auch Jüngere sind gekommen: Eine Gruppe Erfurterinnen Anfang 30 erklärt unter Jubel, wie sehr sie den Abend auch ohne Bohlen feiern.

Dabei hat auch der "Deutschland-sucht-den-Superstar"-Juror für dieses Jahr nach langer Bühnenabstinenz ein Tour-Comeback angekündigt, natürlich mit Modern-Talking-Liedgut im Gepäck. Einen medienwirksamen Streit mit Capital Bra, einem der Rapper der Stunde, hat er sich dazu schon geliefert, und der "Beef" löste sich auch bereits per "Cheri-Cheri-Lady"-Rapversion in Wohlgefallen auf. Diese Variante des früheren Modern-Talking-Hits kenne er überhaupt nicht, sagt Anders. Eine Meinung dazu hat er trotzdem: "Für mich ist Musik etwas, das Emotionen erzeugen muss und sollte kein Marketing-Experiment werden." Er selbst könne es sich schwer vorstellen, mit einem Rapper zusammenzuarbeiten. "Jedoch sollte man nie ,nie' sagen, aber ich finde grundsätzlich, nur etwas zu tun, um jugendlich zu wirken, ist doch sehr durchschaubar."dpa/manu/tim

Im Konzert Thomas Anders gastiert am heutigen Samstag in der Arena Leipzig. Karten gibt's in allen "Freie Presse"-Shops. meinticket.freiepresse.de

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