Tönendes Universum

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Die Berliner Philharmoniker ehren den Sinfoniker Gustav Mahler erstmals mit einem Zyklus exzellenter Konzertmitschnitte.

Berlin.

Es ist fast ein Wunder, dass die Berliner Philharmoniker erst jetzt, nach gut 100-jähriger Geschichte der Tonaufnahme, eine Gesamteinspielung der Sinfonien Gustav Mahlers vorlegen. Die Mahler-Tradition des Orchesters reicht bis tief in die Schaffenszeit des Komponisten zurück: Dieser brachte 1895 seine 2. Sinfonie mit den Berliner Philharmonikern zur Uraufführung. Weitere seiner neun vollendeten Sinfonien erlebten wenige Monate nach ihrer Geburt erste Aufführungen in Berlin.

Für Jahrzehnte verstummte dann Mahlers Werk, wurde gar für tot erklärt. Die Renaissance seiner visionären Tonsprache begann in den 1960ern. Leonard Bernstein setzte mit seinen Kompletteinspielungen erste Meilensteine. Eine zentrale Rolle nimmt Mahlers Sinfonik auch unter den letzten Chefs der Berliner Philharmoniker ein: Claudio Abbado, Sir Simon Rattle und Kirill Petrenko. Sie zählen zu den acht Maestri mehrerer Generationen, die auf dieser Box vereint sind. Abbado leitete anlässlich Mahlers 100. Todestag im Mai 2011 das jenseitig klingende Fragment der zehnten Sinfonie. Da begann die Chronologie dieses Zyklus. Er schloss im Januar 2020, kurz vor dem ersten Corona-Lockdown, mit einer bedrohlich-düsteren "Sechsten" unter Petrenko.

Die Abende im Großen Saal der Berliner Philharmonie wurden zu Festen. Dank exzellenter Klangqualität und Bildregie lässt sich dies zu Hause sehr gut nacherleben. Es lohnt sich, mit dieser Box ins private Konzert zu gehen: Termine planen, Garderobe anlegen und die Nachbarn um Ruhe und Verständnis für alles Fortissimo bitten. Daniel Harding sensibilisiert mit dem sinfonischen Erstling für einen Mahler, der neue Bahnen brach - nicht zuletzt mit seiner Verschmelzung von Sinfonik und Lied. Andris Nelsons und Simon Rattle loteten in den Partituren der "Zweiten" und "Achten" nach der Kraft weltumspannender Liebe und fanden neben dem Orchester im MDR-Rundfunkchor einen idealen Gestalter. "Denken Sie sich, dass das Universum zu tönen und zu klingen beginnt", schrieb Mahler an Dirigentenfreund Willem Mengelberg, der die "Achte" mit den Berlinern zur Erstaufführung brachte. Rattle griff dies auf, formte die menschliche Botschaft aber zugleich mit kammer-musikalisch feiner Geste. Grandioses leistete einmal mehr Gustavo Dudamel. Feurig und tief verinnerlicht leitete er die dritte und fünfte Sinfonie.

Diese erste Gesamteinspielung der Mahler-Sinfonien der Berliner ist mustergültig, ohne frühere Einzelaufnahmen des Orchesters oder Bestes von den Kollegen zu entwerten. Für den Rezensenten bleiben die "Zweite" mit Herbert Blomstedt und San Francisco Symphony und die "Neunte" mit der Staatskapelle Dresden unter Giuseppe Sinopoli weiter unerreicht. Die edle Hardcover-Box enthält die Mitschnitte auf zehn CDs in 24-bit-Audio und vier Blu-ray-Discs. Ein Bonusvideo lässt die Dirigenten zu Wort kommen. Das Begleitbuch bietet neben Werkeinführungen lesenswerte Essays. Das Cover gestaltete der amerikanische Künstler Robert Longo mit dem Bild "Untitled (Small Earth)". Wie treffend, ist es doch der Maßstab eines sinfonischen Werks, dessen Monumentalität und Schönheit für sich spricht. Von Titeln oder Programmen wollte Mahlers hingegen früh nichts mehr wissen.

Der ZyklusGustav Mahler, Sinfonien 1 bis 10 mit den Berliner Philharmonikern auf zehn CDs und vier Blu-ray-Discs.

30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Testen Sie die digitale Freie Presse unverbindlich.
Erhalten Sie Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de
(inkl. FP+ und E-Paper). (endet automatisch)
 
30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de und E-Paper. (endet automatisch)
Jetzt 0€ statt 20,99 €
00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.