"Tradition und Form": Leserpreis für Liebespaar

Die Leser der "Freien Presse" haben beim Wettbewerb "Tradition und Form" 2018 des Kunsthandwerkerverbandes ein klares Votum abgegeben. Heute wird das Geheimnis um alle Preisträger gelüftet.

Drechsler Arndt Winkler mit den Figuren Wilhelm und Hermine, die den diesjährigen Publikumspreis der "Freien Presse" gewonnen haben.
Einen Hauptpreis der Jury erhält die Klötz'l-Pyramide samt Lichterbogen, die Norman Horatzschek vom gleichnamigen Kunsthandwerksbetrieb in Tannenberg für den Wettbewerb 2018 einreichte.
Einen Hauptpreis bekommt auch der Lichterengel mit beleuchteten Flügeln der Emil A. Schalling KG Seiffen.
Der Baukasten der Holzspielwaren Ebert GmbH Olbernhau, der auch als Würfelspiel funktioniert, wurden ebenfalls mit einem Hauptpreis bedacht.

Für Sie berichtet: Gabi Thieme

Arndt Winkler geht auch mit 67 Jahren jeden Tag gern zur Arbeit. Der Drechsler wohnt in dem kleinen Dorf Gahlenz in Mittelsachsen - nur einen Katzensprung von seinem Arbeitsplatz entfernt. Immer wieder sorgte sein Betrieb, die Erzgebirgische Holzkunst Gahlenz, in den vergangenen Jahren bundesweit für Schlagzeilen, darunter zweimal durch Einträge ins Guinness-Buch der Rekorde: mit dem mit 7,14 Meter weltgrößten Nussknacker direkt vor dem Werkstor sowie der größten Pyramide, die sich mit 14,62 Metern im Advent auf dem Dresdner Striezelmarkt dreht.

Nun sorgt Winkler selbst für Schlagzeilen. Er ist maßgeblich an der Geburt von Wilhelm und Hermine beteiligt - jenem gedrechselten Pärchen, das der Betrieb in diesem Jahr als Neuheit für den Wettbewerb "Tradition und Form" des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller eingereicht hat. Einen Hauptpreis der Jury erhielt die Arbeit nicht. Aber das Liebespaar ist der Liebling der "Freie Presse"-Leser: Es gewann den zum zehnten Mal von der Zeitung ausgelobten Publikumspreis.

An der Abstimmung beteiligten sich 1965 Leser. 383 erklärten Wilhelm und Hermine zum gelungensten unter den 13 nominierten Wettbewerbsbeiträgen. Im Unterschied zum Vorjahr fiel die Entscheidung diesmal knapp aus. Die von der Drechslerei Kuhnert in Rothenkirchen eingereichten Mini-Eulen erhielten nur 20 Leserstimmen weniger. Und auch die fünf Räuchermann-Wintersportler der Firma Kleinkunst aus dem Erzgebirge Müller in Seiffen verfehlten den Publikumspreis nur knapp. Übrigens: Kein nominierter Wettbewerbsbeitrag fiel bei den Lesern ganz durch.

Arndt Winkler, einer der drei Gestalter von Wilhelm und Hermine, freut sich besonders über das klare Leservotum. Er begann 1966 als Lehrling im Betrieb, als der noch nicht einmal verstaatlicht war. Er hat alle Höhen und Tiefen bis zur Wende und danach miterlebt. Seit etwa zehn Jahren drechselt er ausschließlich moderne Formen. "Da grübelt man natürlich auch, was man Neues machen könnte", erzählt der Drechsler. Ein Pärchen habe ihm vorgeschwebt. Mindestens zehnmal habe er Formen ausprobiert, aber dann immer wieder verworfen. Zuerst sei er mit der Frau zufrieden gewesen, habe ihr einen eleganten Hut mit einer gedrechselten Rose darauf verpasst, dazu Schirm und Handtasche. Der Einsatz verschiedener Hölzer unterstreicht ihre Eleganz. Mit dem Mann - in Frack und Zylinder - habe er sich etwas schwerer getan. Es sei aber seine Absicht gewesen, dass die Dame überlegen wirkt, sagt Arndt Winkler. Er rückt das Paar zurecht und vor allem eng zusammen. "Es ist die Phase der Anmache, der ersten Begegnungen", sagt der der 67-Jährige schmunzelnd.

Auch Gundolf Berger freut sich über das Produkt. Der geschäftsführende Gesellschafter ist ebenso wie Klaus Kaden Mitgestalter. "Außer auf Weihnachtsmärkten in Chemnitz, Leipzig, Dresden, Annaberg und Erfurt, wo wir mit eigenen Ständen vertreten sind, haben wir kaum direkten Kontakt mit Kunden. Deshalb ist das Feedback der ,Freie-Presse'-Leser für uns ein wichtiges Signal", sagt Firmenchef Berger.

Von den 420 verschiedenen Artikeln, die pro Jahr in Gahlenz von 40Beschäftigten hergestellt werden, sind inzwischen knapp ein Viertel Figuren, mit denen man die eigenen vier Wände das ganze Jahr über schmücken kann. Darunter allen voran die inzwischen legendären Sternkopf-Engel, eine Katzenserie des Zschopauer Designers Frieder Weisflog sowie die Rauchfiguren "Finanzprüfer", die 2013 einen Hauptpreis im Wettbewerb "Tradition und Form" erhielten. Auch für Wilhelm und Hermine hoffen die Hersteller und Gestalter auf rege Nachfrage. Allerdings sind die beiden "Nichtraucher", dafür um so besser zum Beispiel als Hochzeitsgeschenk geeignet. Ein erster Test wird die Geschenkefachmesse Cadeaux Anfang September in Leipzig sein. Zum Glück seien die Fachhändler nicht mehr so zurückhaltend gegenüber Neuem wie noch vor zehn Jahren, meint Gundolf Berger.

Der 63-Jährige arbeitet seit 1982 im Betrieb, der da schon 85 Jahre existierte. 1897 als Gahlenzer Kunstanstalt gegründet, hielt er sich bis 1972 als Privatunternehmen. Dann folgte die Zwangsverstaatlichung und die Angliederung von insgesamt sechs Betriebsteilen. 1989 hatte der damalige VEB Raum- und Tafelschmuck 130 Beschäftigte. Nachdem die geplante Reprivatisierung durch den Alteigentümer Paul Sternkopf und seinen Neffen nicht zustande kam, übernahmen Gundolf Berger als Diplomingenieur für Verfahrenstechnik und sein langjähriger Kollege Jochen Schumann im Rahmen eines Management-Buy-outdas Unternehmen. Der Alteigentümer wurde über das Investitionsvorranggesetz entschädigt. Er arbeitete aber bis zu seinem Tod 1992 in der Firma. Die neuen Chefs mussten sich verpflichten, 50 Leute für mindestens fünf Jahre zu beschäftigten. Es gelang ihnen sogar, die Belegschaft auf 80 Mitarbeiter hochzufahren. Doch mit der Euro-Einführung brach der gesamte Absatz in den USA weg, weil die Kunden dort nicht bereit waren, für die entstandene Teuerungsrate aufzukommen. 30 Prozent der Produktion waren bis dahin nach Nordamerika gegangen. "Wir haben fortan altersbedingte Abgänge nicht mehr durch Neueinstellungen ersetzt", sagt Berger. Heute würde er angesichts eines Durchschnittsalters der Belegschaft von mehr als 50 Jahren gern wieder Lehrlinge ausbilden, finde aber keine.

Absatzsorgen habe die Firma aktuell trotz zahlreicher asiatischer Mitbewerber nicht. Inzwischen macht das Unternehmen zehn Prozent seines Umsatzes mit Großfiguren und Großpyramiden, die für Dekorationszwecke bis nach Japan verkauft werden.

Weitere Sonderpreise

Der Preis für hervorragende Traditionspflege - Kategorie Holzspielzeug - geht an die Kunstgewerbe Frieder und André Uhlig e. K. in Seiffen für die Serie Puppenstubenservice und -leuchter. Die seit fast 70 Jahren hergestellte Serie wird bis heute unverändert produziert, bisher 1,2 Millionen Stück. Die Spielsachen stehen für die Tradition des Erzgebirgischen Holzspielzeuges, wie es im Seiffener Raum sehr verbreitet war.

Ein Preis für hervorragende Traditionspflege geht auch an die Erzgebirgische Holzkunst Gahlenz für ihre "Lichtträger Engel und Bergmann - reich bemalt". Über 10.000 Paare wurden seit 1964 hergestellt.

Der Nachwuchspreis des Kunsthandwerkerbandes geht an die Drechslerei am Schwarzwasser in Jöhstadt. Der 29-jährige Firmeninhaber Robert Weigel setzt mit dem neuen Räuchermann Nachtwächter das hohe kunsthandwerkliche Niveau der Werkstatt fort.

Der Preis der Erzgebirgssparkasse geht an die Drechslerei Kuhnert in Rothenkirchen für die Rauchmannserie "Meisterstücke". Die Erzgebirgssparkasse würdigt die schlichte moderne Gestaltung der Figuren.

Der Preis des Landrates des Erzgebirgskreises geht an Holzbildhauermeister Dietmar Lang. Gewürdigt wird anlässlich seines 70. Geburtstags sein Wirken als Holzbildhauer und der Einsatz für die Vermittlung des Handwerks an Kinder und Jugendliche sowie als Vorsitzender des Verbandes Erzgebirgischer Schnitzer. (gt)

Diese Leser haben mitgestimmt und gewonnen

Der Hauptgewinn, das Pärchen Wilhelm und Hermine, hergestellt in der Firma Erzgebirgische Holzkunst Gahlenz, geht an Klaus Schneider in 08529 Plauen.

Vier weitere Preise in Gestalt von lustigen Picus-Räuchermännern haben gewonnen: Ellen Claußnitzer in 09114 Chemnitz, Sabine Endler in 08645 Bad Elster, Antje Marschner in 08112 Wilkau-Haßlau sowie Angela Reichel in 09496 Marienberg/OT Rittersberg. Allen Gewinnern herzlichen Glückwunsch und ein Dankeschön fürs Mitmachen. Den Preisträgern werden ihre Gewinne zugestellt. (gt)

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