"True Crime" - Hörbarer Schrecken

Autor Matthias Ramtke über echte Kriminalfälle, die als "True Crime" das Publikum begeistern

Chemnitz.

Kriminalgeschichten, die echte Fälle aufgreifen, erfreuen sich enormer Beliebtheit. Um Mord geht es auch in der neuesten Krimi-Geschichte von Matthias Ramtke. In "Siebenundzwanzig" wird ein zweijähriger Junge von zwei Zehnjährigen misshandelt und ermordet. Es gibt 27 Zeugen, die vor dem Mord den bereits verletzten Zweijährigen in Begleitung der anderen Jungen sehen - eingeschritten ist aber keiner der Männer und Frauen. Ausgedacht ist dieser Fall nicht - mit wenigen Ausnahmen ist die Tat genau so geschehen. Die sogenannte True Crime weckt die Faszination für das Abscheuliche. Mit dem Autor aus Hohenstein-Ernstthal sprach Sophie Schober.

Freie Presse: Herr Ramtke, wie kamen Sie zu Ihrem Fall?

Matthias Ramtke: Ich habe recherchiert und bin auf diesen sehr ungewöhnlichen Kriminalfall aus England gestoßen: 1993 wurde dort ein zweijähriger Junge von zwei Zehnjährigen ermordet. Als Vater hat mich das so schockiert, dass ich es verarbeiten musste. So ist die Geschichte "Siebenundzwanzig" entstanden.

Sie sagten, der Fall habe Sie beschäftigt. Ist das Schreiben für Sie auch ein Ventil?

Auf jeden Fall. Manchmal stoße ich in meinen Recherchen auf neues Material oder Ereignisse, über die ich mir tagelang den Kopf zerbreche. Das war bei dem Mord genau so. Da ich eine Geschichtefür den Sammelband "Sachsenmorde" schreiben sollte, war für mich klar, dass das Schicksal des Kleinkindes meine Basis sein sollte. Dann ging das Schreiben auch sehr schnell, es sprudelte förmlich aus mir heraus. Das ist immer auch ein gutes Zeichen. Dann wird die Geschichte authentisch.

Muss man Morde und Misshandlung wirklich detailliert beschreiben?

Nein. Natürlich erzähle ich, dass der Junge wie im Originalfall geschlagen und getreten wird, bevor er stirbt. Detailliert beschrieben wird das aber nicht. Ich gehe mehr auf die Ermittlung und die Verzweiflung von Kommissar Nickel ein, der es in den Vernehmungen fast nicht erträgt, dass keiner der 27 Zeugen dem Jungen geholfen hat. Auch ihn nimmt das mit.

Woher kommt eigentlich diese Begeisterung für solche abscheulichen, realen Straftaten?

Ich glaube, dass der Mensch immer ein Voyeur ist. Angst lässt sich halt am besten daheim auf der Couch aushalten. Man lässt sich bei Krimis immer auf Geschichten ein, bei denen man sich keinesfalls vorstellen kann, dass sie einem selbst passieren könnten, und man kann immer wieder in die Realität zurück. Außerdem sind echte Geschichten viel glaubwürdiger als erdachte Krimis. Ich selbst bin Fan von Krimis, die intelligent sind, die eine ausgefuchste Handlung haben, bei der ich gezwungen bin, mitzudenken. Genau das hat man oft auch bei "True Crime", dort wirkt die Handlung oft nicht gewollt verstrickt.

Kommt daher auch die Begeisterung für Serien, Podcasts oder Filme, die sich mit "True Crime" beschäftigen?

Absolut. Es ist eben nicht wie im "Tatort". Immerhin gibt es dort meist ein gutes Ende, der Täter wird gefasst, bekommt eine gerechte Strafe, und alle Konflikte werden am Ende des Films gelöst. In der Realität ist das nicht so. Da ist es auch möglich, dass eben Kinder zu kaltblütigen Mördern werden. In Film und Fernsehen ist das weniger zu sehen.

Wenn "True Crime" immer beliebter wird, verschwimmt dann nicht die Trennlinie zwischen Realität und Fiktion?

Ich kann mir gut vorstellen, dass einige Leserinnen und Leser nicht mehr klar trennen können, was ausgedacht und was tatsächlich geschehen ist. Aber ich denke doch, dass die meisten Leser genau einordnen können, wie real manche Fälle sind und welche eben nicht. "True Crime"-Geschichten sind ja immer auch als solche zu erkennen.

Woher kommt denn eigentlich Ihre eigene Begeisterung für Horror?

Ich habe mich schon als Kind für Fantasygeschichten begeistert, als ich älter wurde habe ich mich immer mehr für die dunklen Seiten der Menschen interessiert. Da war für mich als Autor schnell klar, dass Fantasy und Krimis meine Genre sind. Und jetzt wechsle ich zwischen den Genres, je nachdem, welche Geschichte ich im Kopf habe.

Brauchen Sie zum Schreiben eine besondere Stimmung?

Ja. Aber vorher muss ich den Kopf frei haben. Da scrolle ich oft durch Facebook. Dann mache ich Musik an und schreibe meine Geschichte auf. Die Musik bei Fantasy-Geschichten ist immer sehr orchestral, ohne Text, dafür aber sehr tragend und episch. Für Krimis höre ich gern sehr düstere, aber ruhige Musik. Da kann ich mich dann auch gut in die Stimmung für einen Kriminalfall einfinden.

Haben Sie schon vor dem ersten Satz einen genauen Plan, wie die Geschichte letztlich ausgehen soll oder wie die Charaktere sind?

Ein grobes Gerüst über die Handlung habe ich von Anfang an. Aber auch die entwickelt sich während des Schreibprozesses. Bei den Charakteren ist das ähnlich. Sie entwickeln sich erst so richtig, während ich schreibe. Hätte ich schon eine genaue Beschreibung der Figuren, würde mich das sehr in meiner Kreativität einschränken und das will ich nicht. Ich bin also auch mein erster Leser, da ich selbst nie so richtig weiß, wie sich die Geschichte und die Figuren entwickeln.

Schaffen es auch einzelne Figuren, in mehreren Geschichten aufzutauchen?

Ja. In meinen Fantasygeschichten gibt es beispielsweise einen alten Grafen. Er ist ein alternder Held und oft der einzige Helfer für die anderen Figuren. Und Ermittler Nickel, den ich für "Siebenundzwanzig" entworfen habe, soll in Zukunft noch in anderen Geschichten eine wichtige Rolle spielen. Ihn kann man wohl am Besten als einen Mann beschreiben, der schon viel gesehen hat, ein richtiger Haudegen also. Da gibt es genug Potenzial, dass er noch weiter ermitteln wird.


Autor und Buch 

Matthias Ramtke wurde 1990 in Lichtenstein geboren und begeistert sich seit seiner Kindheit für Fantasy- und Horrorgeschichten. Hauptberuflich ist der Autor Erzieher in einem Hort in Callenberg, er lebt in Hohenstein-Ernstthal. Seit seinem ersten Roman, den er mit 15 geschrieben, aber nie veröffentlicht hat, verfasste er 20 Kurzgeschichten und zwei Novellen, die in verschiedenen Sammelbänden erschienen sind. Mit "Blutzoll" veröffentlichte er 2018 seinen ersten Roman im Amrun-Verlag. Die Geschichte "Siebenundzwanzig" erschien im März im Sammelband "Sachsenmorde 3", herausgegeben von Andreas M. Sturm im Verlag Edition-Krimi. Am 28. November wird Ramtke seine Geschichte in einer Lesung im Hohensteiner Amtsgericht präsentieren. (scso)


Mord und Totschlag - Das "True-Crime"-Projekt der Volontäre 

Auch die Volontäre der "Freien Presse" haben sich mit dem Phänomen "True Crime" beschäftigt und in einem Projekt eine interaktive Karte mit Tatorten der bekanntesten Morde in Chemnitz erstellt. Diese 13 realen Kriminalfälle gibt es auf einen Klick zum Lesen und als Podcast zu hören. So wird beispielsweise von Grete Beier erzählt, die ihren Verlobten umbrachte, weil sie sich in einen andern Mann verliebt hatte, der für ihre Eltern aber nicht standesgemäß war. Diesen Mord bezahlte die junge Frau mit ihrem Leben. Grundlage des Projekts ist das Buch "Es geschah im Küchwald" von "Freie Presse"-Redakteur Jens Eumann, gesprochen wurden die Geschichten von Matthias Zwarg. (scso)

freiepresse.de/voloblog

Das Projekt mit interaktiver Karte und Podcasts finden Sie unter www.freiepresse.de/truecrime.

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