Über Kreuz

Heute steht der Begriff "Crossover" für längst übliche musikalische Verbrüderungen aller Art. In den 90ern, als Subkulturen noch streng getrennt waren, ging das noch nicht so locker: Das Wort stand daher auch in Deutschland für ein eigenes Genre, in dem einige wenige Bands den Aufstand probten. Mit weitreichenden Folgen!

Die Neunziger sprühten nur so vor popkulturellen Phänomenen: Techno, Grunge, deutscher Hip Hop. Doch da war noch was: der sogenannte "Crossover" - ein Genre, das heute droht, in Vergessenheit zu geraten, obwohl es in vielerlei Hinsicht sehr befruchtend war. Vor allem, weil damit eine "Über-den-Tellerrand"-Denkweise etabliert wurde, die heute noch nachklingt - weil es mittlerweile nichts Verwerfliches mehr ist, verschiedene Musikrichtungen zu kombinieren und zu etwas Neuem zu verschmelzen. Solche Ansätze gab es seit dem Jazz auch in der Pop- und Rockmusik zwar immer wieder, und heute sind Musiker wie David Garrett oder Andreas Gabalier mit derlei Mixturen weithin erfolgreich, gelten nicht festgelegte Bands von Linkin Park bis Red Hot Chili Peppers als Mainstream. Doch erst der Crossover der 90er war es, der scheinbar Gegensätzliches zusammenbrachte, wo zuvor bereits leichte Genre-Grenzübertritte als Innovation galten: Noch in den 80ern waren die verschiedenen Stilrichtungen des Pop recht streng getrennt.

Vor allem das internationale Rock-Terrain inkorporierte den Crossover und kreierte damit seine eigene kleine Welt. So gelten Bands wie Faith No More mit ihrem Funk-Rock-Mix, Rage Against The Machine mit ihrem Polit-Rap-Metal oder die Hardcore-Metal-Hip Hop-Mixer von Dog Eat Dog bis heute als einflussreiche Rootbands, deren Zündfunken in der ganze Welt aufgegriffen wurden. In Deutschland etablierte sich, angespornt von diesen Genrehybriden, ein relativ klares "Crossover"-Stilkonzept: metallene Gitarren, extratiefe Bässe sowie ein Mix aus Sprechgesang und eingängigen Melodien, deren Drive und Energie auch zufälligerweise gut in den sich etablierenden Funsportsektor, speziell die Skater- und Boarderszene passte.

Die Anschieber: H-Blockx Heute kaum vorstellbar: einer der aktuellen Sänger der Söhne Mannheims, Henning Wehland, war früher Kopf der Münsteraner Band H-Blockx, deren Debüt sich vor allem bei den amerikanischen Kollegen orientierte und zum Crossover-Superhit wurde: die Gitarren sind wenig verschnörkelt, bringen aber eingängige Melodien hervor, den Gesang hätte Mike Patton von Faith No More nicht besser hinbekommen, und den Basslauf würde Flea von den Red Hot Chili Peppers heute noch nicht so akkurat zupfen. Genau dieser Mix traf den Nerv und setzte Rekorde. Die Band spielte auf dem angesagten und ausverkauften Snowboard-Event "Air&Style". Der Song "Risin' High" mit seinem hallenden Lautsprecher-Gesang, die treibenden Gitarren und DJ-Samples avancierte so schnell zu einer Sport-Hymne. Eine Ernte, die auch darauf aufbaute, dass es zu der Zeit bereits einen brodelnden Untergrund für derlei Musik gab: junge Bands, die die alten Schubladen mehr und mehr satt hatten, tobten sich massenweise in Crossover-Experimenten aus. Viele Bands gründeten auch Nebenprojekte - die Die Fantastischen Vier beispielsweise, die zusammen mit der Band Megalomanix das Projekt "Megavier" an den Start brachten.
 

Die Profis: Thumb Dass Crossover und Skater zu einer fast untrennbaren Einheit verschmolzen, war auch der Verdienst von Profi-Skater Claus Grabke, Sänger und Kopf der Band Thumb. Die Gütersloher veröffentlichten 1997 mit "Exposure" ihr Zweitlingswerk und brachten eine neue härtere Nuance in den deutschen Crossover, der sich bereits stark am neuen amerikanischen Phänomen Nu Metal orientierte. Die Gitarren und Bässe dröhnen schließlich gemeinsam am Anschlag, pushen sich gegenseitig an den leicht sphärischen Melodien und entladen sich zusammen mit einem wilden Getrommel und Grabkes kratzig wütendem Sprechgesang und harmonieren mit den zahlreichen DJ-Samples. Thumb und die H-Blockx durften Mitte der Neunziger sogar in den USA an der bis heute legendären und von der Skater-Marke "Vans" gesponsorten "Warped"-Tour mit Punkrock-Legenden wie Bad Religion und NOFX oder den Nu-Metal-Helden Deftones auftreten.

Eigenwillig: Such a Surge Die Braunschweiger von Such a Surge hatten eine andere Definition von Crossover und setzten auf Rap, Jazz, Metal und neben Englisch und Französisch vor allem auf Deutsch. Mit diesem Trademark hoben sie sich im Mix deutlich gegenüber den eher am Spaß orientierten Genre-Kollegen ab. Allein der Song "Gegen den Strom" baut sich zwischen Scratch-Samples, aggressiven Gitarren, gleichmäßig knallenden Drums fett auf, bis der Rap-Gesang Zeilen wie "Doch man vergiss schon bald, bis es wieder knallt, sich die Gewalt ein neues Opfer krallt und keiner schnallt was in diesem Land passiert. Lang genug war ich schockiert. Jetzt bin ich motiviert" herausfeuert, die auch mehr als 20 Jahre später aktueller denn je sind.

Die Spitzenjäger: Guano Apes Im gleichen Jahr lieferten die Guano Apes mit "Proud like a God" ihr Debüt ab - und sorgten für ein kleines Aufsehen. Denn erstmals steckte mit Sandra Nasic eine Sängerin in den zum Szene-Markenzeichen avancierten Cargo-Hosen am Mikrofon. Das Genre öffnete sich damit gleichzeitig auch weiter in Richtung Rock mit klarem Gesang, weniger hartkantigen Melodien und den höheren Chart-Platzierungen. Das Echo zum Debüt fiel allerdings anfangs verhalten aus - bis zur Auftragsarbeit für die anstehenden Snowboardweltmeisterschaft: Mit "Lords of the Boards", das vor allem von seinem Schrei-Refrain und den eingebunden in tiefe, um die Wette knallenden Bässe und Gitarren und den tingelnden Sound-Samples lebt, entstand genau der gewünschte und kommerziell supererfolgreiche Hit und hievte die Göttinger an die deutsche Crossover-Spitze.

Die Anderen Das Phänomen Crossover ging in den 90ern so weit, dass immer mehr Plattenfirmen versuchten, ihren Nachwuchs entsprechend zu prägen. Das ging oft schief, brachte aber auch Perlen hervor, zum Beispiel die Schweriner Band Das Auge Gottes: Die ursprünglichen Funkrocker lieferten, aufgemotzt mit X-Elementen, drei fulminante Alben ab. Oder aber, den Bands waren selbst die neu gesteckten Grenzen zu eng - wie im Fall der Leipziger Think About Mutation. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, präsentierte das Sextett einen schier unendlichen Stilfundus zwischen bretthartem Metal, grellem Techno und süßem Synthie-Pop. Jeder Song wollte da eine Revolution sein - was der Gruppe auf Meilenstein-Alben "Housebastards", "Virus" oder "Hellraver" auch bis an die Schmerzgrenze gelang. Dieser kreative, leicht verrückte Mut brachte die Leipziger europaweit sogar ins Vorprogramm von Bands, die unterschiedlicher nicht sein könnten und von Synthiepop-Legenden Depeche Mode, zu Elektro-Soundtüftler Moby bis hin zur Metalband Helmet reichen.

Und nun? Vom Musikphänomen der Neunziger ist gute 25 Jahre später, abgesehen von ein paar netten Party-Songs, nicht mehr so viel übrig. Bands wie Rage Against The Machine gehen regelmäßig ohne neues Material auf Tour, Faith No More lieferten zwar erst 2015 mit "Sol Invictus" eins ihrer wohl besten Alben ab, doch die Fans fordern die alten Hits. Und hierzulande? Das Genre-Konzept "Crossover" war vor allem in Europa ein schneller Verkaufshit. Die Tatsache, dass Bands wie die Guano Apes mit ihrem Debütalbum jetzt auf große "20 Jahre-Jubiläums"-Tour gehen, sorgt so vor allem nur für nostalgische Erinnerungen. Denn während auf dem amerikanischen Musikmarkt Crossover als Popularitätshascher funktioniert, ist er hier eher verpönt in die Ecke getrieben - vor allem im angrenzenden Metal, wo doch wieder ziemlich genau auf die Einhaltung der genre-typischen Stilmittel geachtet wird. Anderenfalls denkt man sich eben einfach ein neues Subgenre aus.

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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