Unter der Zirkuskuppel

Revolution ohne Blutvergießen? Gab es in Sachsen schon vor 100 Jahren. König Friedrich August III. war daran nicht ganz unbeteiligt. Sächsische Besonderheiten in revolutionären Zeiten.

Die Matrosen in Kiel meuterten, in Bayern wurde in der Nacht zum 8. November die Republik ausgerufen: Im Deutschen Reich standen Anfang November 1918 die Zeichen auf Revolution. "Auf in den Kampf für Freiheit, Brot und Frieden! Arbeiter und Soldaten im Industriebezirk Chemnitz!", titelte am 9. November 1918 die Chemnitzer "Volksstimme", damals Parteizeitung der Sozialdemokraten. Zwei Tage später folgte ein Bericht im "Freie-Presse"-Vorläufer mit dem Titel "Die Deutsche Revolution!". Sachsen, eine der führenden Industrieregionen Europas, war in Aufruhr. König Friedrich August III., der 1914 noch rund 750.000 Soldaten in den Ersten Weltkrieg geschickt hatte, dankte am 13. November ab.

In diesem Krieg hatte Sachsen zum letzten Mal eine eigene Armee gestellt. Und die Soldaten hatten genug vom Krieg. Am 6. November bildete sich ein Soldatenrat in der Fliegerkaserne Großenhain. "Dort übernahmen die Soldaten zusammen mit der Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) die politische Macht und warfen noch am selben Tag Flugblätter über der königlichen Residenz in Dresden ab. Sie forderten darin die Bevölkerung auf, sich an der Entwicklung in Großenhain und in Kiel ein Beispiel zu nehmen", sagt der Dresdner Historiker Mike Schmeitzner vom Hannah-Arendt-Institut.

In Leipzig und Chemnitz nahm die revolutionäre Bewegung eine schnellere Entwicklung als etwa in der Residenzstadt Dresden. Dort hatte die pure Not die Menschen zu Tausenden auf den Altmarkt getrieben. Die Wohnungsnot und der Hunger fachten den Aufstand immer wieder an. Die linken Parteien sprangen spät auf den Protestzug auf. Vorbereitet waren sie nicht, Sachsen zu regieren.

In Leipzig hatten Soldaten in den Mittagsstunden des 8. November die Initiative ergriffen. Mit den örtlichen Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) und derem durchsetzungsstarken Vorsitzenden Richard Lipinski wurde rasch Einvernehmen hergestellt und das stellvertretende Generalkommando zur Kapitulation gezwungen. Am Tag darauf wählten 600 Soldaten- und Betriebsdelegierte einen aus 33 Mitgliedern bestehenden "Großen Rat der Arbeiter- und Soldatenräte" Leipzigs. "In Chemnitz war die Entscheidung zwar mehrere Stunden nach dem revolutionären Durchbruch in Leipzig erfolgt, aber immer noch schneller und - mit Blick auf die Mitwirkung der sozialdemokratischen Parteien - auch professioneller als in Dresden", so Schmeitzner.

In Chemnitz hatte sich der junge mehrheitssozialistische Landtagsabgeordnete Alfred Fellisch in den späten Abendstunden des 8. November an die Spitze der Soldatenerhebung gesetzt und nach dem Münchner Vorbild das Ende der Monarchie und die "deutsche Republik" verkündet. MSPD und USPD beschickten den provisorischen Arbeiter- und Soldatenrat. Zu Vorsitzenden des Rates wurden die Führer der örtlichen Arbeiterparteien, der Sprecher des Spartakusbundes Friedrich Heckert und der MSPD-Chef Max Müller, sowie Max Stein für die Soldaten berufen.

Bis zum 9. November hatte sich die Revolution über ganz Sachsen ausgebreitet. Im 1912 eingeweihten Gebäude des Zirkus Sarrasani in Dresden am Carolaplatz wurde am 10. November die Republik ausgerufen. Der imposante Saal wurde vorher und nachher von allen möglichen Parteien und Organisationen für Veranstaltungen genutzt. Eine Revolution unter einer Zirkuskuppel dürfte aber historisch einmalig gewesen sein.

Räteherrschaft und Demokratie, Verteidigung der Revolution und parlamentarische Neuordnung waren die Schlagworte in der politischen Manege. Die Dompteure waren die Vertreter einer gespaltenen Sozialdemokratie. Richard Lipinski (USPD) wurde am 15. November Vorsitzender des Rates der Volksbeauftragten.

Hintergrund: 1916 hatten sich die Sozialdemokraten im Reich in zwei Parteien gespalten: USPD und MSPD. Grund dafür war der Streit über die Bewilligung von Krediten für den Ersten Weltkrieg. Um sich von der USPD abzugrenzen, wurde die restliche Sozialdemokratie von Mitte 1917 bis 1922 als MSPD bezeichnet.

Der König, der auf das jenseits der sächsischen Grenze bei Ruhla gelegene Schloss Guteborn geflüchtet war, zog sich nach Sibyllenort bei Breslau zurück. Es gibt heute berechtigte Zweifel, ob er seinen berühmten Satz beim Abgang "Macht doch euren Dreck alleene" tatsächlich gesagt hat. Aber es ist fast das Einzige, was heute von ihm im kollektiven Gedächtnis der Sachsen geblieben ist. Die Monarchie hatte in Deutschland für immer ausgedient. Als eine seiner letzten Amtshandlungen hatte Friedrich August III. den Einsatz von Waffen gegen die Protestierenden untersagt. Somit floss in Sachsen, ein Land mit sehr starken sozialistisch-radikaldemokratischen Traditionen, zumindest in jener frühen revolutionären Phase kein Tropfen Blut - anders als in Kiel oder in Berlin. Insgesamt verlief aber der Umbruch überall im Reich zunächst vergleichsweise unblutig, weil das alte Regime buchstäblich in sich zusammenfiel.

Während im Deutschen Reich schon im Oktober 1918 eine Verfassungsreform von oben stattgefunden hatte, war das Königreich Sachsen vor dem 9. November trotz einiger Bemühungen der bisherigen königlich-konservativen Regierung weit davon entfernt. Weiterhin galt dort das 1909 eingeführte ungleiche Pluralwahlrecht, das die Arbeiterschaft und andere soziale Schichten benachteiligte. Das Bürgertum hingegen war in der zweiten Kammer des Landtages neben Rittergutsbesitzern und Bauernvertretern überrepräsentiert. Der Widerspruch zwischen dem hohen Grad der Industrialisierung und der großen Zahl der Arbeiter einerseits, und deren geringen Teilhabemöglichkeiten andererseits fiel hier besonders ins Auge. In diesen Herbsttagen stritten die Dompteure der Revolution über die Zukunft des Landes - vor allem bei den Linken.

Auch darüber, ob Sachsen als Bundesstaat im Deutschen Reich existieren sollte. Vor allem die USPD war in diesen Tagen programmatisch aktiv. Sie wollte Sachsen als Land wie alle Länder des Reiches abschaffen. Damals stand der Föderalismus auf dem Spiel. Aber die MSPD zögerte. Jetzt in der Not, in der Kriegsniederlage, müsse man die Macht des Faktischen akzeptieren: "Wir wollen neben der Nationalversammlung auf Reichsebene auch ein sächsisches Parlament", lautete ein Beschluss. Sachsen blieb als Staat erhalten.

Vor allem in Chemnitz waren der linke Flügel der USPD und die Internationalen Kommunisten Deutschlands stark. Das war so etwas wie der organisatorische Kern der Kommunistischen Partei und in Chemnitz mit den Namen Fritz Heckert und Heinrich Brandler verbunden. Die beiden gründeten schließlich Anfang 1919 die KPD in Chemnitz. In Dresden gehörte der in Großvoigtsberg bei Freiberg geborene Otto Rühle zu den schillernden linken Figuren. Mit Freunden gründete er im November 1918 die Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD), die 1918/19 in der KPD aufgingen, die Rühle allerdings schon 1920 wieder verließ. Noch eine Besonderheit, die es so nur in Chemnitz gab: Der dortige Arbeiter- und Soldatenrat ernannte den "Volksstimme"-Chefredakteur Hermann Kranold (MSPD) zum "Stadtpräsidenten", der nun die Oberleitung der Stadt übernahm. Er sollte Bürgermeister und Stadtrat kontrollieren.

Ab Dezember 1918 hatten auch die Bürgerlichen ihre Räte, mit denen sie mitreden wollten. Sie stießen bei den linken Kräften auf Ablehnung. "Das ist unsere Revolution", hieß es da. Die Linken übernahmen die Macht wie automatisch, weil die anderen Kräfte diskreditiert waren durch ihre Verbundenheit mit Monarchie und autoritärem Staat.

Vor allem in Sachsen: Dort hatte die monarchisch-konservative Seite noch bis zum frühen Herbst 1918 allen Ernstes über die Frage diskutiert, ob dem sächsischen König künftig die Krone Litauens zusteht. Damals standen die deutschen Truppen noch im Baltikum, und es gab Verhandlungen mit Kaiser, König und Preußen, wie man die "Kriegsbeute" aufteilen sollte. Sachsen wollte unbedingt an einer Expansion im Osten beteiligt werden. Friedrich August III. wollte die litauische Krone haben. Diese Diskussion mutete schon damals bizarr an. Sie beförderte die alten politischen Kräfte vollends ins Abseits. Die Linke musste die Macht, die Anfang November 1918 auf der Straße lag, in diesem besonderen historischen Moment nur aufnehmen.

Mit der Idee, den Bundesstaat künftig Freistaat zu nennen, war man in Sachsen keineswegs als Erster am Start. Die Bezeichnung hatte Kurt Eisner am 7. November in Bayern eingeführt. Hörte sich gut an. Es war ein anderes Wort für Republik, für einen freien Staat, in dem alle gleich sind. Erfunden hatte es wer? Richtig, Ferdinand Lassalle, Pionier der frühen deutschen Arbeiterbewegung. Auch Preußen war früher Freistaat. Sachsen bekam die Bezeichnung erst mit dem vorläufigen Grundgesetz vom 25. Februar 1919 verpasst. Mit der Verfassung war die Parlamentarisierung des Landes abgeschlossen. 1919 fanden Wahlen zur Sächsischen Volkskammer statt. Ministerpräsident wurde ein Sozialdemokrat, der den Übergang zuvor geprägt hatte: der Staatsrechtler und Journalist Georg Gradnauer.

Sachsen blieb aber in der Folge ein gespaltener Freistaat. Die Kluft - hier das rote Sachsen, dort das starke, protestantisch geprägte Bürgertum - hatte es schon vor der Revolution gegeben. Die beiden Lager fanden aber auch nach 1918 kaum zueinander. Die Aufbruchstimmung, die bei den rund 6000 Delegierten von Arbeiter- und Soldatenräten aus ganz Sachsen im Zirkus Sarrasani herrschte, war bald verschwunden. Neue Dompteure beherrschten dann die politische Manege.

Weitere Berichte zum Ende des Ersten Weltkrieges und zur Novemberrevolution im Deutschen Reich lesen Sie in unserem Spezial "100 Jahre Novemberrevolution"

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