Uraufführung am Theater Mittelsachsen: Hoffnungsvoll teilverkorkst

Mit der Uraufführung "Let's Play: Reality" zeigt das Mittelsächsische Theater ein verwirrend gutes Jugendstück.

Freiberg.

Ein Jugendstück ohne pädagogischen Ansatz? Das wäre eine Augenhöhe in einer Zeit, in der Heranwachsende, notwendig zielstrebig am aktuellen Pfad der Erwachsenen vorbei, ihre Unterhaltung via W-Lan aus dem Synapsenfasching von Youtube-Filmchen und Gaga-Cloudrap saugen. Genau dieses Phänomen greift das Mittelsächsische Theater mit dem Stück "Let's Play: Reality" auf, das als Auftragsarbeit dort soeben seine Uraufführung erlebt hat: Kernaussage ist die simple Erwachsenen-Lehrmeinung, dass das Leben kein Computerspiel ist - und man schon gar nicht sollte man nur anderen dabei zuschauen, wie sie es durchzocken. Das wird bereits am Anfang des Zwei-Personen-Stücks von Thilo Reffert klar, der auch Ausstattung und Regie besorgte. Unterstellen wir unserer Jugend schon wieder ernsthaft, sie könne Realität, Fiktion und virtuelle Welt nicht auseinanderhalten? Zumal ja gerade die Bühne Wirklichkeit per se nur als virtuelle Realität abbilden kann?

Aber Reffert schafft mit seinem Werk ein ganz großes Aber - und zwar als sehenswertes Kunststück: Erstens ist sein Werk enorm unterhaltsam - und zweitens von so vielen Stolperfäden durchwirkt, dass hier echtes Jugendtheater seltener Güte geboten wird. Und das geht so: Timon ist ein Game-Youtuber, der sogenannte "Let's Plays" ins Internet stellt - Filmchen also, in denen ein Tester Spiele für seine Zuschauer durchspielt. Exklusiv darf er ganz heißen Stoff testen: Das Spiel "Reality" - welches sich als Simulation seines eigenen, teilverkorksten Lebens entpuppt, in dem er bereits einige Level "grandios verkackt" hat. Der Unterhaltungsfaktor: Entsteht in Kombination von den wirklich erstklassigen Dialogen und dem bemerkenswerten Spiel. Peter Peniaska feuert als Timon ein grandiose Sprachkanonade zwischen Social Media und Schulhof ab, die mit zielgruppenkompatibeln Ausdrücke sehr glaubhaft umgeht. Das hat massiv Feuer, ist authentisch - und frei von jener Fremdscham, die von Erwachsenen erdachte Jugendfiguren so oft mitbringen. Noch besser ist dann Anna Bittner, die neun (!) Charaktere von der Lehrerin über den Asi-Kumpel bis zur Mutter, Psychiaterin oder einer KI à la "Alexa" gibt und dabei im Sekundentakt zwischen virtuellen und realen Personen hin- und herschalten muss. Schlicht grandioses Schauspiel also, das schon allein den Abend rockt.

Und dann sind da die Stolperfäden, die Reffert um seine im Kern so klare wie richtige Botschaft gefädelt hat und durchaus unbequem hintersinnige Nebenschlüsse öffnet: Nein, es ist nicht komplett absurd, die Schule zu schmeißen um als Youtuber Erfolg und Anerkennung zu suchen. Ja, im echten Leben gibt es die Chance, vermurkste Level mit alten Erfahrungen neu zu starten. Nein, Graffiti gegen Geld wegzuwaschen ist nicht unbedingt besser als mit einem geliebten Mensch eine Wand zu taggen. Und, ja: Man kann das Richtige im Falschen tun. Um im Duktus zu bleiben: So fett gespielt wie in Freiberg kann "Let's Play: Reality" ein Bühnenhit werden.

Nächste Aufführungen "Let's Play: Reality" ist am 9. , 13., 14. und 20. Mai in Döbeln sowie am 16. Mai in Freiberg zu sehen.

www.mittelsaechsisches-theater.de

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