Utz Rachowski: Der Heimatlose

Utz Rachowski ist aus der Welt zurück ins Vogtland gekommen. Die Gedichte in seinem "Poesiealbum" erzählen davon, dass dies keine Heimkehr war, vielleicht aber eine hätte sein können.

Reichenbach/Wilhelmshorst.

"Einmal auf irgendeinem Bahnsteig der Welt möchte ich zu ihnen gehören / "Viva Italia" rufen oder "Es lebe die Schweiz". / Aber ich mit Gefühlen von drüben dem Pass von hier und meinem polnischen Namen / muss alles erklären." Dieses Gedicht aus dem Jahr 1982 eröffnet das jüngste Heft des Lyrikbandes "Poesiealbum", das dem 1954 in Plauen geborenen Utz Rachowski gewidmet ist. Er schrieb es zwei Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der DDR, die einer 14-monatigen Haft wegen "staatsfeindlicher Hetze" folgte.Die Trauer um eine verlorene, nie besessene Heimat ist den Gedichten Utz Rachowskis bis heute eigen. Die von dem Zwönitzer Literaturwissenschaftler Klaus Walther ausgewählten knapp 40 Texte in dem, wie immer, 32-seitigen Heft, folgen in etwa der Biografie des Vogtländers, der nach seiner Entlassung in die Bundesrepublik die Welt erkundete, aber nirgendwo eine Heimat fand. Über die "Tauben von Leipzig" schreibt er, die Tauben von Erfurt und Weimar, über "Warschau bei Nacht", später über einen Besuch in Athen, eine Ansicht, die ihm Einsicht wurde: "Ich war fünfundzwanzig Jahre betrogen um diese Einsicht / Wegen irgendwelcher Einsichten die keine Berge versetzten." Über viele Orte in den USA schreibt er, Philadelphia, Pennsylvania, Washington, das sich so lang streckt "wie Leipzig", wo das "Weiße Haus so klein" ist und wo "hinter Gittern so groß ... Freiheit im Käfig gemacht" wird.

Nach der Wende kehrt Utz Rachowski ins Vogtland zurück. In die Landschaft seiner Kindheit, seiner Mutter, die ihren Jugendfreund sucht und findet: "Wer sollte da Zweifel haben die Welt sei nicht schön wenn Liebe länger bleibt und endlos ihre Kreise zieht." Die Liebe, auch die verlorene, ist vielleicht die einzige Konstante in diesen Gedichten, die sich zu einem Bild der Verlorenheit in der Fülle fügen. Wie in einer der Collagen von Thomas Beurich, der das Heft illustrierte, reiht sich Bild an Bild zu einem Mosaik des melancholischen Scheiterns, das in den Kellern der Staatssicherheit auf dem Karl-Marx-Städter Kaßberg begann. Rachowskis Verse leben nicht so sehr von der kunstvollen Metapher, vom poetischen Bild, eher von der nicht durch Punkt und Komma getrennten Aneinanderreihung von Eindrücken, Gedanken, Erinnerungen an Orte, Begebenheiten, Lektüreerlebnissen. Von einer Suche nach Heimat, die immer mit der Erkenntnis endet: "ich gehörte nie zu ihnen / hatte nie ein Volk das ich mein nannte".

Das "Poesiealbum" gehört zu den verlegerischen Glanzleistungen in der DDR. Begründet von Bernd Jentzsch und Klaus-Dieter Sommer, nun weitergeführt von Klaus-Peter Anders, hält auch das Heft mit Gedichten von Utz Rachowski den hohen Ansprüchen an die Publikation stand, in der die Elite internationaler Lyrik versammelt ist. Utz Rachowski gehört, wie er sich selbst nennt, zu den Dichtern des "Poesiealbums" "mit dem flatternden Herzen" aus einem "Land ohne Glück". Für die Leserinnen und Leser aber sind solche Dichter ein Glück.

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