Vereint und bewegt - wie sich das Vereinswesen wandelt

Tafeln decken, Karneval feiern oder zu Fuß unterwegs sein - 44 Prozent der Deutschen sind Mitglied in mindestens einem Verein. Doch eine Ausstellung in Leipzig zeigt: Das Vereinswesen wandelt sich.

Leipzig.

Wenn Roland Stimpel zu Fuß unterwegs ist, trägt er eine ganze Philosophie spazieren. "Zu Fuß unterwegs zu sein, ist die menschen- und stadtfreundlichste Art der Fortbewegung, aber, obwohl sie so einfach erscheint, ist sie auch sehr komplex", sagt er. Weil es ihm also nicht nur darum geht, loszumarschieren und anzukommen, ist der ehemalige Stadtplaner auch Vereinsmitglied. Um etwas zu bewegen: die einen zum Gehen und die anderen dazu, es den Gehenden so leicht wie möglich zu machen - Roland Stimpel ist Mitglied im Verein "Fuß". Der sieht sich vornehmlich als Lobbyverband für Fußgänger. Denn die, sagt Stimpel, werden immer weiter an den Rand gedrängt: von Autos, Radfahrern und diskutierten E-Rollern. "Dem muss man etwas entgegensetzen." Und vielleicht, weil der Vereinsname so einfach wie kurios klingt, taucht er auch in der Ausstellung "Mein Verein" auf, die derzeit im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig zu sehen ist.

Es ist eine Ausstellung, in der ein eiliger Besucher in 30 Minuten durch sein kann, der Beflissene sich aber auch zwei bis drei Stunden zu beschäftigen weiß. Die Schau umfasst rund 300 Exponate und 20 Medienstationen: Sie präsentiert unter anderem Postkarten, Karikaturen und Fotos zum Thema, Mitglieder verschiedener Vereine kommen in Filmausschnitten und an Hörstationen zu Wort, Texttafeln informieren über Historie und Hintergründe. Einzelne Abschnitte sind speziellen Vereinen gewidmet - von Schützenbruderschaft und Karnevalsgesellschaft über FC Schalke 04 und DDR-Kleingartenverein bis hin zur "Neuen Bachgesellschaft" in Leipzig. Dabei wird deutlich: Im Vereinswesen ist Bewegung.

In den vergangenen rund zehn Jahren wurden aus den Vereinsregistern rund 10.000 Vereine pro Jahr aus unterschiedlichsten Gründen gelöscht, allerdings gründeten sich jährlich auch zirka 15.000 bis 20.000 neu, sagt Holger Krimmer, Geschäftsführer der Initiative "Zivilgesellschaft in Zahlen" des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, in einem Interview, das zur Ausstellung im "Museumsmagazin" erschienen ist. Im Jahr 2016 sei erstmals die 600.000-Marke überschritten worden, habe es 603.882 Vereine in Deutschland gegeben. Rund 44 Prozent der Deutschen sind nach Angaben des Zeitgeschichtlichen Forums Mitglied in mindestens einem Verein.

Im 19. Jahrhundert waren Vereine noch eine neuartige Form von Gemeinschaft: Bürger, Arbeiter, Unternehmer, religiöse und kulturelle Gesellschaften gründeten sie und boten Mitgliedern Geselligkeit, Teilhabe und Sicherheit - Bedürfnisse, die auch durch die zunehmende Industrialisierung und Verstädterung ausgelöst wurden. Heute aber, heißt es beim Zeitgeschichtlichen Forum, vollzieht sich ein Strukturwandel: Traditionelle, geselligkeitsorientierte Vereine rückten in den Hintergrund, während bei Neugründungen das bürgerliche Engagement eine zentrale Rolle spiele. Es geht zunehmend um eine politische oder gesellschaftliche Aufgabenstellung - man will etwas bewegen. Beispiel Roland Stimpel. Der "Fuß"-Verein taucht in der Ausstellung an einem der interaktiven Bildschirme auf, an denen Besucher beispielsweise tippen können, wie viele Vereine es wo und zu welchen Zwecken gibt.

Dem "Fuß"-Verein als Lobbyverband für Fußgänger gehe es beispielsweise auch um den Schutzbedarf von Kindern, älteren Menschen und Behinderten, sagt Stimpel. So biete der Verein Kommunen Fußgängerchecks an, um zu schauen, wo Bordsteine zu hoch, Kreuzungen zu unübersichtlich und Überquerungen zu gefährlich sind. "Wir waren auch schon in Chemnitz und haben festgestellt, dass man zwar auf dem Kaßberg schön spazieren kann, es aber schwierig wird, bequem und sicher über den Stadtring ins Zentrum zu kommen." Der Verein organisiere auch Demonstrationen für freie Gehwege und Mahnwachen für im Straßenverkehr getötete Fußgänger, "damit da nicht gleich alle wieder zur Tagesordnung über- gehen".

Doch trotz aller Sinnhaftigkeit und Vereinsdichte gibt es nicht wenige Menschen, die es beim Wort "Verein" regelrecht schüttelt, und nicht wenige Vereine, die um Mitglieder regelrecht kämpfen müssen. Bräsigkeit, Rituale, Bürokratie und Streit um Satzungen bringen das Vereinswesen mitunter in Verruf. Die Ausstellung in Leipzig präsentiert dazu einen Ausschnitt des Films "Ödipussi" von 1988, in dem Komiker Loriot als Paul Winkelmann, Leiter einer Vorstandssitzung, zu erleben ist: "In unseren letzten Vereinssitzungen haben wir Vereinsanliegen und Vereinszielsetzung unseres Vereins umrissen, uns aber noch nicht auf einen Vereinsnamen einigen können, der unsere Vereinsinhalte klar zum Ausdruck bringt." Nichtsdestotrotz: Vereinsarbeit brauche Rituale und Kontinuität, sagt Fußgänger Stimpel, "aber uns ist klar, dass viele jüngere Menschen starren Formen gegenüber abgeneigt sind. Wir laden sie deshalb projektbezogen ein, beispielsweise zu den Demonstrationen und Mahnwachen, und haben damit gute Erfahrungen gemacht."

So gesehen sind das Mosaiksteine vom Großen und Ganzen. Denn das Vereinswesen, so Experte Krimmer, sei "Ausdruck tagtäglich gelebter Demokratie". Es geht ums Einmischen und Mitmachen. Allerdings: Es gibt auch Vereine, die haben das Zeug, der Demokratie auf der Nase herumzutanzen. Solche zum Beispiel, in denen Traditionspflege mit rechtsgerichteten und damit wenig demokratiefreundlichen Philosophien verknüpft wird. Das thematisiert die Ausstellung in Leipzig nicht. Sie fokussiert hingegen darauf, wie Vereine Staat und Wirtschaft unterstützen, aber auch ein gut platzierter Stachel im demokratischen Sinne sein können, darunter die Kleingartenvereine in der DDR. Denen begegnete die Obrigkeit zunächst mit Misstrauen, betrachtete sie als Symbol für unliebsame Kleinbürgerlichkeit. Doch da die Ernten in den Gärten helfen konnten, Versorgungsengpässe weniger eng aussehen zu lassen, erfuhren sie zunehmend Akzeptanz und ab den 1970er-Jahren auch gezielte Förderung. In der Ausstellung zeigen Dokumentationen aus jener Zeit Körbe voll Weintrauben, Pflaumen und Kirschen sowie lächelnde Menschen an Kaffeetafeln im Grünen, aus dem Off bekräftigt die Sprecherin: Gärten sind eine sinnvolle Freizeitgestaltung! Noch mehr Stachel war die "Neue Bachgesellschaft" in Leipzig, die sich der Musik von Johann Sebastian Bach widmet und in der DDR das Kunststück fertigbrachte, sich nicht vom Westen trennen zu lassen: Leitungsgremien waren mit Persönlichkeiten aus der Bundesrepublik und der DDR besetzt, zudem gab es wandernde Bachfeste abwechselnd im Osten und Westen Deutschlands. Mit dem Wandern zwischen den Welten erinnerte sie zwangsläufig auch immer wieder an Teilung und Vereinigung.

Als Letztere vollzogen wurde, setzte sich Bürgersinn zum Beispiel mit der Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche Dresden durch - als projektbezogene Arbeit. Die auch Diskussionen anstieß: Besucher können in der Ausstellung oft vorgetragene Pros und Kontras zum Wiederaufbau nachlesen. Ebenso die Diskussion darüber, ob Tafelvereine, die Bedürftige mit Essen versorgen, dem Staat nicht zu viel Arbeit abnehmen. Kritiker monieren, dass sich die Politik auf der ehrenamtlichen Arbeit der "Tafeln" ausruht und Reformen zur Armutsbekämpfung nicht anpackt.

Vereine wirken aber nicht nur in die Gesellschaft hinein, Veränderungen in der Gesellschaft stellen auch die Organisationen selbst vor neue Fragen. Beispiel: die Bürgerschützen und Schützenbruderschaften, die zu den ältesten Vereinen Deutschlands gehören und für Tradition, Brauchtumspflege und soziale Normen stehen. Aber wie ist das mit Homosexuellen? Mit Zuwanderern? Mit Muslimen? Mancherorts wird diskutiert, ob auch sie Mitglied in den alten Schützenbruderschaften werden dürfen. So geht die Ausstellung auch auf die Geschichte des türkischstämmigen Muslims Mithat Gedik ein, der 2014 in seinem westfälischen Heimatort Schützenkönig wurde - und damit eine riesige Debatte auslöste. Die Ausstellung ermuntert Besucher, selbst Stellung zu beziehen: Aussagen wie "Auch Nichtchristen, die christliche Werte achten, können Mitglied in einer christlichen Schützenbruderschaft werden" oder "Homosexuelle leben in Sünde und passen nicht in die christliche Schützenbruderschaft" können sie auf Bildschirmen lesen und anonym antippen, welcher Meinung sie zustimmen. Auch lässt sich nachlesen, wie bisherige Besucher urteilten.

Mit Schützenbruderschaften hat Roland Stimpel nichts am Hut. Für den "Fuß"-Verein aber engagiert er sich ehrenamtlich seit nun zwei Jahren. "Dem Zu-Fuß-Gehen wohnt ein riesiges Potenzial inne", schwärmt er. "Es ist umweltfreundlich und verstopft die Städte nicht mit Zubehör. Es ist gesund und spannend, schließlich erlebt der Fußgänger Wind und Wetter und trifft auf andere Menschen. Da Fußgänger die Städte beleben, sorgen sie so auch für ein erhöhtes Sicherheitsgefühl. Und das Schönste ist: Fast jeder Mensch kann laufen", zählt Stimpel begeistert auf. Fast überflüssig zu erwähnen, dass er sich als "leidenschaftliches Vereinsmitglied" bezeichnet.

Die Ausstellung "Mein Verein" im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig, Grimmaische Straße 6, ist noch bis 25. August zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis freitags 9 bis 18 Uhr, samstags, sonntags und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

hdg.de/zeitgeschichtliches-forum/

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