Verstehen im Verrücktsein

Schauspielstar Sandra Hüller bringt Wolfgang Herrndorfs "Bilder deiner großen Liebe" als spektakuläres Gastspiel auf die Schauspielbühne ihrer sächsischen Wahlheimat.

Leipzig.

Wenn Isa will, dass die Sonne stehenbleibt, dann bleibt sie stehen. Dazu muss die 14-Jährige nur ihren Daumen in Richtung Himmel halten, dass er gefühlt die Sonne berührt und sich einiges einbilden. Und wenn Isa will, dass das Eisentor aufgeht, dann geht das Eisentor auf: Tatsächlich schafft es die 14-Jährige, im Schatten eines Lkw aus der Klapse abzuhauen.

Außer diesem Ausbruch aus der Psychiatrie weiß man nicht viel über die Biografie des Mädchens, das die Hauptfigur in Wolfgang Herrndorfs Romanfragment "Bilder deiner großen Liebe" ist. Herrndorf-Leser kennen Isa schon aus dem erfolgreichen Road-Trip-Roman "Tschick", in dem Maik und Tschick das Mädchen auf einer Mülldeponie aufgabeln und ein paar Tage mit ihr abhängen und rumfahren. Und weil der Autor selbst diese coole und verrückte Teenagerin so mochte, wollte er ihr einen eigenen Roman widmen - der dann leider nie fertig wurde: Herrndorf erschoss sich 2013, nachdem seine Krebserkrankung schon sehr stark fortgeschritten war.

Weil "Bilder deiner großen Liebe" keine abgeschlossene Geschichte erzählt, kommt auch das Theaterstück mit Sandra Hüller eher wie eine Collage daher. Wobei schon das das Wort "Theaterstück" der Vorstellung nicht gerecht wird, die vielmehr eine Mischung aus Konzert, Erzählung und One-Woman-Show ist. Sandra Hüller, die nicht nur als Theaterschauspielerin, sondern auch in den Filmen "Toni Erdmann" und "Requiem" diverse Preise gewann, spielt Isa in allen Facetten. Als Verrückte, die nur selten ihre Tabletten nimmt. Als Selbstbestimmte, die aus dem Auto springt, in dem ihr jemand zwischen die Beine gefasst hat. Als Menschenscheue, die tagsüber im Wald schläft und nachts weiterwandert. Als Phantasievolle, die sich beim Anblick eines alten Hauses ganze Schnulzenromane ausdenkt. Oder als Ghetto-Girl, das von einer Fernsehkarriere träumt.

Hüller spielt all diese Szenen aus Isas Leben auf der Bühne nicht nach; sie erzählt sie - aber so intensiv, dass man sich alles bestens vorstellen kann. Die Schauspielerin spricht mal wie eine Lehrerin, mal wie ein Rockstar: "Heeeeyyyy Leipzig, geeeeht's euch guuut?" Sie rennt über die Bühne, tanzt und singt: "This is love, this is love that I'm feeling!" Moritz Bossmann und Sandro Tajouri begleiten sie mit Musik, sorgen auch für atmosphärische Hintergrundgeräusche. Als Bühnenbild reichen ein Planeten-Mobile, zwei Zimmerpflanzen und ein Haufen Tierfelle: Hüller schafft es, die Bühne allein mit ihrer Präsenz zu füllen.

Dass die Schauspielerin 40 Jahre alt ist und ihre Figur 14, spielt keine Rolle: Das ganze Stück wirkt zeitlos. Es geht um Wahnsinn und Wirklichkeit, Einsamkeit und Klarkommen. Regisseur Tom Schneider hat den Herrndorf-Text etwas gekürzt und umgestellt, das Stück wurde 2016 im Zürcher Theater Neumarkt aufgeführt; später hat Hüller es als Hörbuch aufgenommen.

Das Gastspiel im ausverkauften Leipziger Schauspiel ist ein Heimspiel für sie - die geborene Thüringerin wohnt seit Jahren in der Stadt. Nun steht sie in schwarzen Hosen und glitzerndem Pullover auf der Bühne vor über 600 Gästen und versucht, als Isa die Welt zu begreifen: "In einem Moment denkt man, man hat es, dann hat man es wieder nicht. Und wenn man diesen Gedanken zu Ende denken will, dann dreht er sich unendlich im Kreis und wenn man aus dieser unendlichen Schleife nicht mehr raus kommt, dann ist man wieder verrückt, weil man etwas verstanden hat."

Am Ende hat man nicht alles verstanden, aber wäre gern selbst etwas verrückter. Zumindest so verrückt, dass man mit seinem Daumen die Sonne anhalten könnte.

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