Vibrierende Show eines Song-Schamanen

Paul Simon, der gerade 75 geworden ist, stellt in der Leipziger Arena seine Ausnahmestellung unter Beweis. Zum Niederknien!

Leipzig.

Da ist ein alter Mann im Publikum, der sich irgendwann mit Mühe vom Sitz erhebt und an der Lehne festhält, weil er nicht gut stehen kann. Nach einigen Minuten beginnt er, in der Hüfte zu wippen, dann zucken die Schultern, dann kreist der Kopf. Immer geschmeidiger werden seine Bewegungen. Bald tanzt er so euphorisiert, dass er die Aufmerksamkeit der Umstehenden erregt, die ihn anfeuern. Inzwischen steht der ganze Saal. Und Paul Simon, der kleine Schamane mit dem großen Schatten, faltet ein ums andere Mal die Hände zum Dank.

Zwei Konzerte spielt Simon in Deutschland, das zweite heute in Berlin. Nach Leipzig sind 4000 gekommen, die Arena gut gefüllt, nicht ausverkauft. Das Simon-Foto auf den Plakaten war Fans längst bekannt: Live in New York City, 2011. Ein atemberaubender Auftritt, der für Leipzig Großes erwarten ließ.

Und tatsächlich - die gleiche Spielfreude, die gleiche Eleganz wie damals in Webster Hall. Es beginnt mit "Proof" vom 1990er-Album "The Rhythm of the Saints", instrumental dargeboten, als Visitenkarte der neunköpfigen Band. Simon kommt auf die Bühne, der turbulente "Graceland"-Opener "The Boy in the Bubble" (1986) wird freudig bejubelt. Auf einen Überhit der 1970er-Jahre, "50 Ways to Leave Your Lover", folgt "Dazzling Blue" vom 2011er-Album "So Beautiful or So What". Die "Graceland"-Zydeco-Nummer "That Was Your Mother" beendet den Anfangsblock von 30 Minuten, und Simon richtet erstmals ein paar Worte an die Gemeinde: "Hallo, friends!"

Er sei froh, hier zu sein, sagt Simon, aber das sage er eigentlich immer. Hier sei er nun aber wirklich froh. Mehr als Geplänkel und zwei rätselhafte Urwald-Anekdoten ohne Pointe gibt es nicht. Aber die Musik!

"Slip Slidin' Away" von 1977 ist ein Simon-Song, der auch auf Simon-und-Garfunkel-Konzerten gut ankam. Die letzte Tour mit seinem alten Partner ist sieben Jahre her. "Mother and Child Reunion" (1972) haben U2 in ihre jüngste Megashow eingebaut, ein Zeichen der Verehrung. In der Arena wandert jetzt die Hand des Sitznachbarn auf das Knie seiner Frau. "Me and Julio Down by the Schoolyard", gleiche Epoche, dann noch zwei Songs von "Rhythm of the Saints", ehe nach einer Stunde mit "Stranger to Stranger" (2016) der erste Song des aktuellen, gleichnamigen Meisterwerks ertönt, das von Kritikern weltweit für sein bestes seit "Graceland" gehalten wird.

Die Reise durch sechzig Songwriter-Jahre geht weiter, die Menge immer angestachelt von den lebhaften "Graceland"-Nummern. Im ersten Zugabeblock das neue "Wristband" neben "Gumboots" und "Still Crazy ..." Der zweite Dreierblock endet mit "The Boxer" vom letzten Simon-und-Garfunkel-Studioalbum.

Zeit, sich von der Band zu verabschieden, die mit Windspiel und Didgeridoo, einer Bläserriege, zwei Trommelbatterien und erlesenen, bestens eingespielten Instrumentalisten die Kunst des Soundhexers Paul Simon zum Vibrieren bringt.

Simon kommt noch einmal zu einer dritten Zugabe, allein, schwarzes T-Shirt, Gitarre, und hebt leise an: "Hello darkness, my old friend ..." Einschießende Tränen und Gänsehaut, für die man diesen Abend und Paul Simon nie vergessen wird.

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