Vom Limes und der Mauer bis zur Raucherinsel

Ein Autorenduo lotet in einem neuen Buch Deutschlands Grenzen aus

Buchcover.

Von Klaus Walther

Das ist schon ein Projekt: Eine Reise in die ferne und nähere Vergangenheit dieses Landes, "Deutsche Grenzen. Reisen durch die Mitte Europas", wie die Autoren ihre Exkursion im Untertitel nennen. Wo fängt man an, wo hört man auf? Ist das Faktische gesucht? Das Anekdotische, das Allgemeine, das Individuelle? Burkhard Müller, heute Lateindozent an der TU Chemnitz, kommt aus Mainfranken, Thomas Steinfeld, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, hatte seine Kindheit am Fuß des Teutoburger Waldes, und sie eröffnen ihre Geschichten mit der Erinnerung an eigene frühe Erfahrungen. Und mit jener Zeile aus dem Deutschlandlied "Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt". Ein fiktives Koordinatensystem wie die Bollwerke, die Mundarten, die Flüsse, eben die Grenzen, aber wohlweislich nicht mehr Teil der deutschen Nationalhymne. Erst Strophe Drei bekam amtlichen Charakter "Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland".

Ja, ja, das geht so, auch wenn etliche unserer Fußballer keines der Worte über die Lippen bringen. Grenzen, auch hier. Und schade, die Autoren hätten auf das andere Stück Deutschland verweisen können: "Auferstanden aus Ruinen, und der Zukunft zugewandt, lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland". Das durfte man in der DDR auch nicht mehr singen. Wie sich die Bilder gleichen. Man sieht schon hier, ein schwieriges Kapitel, diese Reisen durch Deutschlands Geschichte und Gegenwart. Wir wollen mal gar nicht von den aktuellen Grenzproblemen reden, die Autoren verzichten darauf, das Vergangene bietet genügend Erfahrungen und Konflikte.

Schon die Mundarten machen vieles sichtbar. Müller belegt das wieder an eigener Kindheit. Aber das Buch hat etliche andere Wegweiser und Mauerinschriften. Dafür gibt es Bollwerke, natürlich ein Stück innerdeutscher Grenze, aber auch die Ruinen der Wolfsschanze. Und die Flüsse sind es, der Achsenstrom Elbe und "Deutschlands Strom oder Deutschlands Grenze", der Rhein. Es gibt den Weißwurstäquator, und auf der kulinarischen Route wird man auch zum Reim gebracht: Main und Rhein, Wein bleibt Wein.

Und eine Enklave hat Deutschland auch, aber eben auch wichtigere historische Orte, Verdun und die Düppeler Schanzen, den Limes und Wittenberg. Die Mauer, das ist ein Grenzkapitel, und die Oder-Neisse-Gegend auch. Ein bisschen wenig Text für das Gebirge, das uns umgibt, das Erzgebirge, Böhmen. Immerhin sind es 800 Kilometer Grenze zu Tschechien und auch hier atmet ,am Weltgeschichte. Man muss nur an jenen 21.August 1968 denken, als im Süden der DDR stationierte Truppen des Warschauer Pakts in der ČSSR einrollten, um dem Prager Frühling ein Ende zu setzen. Und dann das letzte Kapitel, die "absolute Minimalgrenze": die Raucherinsel. Realität und ein Beispiel für Intoleranz und Amtsmissbrauch oder für Notwendigkeiten und Vernunftrede? Wie auch immer, die Grenz-Reise des Autorenduos bietet Fakten und Anregungen, Nachdenken und Rückblick. Das sollte man lesen.

Das Buch Burkhard Müller, Thomas Steinfeld: Deutsche Grenzen. Reisen durch die Mitte Europas. Die Andere Bibliothek. Berlin. 2018. 327 Seiten. 42 Euro.

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