Vom richtigen Leben im falschen

Mit der Premiere des Musicals "Das Lächeln einer Sommernacht" am Freitag liegt das Theater Plauen-Zwickau nur scheinbar jahreszeitlich neben der Spur. Das Thema des Abends hat das ganze Jahr Saison. Und die praktische Umsetzung bietet eine Überraschung auf.

Zwickau.

"Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Dieser vom Philosophen Theodor W. Adorno eigentlich in politischen Kontext gestellte Satz lässt sich auch auf das Privatleben anwenden - namentlich auf Herzensdinge. So auf die Hauptpersonen des Musicals "Das Lächeln einer Sommernacht". In der Inszenierung von Jürgen Pöckel, Opernchef am Theater Plauen-Zwickau, hatte das 1973 uraufgeführte Bühnenwerk von Stephen Sondheim nach Ingmar Bergmans 1955 entstandenem Film gleichen Titels am Freitagabend im Zwickauer Malsaal des fusionierten Hauses Premiere.

Recht zum Lächeln ist dabei in dem Stück, das um 1900 spielt, zunächst keinem zumute. Anwalt Fredrik Egerman (Marcus Sandmann) lebt mit seiner Frau Ann (Natalia Ulasevych) und Henrik, seinem Sohn aus erster Ehe (André Gass), unter einem Dach. Der Priesteranwärter ist mit 18 Jahren so alt wie seine Stiefmutter (!) und schwer in sie verliebt. Anders die Eheleute: In elf Monaten Ehe hatten sie noch nie Sex. Warum, ist unklar. Ann ist Jungfrau. Henrik verliert unter würdelosen Umständen seine Unschuld durch Petra, das Dienstmädchen (Johanna Brault), das ihn nicht mal als Abenteuer für voll nimmt. Fredrik macht seiner alten Flamme, Désirée Armfeldt (Sandrine Guiraud), neue Avancen, die die Schauspielerin erwidert. Auf sie erhebt jedoch auch Graf Carl-Magnus Malcolm (Alexander Mildner) Anspruch, ein so ungehobelter wie geistloser Offizier, dessen Frau Charlotte (Maria Mucha) darob zur Zynikerin geworden ist.

Keiner ist hier ehrlich zum andern. Wie aus diesem Elend etwas wird, womit am Ende alle leben könnten, erzählt die Inszenierung mit Witz und leichter Hand. Dazu tragen die Liebesliedersänger (Manja Ilgen, Christina Maria Heuel, Kateřina Špaňárová, Michael Simmen, Marc-Eric Schmidt) bei. Wie ein Chor das antike Drama, kommentieren sie die Handlung von außen und treiben sie diskret voran. Von innen tun das, nur indirekt an ihr beteiligt, Madame Armfeldt, Desirées Mutter (personifizierte Würde im Rollstuhl: Judith Schubert) und deren Enkelin Fredrika (reif und präsent: Katalin Rohse), ein "Malheur" aus Désirées Beziehung zu Fredrik - von dem der jedoch nichts weiß.

Kleine Rollen kennt das fast drei Stunden dauernde Musical nicht. Die Gäste Maria Mucha und Alexander Mildner geben das mit unüberbrückbarem intellektuellen Gefälle geschlagene, durch zu viel Vertrautheit entfremdete Ehepaar Malcolm sehr überzeugend. Nataliia Ulasevych ist jeder Zoll die totale Verunsicherung des Fast-noch-Kindes in Ehe mit einem Mann, der ihr Vater sein könnte. Und der mit ihr genauso ratlos ist. André Gass ist die personifizierte Zerrissenheit zwischen religiösem Eifer und Drang nach sexueller Erfüllung, Johanna Brault Versuchung pur mit Mickymaus-Frisur.

Aber das Stück steht und fällt mit den Zentralfiguren. Da haben sich zwei gefunden: Sandrine Guiraud, Schauspielerin, und Marcus Sandmann, Operntenor, wachsen in ihren Rollen aneinander zu gesanglich-mimisch ebenbürtigen Darstellern, deren Spiel dem Publikum unter die Haut geht. Wie Désirées Lied, für das dieses Musical bekannt ist: "Bring mir die Clowns", sehr ruhig, brillant vorgetragen, resümiert die groteske Lage zweier Liebender, die scheinbar nicht zu einander finden.

Sandrine Guiraud, die bis zum Wegzug mit ihrem Kollegen und jetzigen Mann Maximilian Nowka 2007 nach Berlin fest zum fusionierten Haus gehörte, kommt dabei ihre - in Zwickau erworbene - stimmliche Disposition als Musicaldarstellerin zupass. Mit der kontrastiert sie deutlich zum übrigen, dem Belcanto näheren Ensemble, das so wiederum das Unechte der von ihnen verkörperten Charaktere sinnfällig betont.

Es gibt also im ganzen Stück keinerlei Halbheiten, neben Pöckels Regie auch dank Bärbel Stenzenbergers Choreografie in der naturnah sonnen- und blätterdurchwirkten Dekoration Sabine Pommerenings. Sie kann wegen des Provisoriums des Malsaals keine großen Sprünge machen, verwendet indes viel Fantasie auf die klassisch-zeitlose, farbfrische Kostümierung des Ensembles.

Der Saal gibt zudem Anlass, Neues zu probieren. So überrascht die etwa 30-köpfige Abordnung der Philharmonie Plauen-Zwickau unter GMD Leo Siberski mit Wohlklang von oben, vom Zwischenboden des Malsaals, fünf Meter über Bühnenniveau. Beide Räume verbinden nur seitliche Schlitze. Blickkontakt läuft über Monitore. Das Klangerlebnis ist so überzeugend wie harmonisch.

So wie das Ende des vom Premierenpublikum begeistert beklatschten Musicals. Bei dem bekommt am Ende nicht jeder Topf einen neuen, aber den (zurzeit) passenden Deckel. Selbst Dienstmädchen Petra findet mit Butler Frid (Jens Herrmann) den Ihren. Der könnte allerdings auch augenscheinlich ihr Vater sein. Ob sich da schon das nächste Beziehungsdrama anbahnt, bleibt offen.

Weitere Vorstellungen im Zwickauer Malsaal am 15. und 22. Dezember, 6., 13. und 30. Januar, 15. und 20. März, 5. und 6. April sowie 15. Juni. Tickethotline: 0375 274114647.

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