Von der Moritzbastei an den Eiffelturm

Ulrich Schachts Roman "Notre Dame" berührt trotz einiger Schwächen

Stollberg.

Vielleicht musste ein Vierteljahrhundert vergehen, damit diese Geschichte geschrieben werden konnte: Ulrich Schacht erzählt in seinem umfangreichsten Roman aus der Distanz, aber auch mit der Erinnerung an die unvergesse Zeit seiner eigenen Lebenswege. Schacht hat ja eine ungewöhnliche Biografie. Geboren wurde er 1951 im Frauengefängnis Hoheneck bei Stollberg als Kind einer deutschen Mutter und eines sowjetischen Offiziers; den Vater sollte er erst in den 1990er-Jahren kennenlernen. Er wuchs in Mecklenburg auf, studierte Theologie, wurde verhaftet und 1973 zu sieben Jahren verurteilt. 1976 kam er in die Bundesrepublik, arbeitete dort als Journalist und lebt heute in Schweden.

"Notre Dame" spielt in jenen Tagen, da die DDR unterging. Erzähler Beck, ein Journalist, kommt nach Jahren erstmals wieder in die Landschaft seiner Kindheit, nach Parchim, um beim ersten freien Wahlkampf mitzumachen. Ein Jahr zuvor hatte er in Leipzig, im Studentenclub der Moritzbastei, die Studentin Henrike Stein kennengelernt, woraus eine große Liebesgeschichte wächst. Die wird nun zur existenziellen Erfahrung - und zugleich zur Liebeserklärung an Paris, das in vielen Erlebnissen des Paares sichtbar wird. Freilich, die Geschichte bewegt sich manchmal zu sehr im Reiseführerton, gerät ins Banale, verdrängt das Zeitgeschehen. Wie es scheint, hat sich der Autor teilweise übernommen beim Versuch, die verschiedenen Lebenssituationen miteinander zu verknüpfen. Doch er bringt es spannend zu Ende, als Beck nach vielen Jahren an den Eiffelturm zurückkehrt: Diese Wiederbegegnung, nicht nur die Erinnerung an Orte, Tages des Glücks, sondern auch der Versuch, dieses Stück Vergangenheit zu bewältigen, führt zum Abendmahl in Notre Dame: Dort trifft er auf eine Französin, und auf ein Stück gemeinsamer Geschichte: "Es war eine Geschichte, die weiterging. Es war seine Geschichte." Trotz aller Schwächen eine Lektüre, die einen nicht kalt lässt.

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