Von der virtuellen Weitergabe des Feuers

Fast alle sächsischen Theater versorgen vor der Premiere aktueller Inszenierungen Neugierige im Internet mit Kostproben in Bild und Ton. Nur ein Haus macht da nicht mit.

Chemnitz.

Seit 2014 gehört die Deutsche Theater- und Orchesterlandschaft offiziell zum immateriellen Kulturerbe Deutschlands. Das wiederum umfasst solche kulturellen Ausdrucksformen, die, direkt von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitergegeben und stetig neu geschaffen und verändert werden. Wie es also bereits der Komponist, Dirigent und Operndirektor Gustav Mahler (1860 - 1911) umriss, ist die Tradition, um die es sich hier handelt, nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.

Die wiederum funktioniert im Zeitalter des Breitband-Internets anders als noch vor 20 Jahren. Ob die Dresdner Semperoper, das Theater der jungen Welt Leipzig, das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen oder die Landesbühnen Radebeul: Alle 13 im Freistaat Sachsen ansässigen Theater bis auf eines setzen bei der Werbung um Publikum mittlerweile Videotrailer ein, die sie auf ihrer eigenen Internetseite ins Netz stellen und/oder bei Youtube veröffentlichen - zum Teil dort auch auf einem eigenen Kanal. Das ergab unlängst eine Umfrage des Mitteldeutschen Rundfunks unter allen Theatern seines Sendegebiets.

Je nachdem, wie lang die Online-Tradition des jeweiligen Theaters ist, stellt sie schon einen kräftigen Baum dar oder ist noch ein zartes Pflänzchen. So hat der Youtube-Kanal des Mittelsächsischen Theaters Freiberg-Döbeln rund ein Jahr nach Veröffentlichung seines ersten von derzeit sieben Videos - mit jeweils zwei- bis dreistelligen Klickzahlen - bisher ganze 16 Abonnenten.

Das Theater Plauen-Zwickau, das bereits vor sieben Jahren den ersten Kurzfilm über eine eigene Inszenierung ins Netz stellte und seither 101 Clips folgen ließ, hat 255 Abonnenten. Zumindest alle Clips, die älter als ein Jahr sind, haben die Marke von 1000 Klicks bereits hinter sich gelassen.

Zehn Jahre ist es wiederum schon her, dass die Theater Chemnitz erstmals zu diesem Online-Werbemittel gegriffen haben - zu "Macbeth", als Versuchsballon gewissermaßen. Die regelmäßige Trailerproduktion, der seither 185 Vorschaufilme entsprungen sind, begann zwei Jahre später. Die Abonnentenzahl steht kurz vor der 800er-Grenze.

Das einzige Theater in ganz Sachsen, das auf dieses Marketinginstrument verzichtet, ist das Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz: "Wir werden von kompetenter Seite davor gewarnt, eigene Videoclips unserer Inszenierungen zu produzieren, einfach, weil wir das nicht können und weil wir hier nicht mit anderen Kulturanbietern konkurrieren, sondern mit Hollywood", führte dazu Intendant Ingolf Huhn in der MDR-Umfrage aus und ergänzt auf Nachfrage, die genannte Warnung sei bei einer Informationsveranstaltung auf einer Tagung des Deutschen Bühnenvereins ausgesprochen worden.

"Die Ansprüche an Professionalität solcher Filme sind so hoch, dass ein Theater das mit seinen begrenzten Mitteln nicht im Ansatz erreichen kann", fährt der Intendant fort, der als zurückhaltend in Sachen Theater im Internet gilt. Schon als Generalintendant am Theater Plauen-Zwickau, 2001 bis 2008, fuhr er bei der Entwicklungspolitik von dessen Webauftritt eine eher restriktiv-konservative Linie. "Im Übrigen wäre das ja nur für rechtefreie Werke möglich, sodass wir einen Flickenteppich von Werbemaßnahmen hätten, bei denen wir bestimmte attraktive Produktionen auf diese Weise nicht bewerben könnten." Speziell, so Huhn, im Musicalbereich werde eine Verbreitung in dieser Form mitunter ganz untersagt.

Zwar lassen sich die Rechteinhaber nicht gemeinfreier Bühnenwerke für deren ausschnittweise Online-Verwertung extra bezahlen. Dieser Betrag liegt aber laut Carolin Eschenbrenner, Sprecherin des Theaters Plauen-Zwickau, beispielsweise einmalig um die 250 Euro und hält sich somit in Grenzen. Schon weil, so Eschenbrenner, für betriebsinterne Zwecke sowieso regelmäßig ein Bild- und Tonträger erstellt werde. Das werde den Verlagen standardmäßig mitgeteilt. Es sei überdies geregelt, dass der Theaterverlag vom Theater über die geplante "öffentliche Wahrnehmbarkeit" solcher Aufnahmen zu Werbezwecken unverzüglich in Kenntnis gesetzt wird. Solcherlei Clips dürfen eine Länge der Bühnenausschnitte von zehn Minuten nicht überschreiten. Die meisten Clips sind kürzer, enthalten überdies oft noch kurze Frage-Antwort-Stücke mit Mitgliedern aus Inszenierungsteam und Ensemble oder bewegte Dokumentarbilder nach Art eines "Making-of".

Bei dem fusionierten Theater nimmt man, wie auch beim Mittelsächsischen Theater, zur Trailerproduktion die Arbeit externer Dienstleister in Anspruch. In Chemnitz verhält sich das ebenso: "Wir verfügen weder über die notwendige Technik, noch die entsprechende Fachqualifikation zur Filmherstellung", teilt Enrico Merkel, Referent des Intendanten der Chemnitzer Bühnen, Christoph Dittrich, mit. Zusatzkosten entstünden nur insofern, als die Trailerproduktion seit vielen Jahren fester Bestandteil der Marketingplanung des Theaters ist. "Wir haben in der vergangenen Spielzeit mit etwa 12.000 Euro für 14 Produktionen kalkuliert."

Geld freilich, das man auch erst mal haben muss.

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