Von Frauen und Bettgeflüster

Nach seinem erfolgreichen Debüt "Das Weisse Buch" hat Rafael Horzon nun sein zweites Werk vorgelegt und gibt ihm einfach mal den Titel "Das Neue Buch".

Zehn Jahre sind es her, seit der Berlin-Mitte-Unternehmer, Projekt-Erdenker und Projekt-Versenker Rafael Horzon "Das Weisse Buch" vorlegte. Ein nachgefragtes Möbelgeschäft betreibt er in der Torstraße. Als Apfelstrudellieferant hat er gewirkt, als Betreiber einer Partnertrennungsagentur oder einer wissenschaftlichen Akademie. Als Wikipedia ihn einen Künstler nannte, beauftragte er seine Anwälte. Deswegen nennt man sein diesem Leben abgeschriebenes Opus am besten ein Schelmensachbuch. Immer wieder neue Ideen schickte er aus der Berliner Party- und Vernissage-Szene los, auf dass sich das alles irgendwie zum bemerkenswerten Werk eines Lebens fügte.

Dann wurde der Liebling der Hauptstadtintelligenzija müde. Davon erzählt er nun. Er berichtet, wie er in "tiefe Tatenlosigkeit versunken" war, wie es Pfändungsbescheide und Finanzamtsforderungen hagelte. Bewegungslosigkeit und kalorienreiche Ernährung bestimmen nun diesen Mann, der in Unterhosen auf dem Diwan hockt, weil die Kleidung nicht mehr passt. Pralinen und Pizza. Er müsste ein neues Werk schreiben, doch ist das zweite Buch das schwerste, schon die Suche nach dem Titel ist ein unlösbares Problem, und überhaupt scheut er vor dem Beginn wie ein Pferd vorm Hindernis. Auch die Verhandlungen mit dem Suhrkamp-Verlag über einen Vorschuss gestalten sich zäh.

Aber er muss raus aus dem Dilemma, denn: "Es ist wichtiger, die Horzon GmbH zu retten als den Suhrkamp-Verlag!" Er will und muss zurück auf die Bühne. Die Freunde wollen das auch, ermutigen, bedrängen und "bebrainstormen" ihn, wollen ihn aus seiner "oblomowschen" Lethargie stoßen.

Man könnte ja ein paar Kapitel abschreiben aus heute nicht mehr gelesenen Klassikern. Auf jeden Fall ist der Nobelpreis das Ziel. Und weil er recht wenig erlebt hat in den letzten zehn Jahren, muss das jetzt nachgeholt werden. Frauen und Bettgeflüster müssen her, also Kontaktanzeigen, Partys und wieder unter die Leute, weil nun mal gilt: "ein Mann ohne Frauengeschichten schreibt kein gutes Buch."

Zum Thema des neuen Horzon-Buches wird demzufolge, wie er ein Thema sucht. Also schlängelt und schlingert er durch die Tage und erzählt davon, gestützt von zwei Fotostrecken, die das Authentische dieses Buchs steigern sollen. "Das war schon beim Weissen Buch so, dass alles nur für Fiktion gehalten wurde. Dabei ist alles wahr."

Und es passiert immer noch genug, wobei die Berliner Kunstschickeria Horzons Wege säumt. Igor Levit, Christian Kracht, Florian Illies, Moritz von Uslar, Holger Friedrich und viele mehr flankieren seine Wege zurück ins Leben und dann auch ein paar Frauen wie Helene Hegemann, Ronja von Rönne und vor allem eine neue Mitarbeiterin. Auch Daniel Kehlmann huscht durch die Kulissen, versteht etwas falsch und ruft ihm zu: "Das Neue Buch - das ist natürlich brillant!" So nobilitiert er den Titel und rät, einfach nur aufzuschreiben, was ein Jahr lang passiert ist.

Im Ergebnis lesen wir nun einen Aufguss des ersten Buchs. Wieder Zitate und Zitatverdrehungen, wieder Partys, Projekte und Prominenz. Viele gute oder mindestens neckische Geschäftsideen, der rettende Einfall mit der Erholungsreise nach Karlsbad, wo Goethe immer schon da war, oder die Design-Messe in Aserbaidschan, wo kaum einer war, dann der wirklich berührende Abschied vom sterbenden Freund Carl Jakob Haupt, zwischendurch viel Nabelschau und am Ende fast so etwas wie ein Happy End. Dorthin hat man sich dann aber doch ziemlich mühen müssen. Das ist die Krux, wenn eine Idee einfach noch einmal aufgekocht wird.

30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Testen Sie die digitale Freie Presse unverbindlich.
Erhalten Sie Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de
(inkl. FP+ und E-Paper). (endet automatisch)
 
30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de und E-Paper. (endet automatisch)
Jetzt 0€ statt 20,99 €
00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.