Von Geldkellern und Goldhöhlen

Längst vergessen und doch wertvoll: Der sächsische Sagenschatz wartet darauf, entdeckt zu werden. Und in dem wiederum geht es in vielen Fällen um die Entdeckung von Schätzen.

Ein Goldstück erst, dann noch eines: Unerwarteten Lohn empfängt die Magd, als sie den alten Grabstein von dicker Staubschicht befreit. "15.Januar 1605" steht auf diesem Grabmal in der Sachsenburger Dorfkirche geschrieben, das eine Frau im prunkvollen Sterbekleid zeigt. Mit 30 ist diese Frau Magdalene bei der Totgeburt ihres Sohnes gestorben. Außer dem Grabstein erinnert nichts an sie. Nur die Sage von der tugendhaften Magd hält das Totenandenken noch wach. Ob sich der Trick, das Staubwischen mit Gold aufzuwiegen, wiederholen lässt, wenn man das Kirchlein bei Seifersbach heute aufsucht?

Eine gute Frage, immerhin geben die Altvorderen in Sachen Schatzsuche einige Tipps. Zumindest, wenn man den Sagen Glauben schenkt, die sie hinterlassen haben. Viele, wie die zitierte Legende von der Magd und dem Grabstein, stammen aus dem 19. Jahrhundert und beziehen sich auf frühere Zeiten. Das macht sie ungenau, und dennoch lohnt ein Blick auf sie. Heißt es nicht, in jedem Märchen stecke ein Körnchen Wahrheit? Und falls, ja nur falls, die sagenhaften Erzählungen zwischen Leipzig und Bautzen, Torgau und Bad Elster nicht zu Reichtum führen, dann doch zu Erkenntnisgewinn. Die Sagen zählen doch mit zum Kulturgut.

Um Oschatz allerdings kann man dabei einen Bogen machen, denn mit realen Schätzen hat der Ortsname nichts zu tun - er soll aus kaiserlicher Liebe entsprungen sein: "Oh, mein Schatz!" Silberberg klingt ebenfalls verheißungsvoll, exakte Schatzlagen muss man im Städtebund noch zukünftig lokalisieren. Aber in Auerbachs Hof zu Leipzig, von dem seit Bau der Mädler-Passage 1911 nur der berühmte Keller übrig ist, soll es laut Legende bis heute Kobolde zu kaufen geben, die fette Spendierhosen tragen. Das hätte mal jemand Jürgen Schneider stecken sollen: Dann hätte sich der Bauunternehmer beim Kauf der halben Leipziger Innenstadt einst nicht bis zur Milliardenpleite verschuldet. Die freigiebigen Koboldkerlchen sind auch der tiefere Grund, warum die Stadt einen zweiten Citytunnel graben will: Er dient der verdeckten Schatzsuche.

Der Schatzhort am Zwickauer Biel wurde der Sage nach schon gehoben. Dieser bewaldete Hügel im Stadtteil Planitz, so mutmaßten die Vorväter, enthalte Gold und Edelsteine. Schließlich aber soll ein Kind an dieser Stelle brennende Steine, also Kohle, gefunden haben. So erklärt die Sage, wie die Menschen der Region zur Nutzung des schwarzen Brennstoffs kamen. Aber warum nicht noch einmal dort nachschauen?

Dasselbe gilt für jenen Löbauer Felsen, der im Volksmund "Geldkeller" heißt. Im Innern sitzen Räuber an einer Tafel und zählen Goldtaler. Woher die Spießgesellen ihren Reichtum genau haben, darüber schweigt sich die Sage aus. Dort ist aber zu lesen, wie einmal ein Junge in den Geldkeller fand, als er seinem Hut nachjagte. Aus Angst vor der Schelte durch die Eltern suchte er stundenlang seine Kopfbedeckung, die ihm der Wind gestohlen hatte. Als er so unvermutet in den Berg geriet, zeigten sich die untoten Robin Hoods am Tisch spendabel und beschenkten ihn. Wer aber zu gierig den Berg absucht, wird sieben Jahre als Strafe für seine Habsucht im steinernen Gefängnis verbringen. Das ist, so lautet die Kunde, schon einigen Leuten so ergangen.

Eine besondere Geschichte enthält die Sage vom "Schlüssel zu Gnandstein". Der Burgherr der Feste zwischen Chemnitz und Leipzig reiste vor rund 500 Jahren nach Italien. In einem Kloster dort offenbarte ihm ein Mönch den alten Bauplan der Burg Gnandstein, der auf seltsamem Weg in die Klosterbibliothek gefunden hatte. Demzufolge enthält ein tief in den Porphyrfelsen gehauenes Verlies eine Kiste Edelsteine. Trotz Plan gelang es nicht, den Schatz im romanischen Bau zu heben - er wartet noch immer auf ihren Finder, so die Sage. Eine andere warnt sogar vor der Entdeckung: Wer auf dem Schafberg bei Bautzen den dort vermuteten Schatz hebt, soll das mit seinem erstgeborenen Kind bezahlen. Zum Glück ist das nur eine Sage.

Auf dem Spitzberg in der Sächsischen Schweiz lebte einmal das Zwergenvolk der Querkse. Sie wachten über ein riesiges unterirdisches Schatzreich. Ein Zwerg verliebte sich in eine junge Frau und zeigte ihr die Behausung - auf dass sie diese niemals verriet. Die Fromme aber berichtete davon in der Beichte. Daraufhin wurden die Querkse nie wieder gesehen und ließen die Schätze da. Einmal im Jahr tut sich ihr Reich auf, nur weiß keiner, wann.

Wann die Zwerge im Striegistal ihr Camembert-Rezept den Menschen schenkten, ist genau überliefert: Seit 1937 dürfen auch große Zweibeiner den leckeren Weichkäse anrühren. Die Rezeptur ist nämlich, wie die Legende oder die Marketingabteilung es will, ein Geschenk der Kerlchen mit der Zipfelmütze.

Blumen sind ein Mittel, Schatzhorte aufzuschließen. In vielen Sagen ist es ein gelbes Exemplar, das nur am Johannistag, dem 23. Juni, erscheint, das verrät, wo sich ein Berg auftut oder man den Spaten ansetzen muss. Die Pflanze ist auch als Johanniskraut bekannt. Falls seine finanzsteigernde Wirkung einmal versagt, dann keine Panik: Es gilt auch als Antidepressivum.

Mitunter wird der Schatzsucher heimgesucht von Abgesandten des Teufels, von Dämonen und Ziegenböcken. Meist geben diese sich damit zufrieden, die Erschrockenen in die Flucht zu schlagen. Manchmal, so warnt die Sage, geht das Abenteuer allerdings auch tragisch aus, wie beim unglücklichen Kuhhirten. Südlich von Bautzen liegt der 400 Meter hohe Thromberg. Dort in der Felsenschlucht fand der Hirte, der einer ausgebüxten Kuh nachjagte, eine randvoll mit Gold gefüllte Höhle. Er stopfte sich die Taschen voll und ging beglückt nach Hause. Allerdings vergaß er seinen Hut in der Höhle. Als er zurückkehrte, um diesen zu holen, schloss sich der Fels und den Hirten damit im steinernen Gefängnis ein. Noch heute hört man ihn klagen - nicht wirklich, aber so steht es in der Legende geschrieben.

"Oh, wie gruselt mir!" - Behelmt mit blutverschmiertem Schwert bewacht ein schwarzer Ritter einen Schatz in der Kirchruine von Kirschau (Bautzen). Begleitet wird er von einem stets wachen Falken, dessen Schnabel und Federn aus Eisen und unverwüstlich sind. Und auch der Sagengestalt aus Elsterberg (Vogtland) will man lieber nicht begegnen: Auf der Lobdeburg hütet eine schwertbewehrte Jungfrau einen Goldschatz im Brunnen. Also lieber die Orte der Sagen aufsuchen, in denen nicht von blutrünstigen Wächtern die Rede ist. Und das ist in vielen der Fall. Es existieren mehrere Dutzend Schatzsagen für Sachsen, nur wenige konnten hier angeführt werden.

Das sind allemal lohnende Aussichten. Man muss den Sagenschatz nur heben. Wie auch immer man zu Reichtum gekommen ist, es gilt, den Mund zu halten. Denn analog zu Lottomillionären hat man sonst nicht viel von seinem Gewinn. Wie weiß doch das Sprichwort: "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold." Und findet man nichts, dann ist Reden Gold: Legenden sind dazu da, weitererzählt zu werden. Das ist doch der wahre Wert des Sagenschatzes.


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