Von Passagen und Horizonten

Guntram Vespers "Tieflandsbucht" versammelt Gedichte

Frohburg.

Das Lob dem Verleger zuerst: Nach dem Roman "Frohburg", der Vesper 2016 auch in der öffentlichen Wahrnehmung in jene erste Liga brachte, in der er freilich längst spielte, kommen nach dem Erzählband "Nördlich der Liebe und südlich des Hasses" (2017) nun die versammelten Gedichte "Tieflandsbucht" heraus. Und wer es denn weiß, der kennt die Gegend, die aus dem Norden durch die Eiszeit geformt in der Scholle des zum Süden ansteigenden sächsischen Hügellands wuchs: poetisches Terrain dieses Autors, ausufernd nach Westen, erinnernd das südliche Gebirge. Damit wird eine Autorenwelt komplettiert - immerhin mit einem dicken Band von 400 Seiten, die Ausbeute eines halben Jahrhunderts: Es ist recht mutig in Zeiten der Gedichtabstinenz.

In allen drei genannten Büchern findet sich das Lebensthema Vespers in vielen Variationen: der unfreiwillige Weg aus der Leipziger Tieflandsbucht nach Göttingen und in diese andere Welt. Was bisher in einzelnen Büchern und Bänden erschienen war, über die Jahre hinweg, wie es gegen Anfang dieser Sammlung heißt: Die Erinnerung an die Erinnerung, es geht nun an den Rand der Gegenwart. Und wo er sich auch bewegt, in der Nordwestpassage oder anderswo, es ist das Land seiner Zeit, das er beschreibt. Doch vielleicht erst jetzt, mit den Versen, wird der Horizont sichtbar: Frohburg, das Bild, die Vergangenheit, die unvergangene Zeit. Andere Namen und Orte werden sichtbar, aber darüber schwimmt wie eine Rose im See diese Stadt, lebenslang. Vespers Gedichte strukturieren sich oft aus einer Frage: Ist das so, was man so sieht? "Über die Elbe tobt der Wind/an was/erinnert er sich." So schreibt er sich aus den Erfahrungen der Kindheitstage ins spätere Leben. Das alles wird betrachtet wie ein Stück Weltgeschichte, diese eigens erlebte Welt. An einigen Punkten wechselt der Dichter in die Prosa, erzählt von seinen Anlässen und Vorgeschichten. Einmal zeigt er an dem Gedicht Peter Huchels, was ein Gedicht sein kann - jenes und seines auch. Wer dieses Jahrhundert, wer unsere Welt in Worte zu fassen, zu begreifen versucht, hat es nicht allein mit Heuwegen, Erinnerungsfeldern, Bildern und Worten zu tun.

Das Bestehen auf den eigenen Empfindungen trägt das Gedicht. So geht der Poet durch die Zeiten, von Frohburg nach Göttingen und zurück. Überall gibt es in diesem Band Einschübe der Erklärung: Das erste Gedicht, die Kunst, Dichter-Gesichter - und so gewinnt diese Poesie ihre Eigenart. Schriftsteller-Kollege Michael Krüger hat dem Band ein Resümee gegeben: "Es ist ein Opus von geradezu verblüffender Homogenität, das einem bedeutenden Abschnitt unserer Geschichte, die Geschichte der Trennung des Landes der Nachkriegszeit, in schönen klaren Bildern Ausdruck verleiht".

Das Buch Guntram Vesper: "Tieflandsbucht. Die Gedichte", Schöffling & Co., 400 Seiten, 32 Euro.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...