Von Rufern und Rettern - Medien als Ventilatoren des Kruden

Gendersternchen, witzlose Karnevalswitze, Indianerkostüme oder der CO2-Verbrauch von Kindern: Viele Themen, um die Deutschland derzeit vermeintlich streitet, machen vor allem eines klar: Frei zu sein nicht so einfach!

Chemnitz.

Im Film "Gangs of New York" gibt es eine Szene, an die ich mitunter denken muss, wenn die aktuellen gesellschaftlichen Debatten mal wieder überkochen: Es brennt ein Haus, und sofort kommen mehrer Feuerwehren. Die sind im 19. Jahrhundert noch eher als lockere Banden Freiwilliger organisiert und stehen in heftiger Konkurrenz miteinander. Helfen muss sich schließlich lohnen, daher möge der Beste gewinnen: Die Helfershelfer der Wehren verstecken also erst einmal die Wasserhydranten vor dem Gegner - und dann prügeln sich die Retter um das Recht, retten zu dürfen. Während das Haus dabei mehr oder weniger kontrolliert abbrennt, fällt den Anführern plötzlich auf, wie kontraproduktiv hier agiert wird. Also fällt man als gemeinsamer Mob prophylaktisch über das vom Funkenflug bedrohte Nachbarhaus her, um noch intaktes Inventar zu retten. Der Besitzer wird niedergeschlagen, die Aktion gerät zur Plünderung. Aber, und das zählt: Niemand kann hinterher behaupten, die Feuerwehr würde was anbrennen lassen!

Es ist eine der wenigen amüsanten Szenen eines eher finsteren Films, den Regisseur Martin Scorsese 2002 über die Wiege der westlichen Freiheit drehte: Die Handlung beruhte auf historischen Mechanismen. Deswegen zieht es auch ein wenig in den Mundwinkeln, wenn man versucht, über die Parallelen ins Heute zu schmunzeln. Denn sobald irgendwo gesellschaftlicher, moralischer oder politischer Alarm ausgerufen wird, rücken ja auch die verschiedensten Feuerwehren an, um eine, sagen wir, durchwachsene Lösch-Bilanz zu hinterlassen.

Auch sie besonders heiß debattierten "Brandherde" der letzten Woche waren faktisch eigentlich eher überschaubar: Erstens: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer riss im Karneval einen stumpfen Witz über Gender-Toiletten und Latte-Macchiato-Männer. Zweitens: Ein Kindergarten bat intern (!) Eltern darum, den Nachwuchs zum Fasching nicht in Kostüme zu stecken die "Stereotypen bedienen könnten". Drittens: Die Lehrerin Verena Brunschweiger vertrat in ihrem neuen Buch "Kinderfrei statt kinderlos: Ein Manifest"die These, dass man besser auf die Elternschaft verzichten solle, um mit dem CO2-Ausstoß des Nachwuchses die Umwelt nicht noch mehr zu belasten. Und Viertens: Über 100 Prominente unterzeichneten einen Aufruf gegen die "Verhunzung der Sprache" durch "Gender-Sprech".

Dem könnte man knapp entgegnen. Erstens: Dass im Karneval misslungene Witze daherkalauert werden, ist sowieso eher die Regel als die Ausnahme. Zweitens: Wer im Zweifel mal sein Kind fragt, was es zum Fasching sein will, wird heutzutage "Naruto", "Tina", "Spiderman" oder "Lady Bug" hören und sicher nicht "Indianer" oder "Pascha". Drittens: Niemand wird hierzulande gezwungen, Kinder zu bekommen - umgedreht bleibt es aber auch ausdrücklich erlaubt. Und Viertens: Jeder entscheidet am Ende selbst, wie er Sprache verwendet - alles darf, nichts muss!

Nicht falsch verstehen: Natürlich schlummern hier Themen für Debatten. Zum Beispiel: Kann sich eine Politikerin bei einer Witz-Veranstaltung auch mal als Privatperson vermeintlich lustig machen oder ist sie immer im Dienst, weil ihr Umfeld da nicht differenzieren mag oder kann? Oder: Inwiefern gestehen Eltern und Erzieher Kindergartenkindern eigene Kreativität zu, statt sie nur mit vorgefertigten Bespaßungen in eine Schablone dessen zu pressen, was Erwachsene für kindgerecht halten? Oder: Welche krude These haben Autoren mit ihren Verlagen eigentlich noch nicht aus- geknobelt, um via aufgeschäumter Debatte in die Bestsellerlisten zu gelangen? Und nicht zuletzt: Wann legt die Bundesregierung endlich verbindliche Sprachregeln für Deutschland fest und stellt deren Missachtung unter Strafe? (Zugegeben, ab Punkt drei bin ich langsam ins leicht Ironische abgerutscht.)

Blickt man mit etwas Abstand darauf, verwundert aber doch eher der Furor, den all diese Punkte erzeugt haben und der die Frage lohnt: Haben wir aktuell noch die richtigen Mechanismen, um wirklich sinnstiftende Debatten a) zu zünden, b) auszutragen und c) auch fruchtbar zu landen? Offenkundig nicht - und dass ist der Punkt, an dem eigentlich Besorgnis aufkommen sollte. Denn da sind wir bei der Feuerwehr vom Anfang: Weil zu viele, zu gegensätzliche Kanäle aktuell um den Diskurs konkurrieren, entsteht zu oft ein Wirrwar, in dem echte und eingebildete Probleme, Überspitzungen und Irrtümer, kluge und unsinnige Lösungsansätze durcheinanderpurzeln. Dass ausgerechnet die "Bild"-Zeitung, die bei all diesen Themen am lautesten "Alarm!" gebrüllt hatte, am 8. März dann die Schlagzeile "Ständig Alarm, wo keiner ist" zusammenbekam, ist dabei bezeichnend. Die Medienlandschaft ist seit ihrer Erweiterung um sogenannte Soziale Medien immer weniger Filter, sondern immer mehr Ventilator einer Öffentlichkeit geworden, die immer hektischer immer kruder These in den Resonanzraum brüllt, den unsere Freiheit nunmal aufmacht.

Das Krude entsteht dabei aus zweierlei Gründen: Erstens, weil die Welt immer komplexer wird und sich der Einzelne bei seiner Meinungsbildung immer häufiger auf Vermutungen, Vertrauen, Vorstellungskraft verlassen muss statt auf eigenes Wissen. Zweitens, weil die Menge der zu debattierenden Probleme im Detail zunimmt. Über eine wachsende Zahl medialer Kanäle versucht also ein anschwellender Chor von Beteiligten, eine Debatte im eigenen Sinn anzufachen. Verkompliziert wird das dadurch, dass die Vertreter der Themen dabei auch noch mit den Betreibern der Kanälen wettstreiten: Die einen wollen ihr Sujet breit gestreut wissen, egal wie - die anderen möchten, dass ihre Plattform genutzt wird, egal womit. Eine "Zielrichtung" findet dabei mehr und mehr nur zufällig über spontane Resonanz statt: Zum Thema wird, was sich in dieser Gemengelage irgendwie aufschaukelt, in der jeder Kanalmacher darauf schaut, was andere Kanäle erfolgreich transportiert - in der Hoffnung, so schlussfolgern zu können, was die eigenen Nutzer wollen und brauchen: Man will nicht nur die beste Feuerwehr sein - man muss.

Dass das möglich ist, liegt an der freiheitlichen Gesellschaft. Allerdings wird dabei oft schmerzlich übersehen, dass Freiheit nicht allein in der Möglichkeit besteht, zu tun und zu lassen, was man möchte: Man muss ja erst einmal eine Vorstellung entwickeln, was man eigentlich zu tun gedenkt. Oder, wie es Harry Rowohlt einst formulierte: "Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben." Wirkliche Freiheit ist das "Meer der Möglichkeiten", das vor dem einzelnen liegt. Die Summe der Chancen, die Vielzahl möglicher Wege. Dass diese zwar im Durchschnitt vorhanden, strukturell aber ungleich verteilt sind, ist ein wirkliches Problem. Nur: Wie bringt man das zur Sprache?

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