Vor 25 Jahren: Schmidt verhilft Late Night zum Durchbruch

Trockener Humor und Lust am kalkulierten Tabubruch sorgten für Aufsehen. Am 5. Dezember 1995 flimmerte auf Sat.1 die Harald-Schmidt-Show erstmals über die Bildschirme.

Als die Harald-Schmidt-Show vor 25 Jahren auf Sendung ging, orientierte sie sich an US-amerikanischen Vorbildern. Der Start verlief noch recht bescheiden, auch RTL war zuvor mit ähnlichen Konzepten wie Gottschalks Late Night oder der Nachtshow mit Thomas Koschwitz nicht dauerhaft erfolgreich gewesen. Doch Schmidt verhalf dem TV-Format in Deutschland schließlich zum Durchbruch.

Jede Sendung begann mit einem Monolog und Einspielfilmen mit Gags zum aktuellen Tagesgeschehen, danach empfing Schmidt hinter einem Schreibtisch sitzend prominente Gäste. Begleitet wurden die Aktionen von einer Live-Band unter der Leitung von Helmut Zerlett.

Die Kritiken in der Anfangszeit waren meist verheerend. "Von Hape Kerkeling bis Harald Schmidt, was reitet diese Jungs zu glauben, dass sie, nur weil ihr Gehalt explodiert, auch gleich selbst zu komischen Raketen werden?", fragte "Die Zeit". Die "Bild am Sonntag" nannte die Show "Ekel-Fernsehen um Mitternacht". Und Schmidt gab dem Affen Zucker, er riss Polenwitze, machte gehässige Anspielungen auf Homosexuelle oder "glänzte" als "Dirty Harry" mit frauenfeindlichen Zoten. Dennoch hielt der damalige Sat.1-Chef Fred Kogel an der Show fest.

"Mit den heutigen Maßstäben, auch der Political Correctness, der Sprachpolizei und des linksliberalen Mainstreams, hätte ich meine Show nach einer Woche abgenommen bekommen", sagte Schmidt 2019 in einem Interview mit ORF III. Doch dann änderte sich in kurzer Zeit die Akzeptanz der Show. Zum Wandel schrieb "Der Spiegel": "Plötzlich wurde aus Ekel ,Kult', aus Schmuddel Glamour, aus Zoten und Kalauern Esprit und Sprachkunst. Das deutsche Feuilleton hat ihn zum Fernseh-Aristokraten der ironischen Weltanschauung geadelt."

Ab 1997 wurde Schmidt mit Auszeichnungen überhäuft, dazu gehörten Grimme-Preise, Goldener Löwe, Telestar, Deutscher und Bayerischer Fernsehpreis und die Goldene Kamera. Bei der Verleihung des "Medienpreises für Sprachkultur 1998" sagte Laudatorin Alice Schwarzer, "seine respektlose Art, sein ständiges Spielen mit Vorurteilen und Klischees führt die beste Nonsens-Tradition von Ringelnatz und Morgenstern fort".

Schmidt thematisierte immer wieder den Kulturverlust des Abendlandes, er zitierte Heidegger, machte sich Gedanken über Picasso oder stellte Fernsehklassiker ("Dalli, Dalli", "Am laufenden Band") und klassische Dramen nach - im Sandkasten mit Playmobilfiguren. Daneben gab es Rubriken wie "Die dicken Kinder von Landau" und Kunstfiguren wie den im Heizungskeller angeketteten "Ossi" sowie das versaute Sockenpuppen-Duo "Bimmel & Bommel". Mitunter führte die Narrenfreiheit zu absurderen Folgen, an einem Abend ließ der Showmaster das Licht für rund 20 Minuten ausschalten und saß schweigend am Schreibtisch. Ein anderes Mal moderierte er eine komplette Sendung mit dem Rücken zum Publikum.

Als Schmidt vor 25 Jahren erstmals die Late-Night-Bühne betrat, war er kein Unbekannter mehr. Bereits zuvor hatte er sich als Kabarettist und TV-Unterhalter mit Sendungen wie "MAZ ab!", "Pssst", "Schmidteinander" (mit Herbert Feuerstein) und "Verstehen Sie Spaß?" einen Namen gemacht. Seine neue Show, anfangs noch eine glatte Kopie von David Lettermans Late Show, entwickelte bald ein erstaunliches Eigenleben. Die Sendungen wurden von Schmidt ab 1998 von seiner eigenen Firma "Bonito" mit rund 80 Mitarbeitern produziert. Seit August 2000 saß Redaktionsleiter Manuel Andrack als "Sidekick" an einem Schreibtisch mit auf der Bühne. Auf dem Höhepunkt in den Jahren 2002 und 2003 stiegen die Einschaltquoten bis auf zweieinhalb Millionen Zuschauer an.

Am 8. Dezember 2003 kündigte Schmidt überraschend an, 2004 eine "kreative Pause" einzulegen und die Show zum Jahresende auslaufen zu lassen. Weder Sat.1 noch Schmidt gaben einen offiziellen Grund an. 2004 wechselte er dann zur ARD, hier soll er pro Show 120.000 Euro kassiert haben. 2011 kehrte er zu Sat.1 zurück, die sinkenden Zuschauerzahlen konnte auch das nicht bremsen. 2012 wechselte er zum Bezahlsender "Sky". Die letzte Ausgabe am 14. März 2014 sahen nur noch rund 60.000 Zuschauer - dann war Schluss.

Inzwischen schließt Schmidt eine Rückkehr als TV-Moderator aus. "Es langweilt mich, das Fernsehen ist für mich ein Medium der Vergangenheit", sagte der 63-Jährige im vergangenen Jahr der Deutschen Presse-Agentur. Wenn überhaupt, übernimmt Schmidt nur noch kleine Rollen wie die eines Kreuzfahrtdirektors im "Traumschiff" oder als Lord in einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung. Am liebsten widmet er sich aber seinem Aktiendepot.

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