War der Chemnitzer Maler Karl Schmidt-Rottluff ein Antisemit?

Das Bundeskanzleramt will keine Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff aufhängen, weil dieser sich einst antisemitisch geäußert hat. Muss man sich dazu Gedanken machen? Eine Betrachtung.

Berlin/Chemnitz.

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges wurden die Tiraden immer drastischer: "Die Schwächlinge und die Schweine in der Heimat fallen uns in den Arm und vernichten alles Erreichte. Die Juden, dieses zersetzende Gift, das ich mehr und mehr hasse, verderben uns. Sozialdemokratie, Materialismus, Kapitalwirtschaft, Wucher - alles ist ihr Werk ... Sie sind der Teufel in der Welt, das negative Element der Welt", schrieb der Husarenleutnant Walter Gropius, damals ein glühender Verehrer des Dolchstoßlegenden-Erfinders General Erich Ludendorff, im Frühjahr 1918 aus dem Feld an seine Mutter. Was ihn freilich nicht hinderte, bereits wenige Monate und eine Novemberrevolution später zusammen mit Künstlern wie Max Pechstein im "Arbeitsrat für Kunst" voller Eifer für Avantgarde und "Volksstaat" zu fechten: Im Frühjahr 1919 postulierte Gropius als Hauptziel für sein Bauhaus dann die Errichtung einer "Kathedrale des Sozialismus".

Emil Nolde war da stringenter: Obwohl einer der bestverdienenden Maler der 20er-Jahre, beklagte er oft, als Künstler von "den Juden" an den Rand gedrängt zu werden. Im März 1933 wurde er denn auch persönlich bei Joseph Goebbels vorstellig, um seinen Malerkollegen Pechstein als Jude zu denunzieren: Nolde genügte wohl als "Beweis", dass dieser eine markant große Nase hatte - wogegen die Behörden bei Pechstein nach dessen Geburtsdokumenten eine "arische Abstammung" notierten. Nolde freilich beharrte auf seiner Position: Für ihn, einen überzeugten Antisemiten und Nazi-Parteigänger voller Führertreue, war es eine tiefe Kränkung, dass die faschistischen Kulturbehörden seine von ihm als "deutsch, stark, herb und innig" empfundenen, im Wesen aber unpolitischen und stilistisch nunmal expressionistischen Bilder als ebenso "entartet" einstuften wie die Pechsteins. Das ist altbekannt.

Nun kann man wegen dieses klaren Bruchs zwischen Mensch und Werk Noldes Landschaftsbilder natürlich vielerorts zeigen - ausgerechnet im Bundeskanzleramt muss das aber nicht sein. Dass man sich dort vor wenigen Tagen besann und Nolde abhängte, ist ein verständlicher Schritt. Verständlich auch, dass man vor einer Neuauswahl erst einmal besonders sensibel eingestellt ist - vor allem, nachdem Nolde dort so viele Jahre irritierend unreflektiert zu sehen war. Da liegt eine Briefzeile des Malers Karl Schmidt-Rottluff, der gegen Ende des Ersten Weltkrieges von der Front nach Hause schrieb, die Briten seien ein "Volk, das vollkommen durch die Juden verseucht ist", erst einmal auf der Goldwaage. Das sagt etwas über das Kanzleramt - aber wenig über Schmidt-Rottluff. Der Maler, der ebenfalls zu den wichtigsten deutschen Expressionisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählt, gilt Historikern vor allem als unpolitisch, bestenfalls linksliberal. Von den Nazis ebenfalls als "entartet" verfemt, überdauerte er das Dritte Reich in innerer Immigration und malte heimlich: Landschaften. In der DDR schnitt man ihn, im Westen wurde er Kunstprofessor und im Deutschen Künstlerbund neben Größen wie Max Liebermann, Lovis Corinth oder Max Slevogt aktiv.

Ob eine historische Persönlichkeit Antisemit war, lässt sich nur aus deren Äußerungen und Handlungen ableiten. Einzelne Sätze sind dabei ein kniffliger Indikator bei einer Generation, die das Kaiserreich mit der Parole "Jeder Schuss ein Russ', jeder Tritt ein Brit', jeder Stoß ein Franzos'" nach Verdun peitschte - wenn man parallel den strukturellen Antisemitismus bedenkt, der sich spätestens seit Martin Luther so tief in die deutsche Gesellschaft gefressen hat, dass ja selbst jetzt, am Donnerstag, einer so renommierten deutschen Tageszeitung wie der "Frankfurter Rundschau" zur Berichterstattung über die Wahlen in Israel die Überschrift "Der ewige Netanjahu" - wie soll man sagen - "durchrutschte"? Das ist kein Einzelfall.

Wohl dem aus der Schmidt-Rottluff-Generation, der die 40-Jahre- Bruchlandschaft vom Ersten Weltkrieg über Weimar und die Nazizeit bis zum Kalten Krieg ohne Dellen im Rückgrat überstand. Ja, man muss bei Kratzer auf Heldenoberflächen immer genau hinschauen - andererseits gibt es aus dieser Zeit eben keine Helden ohne Kratzer. Vielleicht sollte man auch nicht überinterpretieren, dass Nolde und Schmidt-Rottluff in der Mitteilung des Kanzleramtes allein deshalb in einen Atemzug gerieten, weil diese nur ein paar Zeilen lang ist. Es kann ja nicht schaden, statt zu hyperventilieren mal wieder Remarque zu lesen: "Im Westen nichts Neues"!

Bewertung des Artikels: Ø 2.3 Sterne bei 3 Bewertungen
5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    1
    acals
    13.04.2019

    Man kann es kurz machen: Sind solche Äußerungen von Dali oa Picasso etc überliefert? ... Chemnitzer künstler (gewesen) zu sein ist durchaus ehrenvoll ...
    aber weder Chemnitz noch Deutschland sind Nabel der Welt.


    Wenn Frau Merkel solche Bilder nicht mehr haben will, dann ist das zunächst ihre Entscheidung. Ihr Tellerrand, davon konnten wir wir uns in ihren Legislaturen vergewissern, geht über den von Deutschland genauso hinaus wie dem von national-deutschem Egoismus und Selbstbeschau.

  • 6
    0
    Malleo
    13.04.2019

    Ein wahres Wort- "aus dieser Zeit gibt es eben keine Helden ohne Kratzer".
    Das zu akzeptieren, und damit meine ich all die selbsternannten und moralisierenden Hobbyhistoriker, ist ein erster Schritt, die Vergangenheit (und deren Personen) eben nicht ausschließlich nach den heutigen Maßstäben zu beurteilen!
    Denn, wo will man anfangen und aufhören?
    MP Kretschmer: "Kulturgüter sind Teil unserer Geschichte und Identität"!
    Das scheint man im Kanzleramt allerdings völlig anders zu sehen!
    Es gibt keine Vergangenheit vor der man sich verstecken kann, auch wenn man glaubt, das mit dem Abhängen von Bildern tun zu können.

  • 2
    6
    Lesemuffel
    12.04.2019

    Na, selbstverständlich war er Antisemit. Seine Äußerungen zu den Briten waren unmissverständlich. Und Fr. Merkel hat entsprechend reagiert. Sie sieht ein, dass man in Bezug auf deutsche Künstler die Wände am besten kahl lässt.

  • 3
    0
    Malleo
    12.04.2019

    freigeist
    Eine ernstgemeinte Empfehlung..
    Tauschen Sie sich mal per mail mit dem Autor aus!
    tim.hofmann@freiepresse.de
    Ich habe das schon paar mal gemacht.

  • 3
    2
    Freigeist14
    12.04.2019

    Keine Diskussion oder Suggestion rechtfertigt so eine Überschrift . Hat der Autor eigentlich eine Vorstellung ,mit welchen jüdischen Künstlern Schmidt-Rottluf befreundet war !?



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