War Richard Wagner ein Vordenker der Nazis?

War Richard Wagner ein Vordenker der Nazis? Ein neues Buch geht dieser Frage nach, ohne dabei entscheidend Erkenntnisgewinn zu bewirken.

Bayreuth.

Zu Beginn ihrer Intendantur vor zehn Jahren hatte die Leiterin der Bayreuther Festspiele, Katharina Wagner, angekündigt, die Nazizeit Bayreuths wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Daraus wurde nichts. Jetzt ist eine Bayreuther Publikation zum Thema "Wagner und der Nationalsozialismus" in einer neuen Publikationsreihe der Festspiele, "Diskurs Bayreuth", erschienen: "Sündenfall der Künste? Richard Wagner, der Nationalsozialismus und die Folgen" ist das kurz vor Eröffnung der Bayreuther Festspiele offiziell vorgestellte Buch überschrieben. Als Herausgeber firmieren die Intendantin selbst, ihr Geschäftsführer Holger von Berg und Marie-Luise Maintz, die Kuratorin des Symposiums vom vergangenen Jahr, aus dem die Texte des Buches hervorgehen.

"Der noch immer umstrittene und keineswegs abgegoltene Themenkomplex' Wagners Werk und der Nationalsozialismus, und dessen vielschichtige Konsequenzen (...) werden zum Anlass für die Frage nach dem 'Sündenfall der Künste' im 20. Jahrhundert," so betont Publizist Micha Brumlik in der Einleitung. Der Gedanke ist nicht neu. Schon Sven Oliver Müller hat in seinem 2013 erschienenen Buch "Wagner und die Deutschen" Richard Wagner als deutsches Ärgernis bezeichnet, an dem sich "das schlechte Gewissen der unheilvollen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts abarbeitet". Der britische Historiker Peter Gay sprach in seinem Buch "Freud, Juden und andere Deutsche" (1986) vom "deutschen Trauma", einer "Zwangsvorstellung", die "ganze Vergangenheit nur noch als ein Vorspiel zu Hitler" zu betrachten. Schon drei Jahre zuvor hatte Wagner-Biograf Martin Gregor-Dellin beim Internationalen Wagner-Kolloquium in Leipzig diesen Zusammenhang auf den Punkt gebracht: "Das gestörte Verhältnis der Deutschen zu Richard Wagner ist das gestörte Verhältnis zu ihrer Geschichte."

Umso ärgerlicher ist die jüngste Bayreuther Publikation. Man begegnet auf den 221 Seiten vielen längst widerlegten, vielen fragwürdigen und von Vorurteilen geprägten Behauptungen über Wagners angeblich werkimmanenten Antisemitismus und den Opernschöpfer als Vorboten Hitlers. Micha Brumlik zitiert doch tatsächlich wieder das alte scheinbar unausrottbare Vorurteil, das Rudolf Vaget einst zu der Behauptung veranlasste, "Hitler zu einem Geschöpf aus der ideologischen Hexenküche Richard Wagners zu machen". Auch wenn er zugibt, dass die Figur des Beckmesser (Stadtschreiber im Nürnberg der Hans-Sachs-Zeit) "historisch kein Jude sein konnte", behauptet er dennoch, "dass diese Gestalt" in den "Meistersingern" mit "guten Gründen jüdisch, antisemitisch konnotiert ist". Es sind aber ausschließlich rezeptionsgeschichtliche Gründe. Musikjournalist Gerhard Koch redet ihnen das Wort, ohne konkret zu werden: Wagners "ideologische Fatalitäten wirken fort". Schon der israelische Historiker Jakob Katz hatte in seinem 1985 erschienenen Buch "Richard Wagner. Vorbote des Antisemitismus" betont: "Die Deutung Wagners aufgrund der Gesinnung und der Taten von Nachfahren, die sich mit Wagner identifizierten, ist ein unerlaubtes Verfahren. Es handelt sich bei dieser Unterstellung um eine Rückdatierung, ein Hineinlesen der Fortsetzung und Abwandlung Wagnerscher Ideen durch Hitler in die Äußerungen Wagners selbst."

Man wundert sich über die Ignoranz der meisten der 19 Autoren und Diskutanten, die größtenteils keine ausgewiesenen Wagnerexperten sind. Ihre Äußerungen sind überwiegend subjektive Bekenntnisse, nicht aber auf Kenntnis der Wagnerliteratur und des aktuellen Stands der Wagnerforschung basierende Aussagen. So etwa die Behauptung des Komponisten Dieter Schnebel: "Die Künstler denken alle an ihr Nachleben", was er mit dem Hinweis auf den "Kunsttempel" Bayreuth begründet. Er scheint nicht zu wissen, dass dieser so erst von Cosima Wagner (in einem ihrer Briefe) definiert wurde, nicht von Richard Wagner, der lediglich ein (utopisches) Theater für mustergültige Aufführungen wollte. Auch betont Schnebel, "es gebe Tagebücher von vielen Künstlern. So sind wir halt." Von Wagner gibt es keine Tagebücher. Es gibt nur Cosimas Tagebücher, die gerade die oft schwerwiegenden Differenzen zwischen ihr und ihrem angebeteten Gatten offenbaren! Und was sein Denken an sein Nachleben angeht, so schrieb er kurz vor seinem Tod an König Ludwig II., er kenne niemanden, der seine Festspiele in seinem Sinne fortsetzen könne. Auch und gerade Cosima hielt er nicht für geeignet.

Einer der umfangreichsten Beiträge des Bandes ist dem Schriftsteller Thomas Mann und seiner lebenslangen, allerdings ambivalenten Auseinandersetzung mit Wagner gewidmet. Hatte er 1933 noch betont: "Es ist durch und durch unerlaubt, Wagners nationalistischen Gesten und Anreden den heutigen Sinn zu unterlegen", so offenbarte er 1951 einen dem Zeitgeist geopferten Sinneswandel: es sei nun wirklich "zu viel Abstoßendes, zu viel Hitler, ... auch manifestes Nazitum" in Wagner zu erkennen. Thomas-Mann-Forscherin Irmela von der Lühe kann nicht mit neuen Erkenntnissen aufwarten. Sie fasst im Grunde nur zusammen, was über Manns Wagner-Leidenschaft längst in diversen Publikationen zu lesen war. Warum sie ihr Kapitel "Hitlers Hoftheater" überschreibt, bleibt rätselhaft. Dass es als Sündenfall der Künste "in Bayreuth für zwölf Jahre Gestalt angenommen hat", wie sie schreibt, ist bloß polemische Behauptung, der man die differenzierte Darstellung der Historikerin Brigitte Hamann zum Bayreuther Umgang mit Wagner in den Nazijahren entgegenhalten muss.

Überhaupt bleibt die Frage unbeantwortet, was denn der Sündenfall der Künste sei und warum er sich in Wagner beispielhaft manifestiere. Micha Brumliks Behauptung "Sündenfall war von Anfang alles" ist reine Polemik, auch Gerhard Kochs Reden vom "Verdrängungskarussell". Da erwartete man doch, mit Verlaub, konkrete Nachweise.

Ein weiterer zentraler Beitrag des Buches ist eine Diskussion über Barrie Koskys Neuinszenierung der "Meistersinger" von 2017, der darin einen weiten Bogen von Wagners Leben in der Villa Wahnfried bis zu den Nürnberger Prozessen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs spannt. Kein Wunder, dass die Aufführung kontroverse Beurteilungen nach sich zog. Doch Pro und Contra der Diskussion werden im Palaverton eines privaten Gelehrtenklubs vorgetragen. Die meisten Autoren verteidigen Koskys extreme szenische Lesart. Immerhin gibt Klaus Zehelein zu bedenken, dass es fragwürdig sei, biografische oder wirkungsgeschichtliche Details in die Inszenierung eines Stücks zu importieren, um es zu erklären. Aber auch das bringt keine neuen Einsichten. Auch Ulrich Konrads Plädoyer für eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Schriften Wagners tut in diesem Zusammenhang nichts zur Sache. Immerhin weist er auf Missverständnisse von Wagnerschen Begriffen wie "Vernichtung", "Untergang", "Erlösung" oder "Volk" aus heutiger Sicht hin. Dennoch werden in den übrigen Beiträgen des Bandes diese Begriffe unreflektiert benutzt. Konrads Appell "Lest Wagner" blieb in diesem Symposium offenbar ungehört.

Und die weiteren Beiträge über Neue Musik, die Neujustierung des Musiklebens im Nachkriegsdeutschland und Barockoper haben mit dem Thema des Buches nicht viel zu tun. Was Ulrich Konrad Wagner vorwirft, "Schwadronieren", das zu einer "metastasierenden Prosa" führe, gilt eher für diese Bayreuther Publikation. Ein ärgerliches Buch!

Das Buch K. Wagner, H. von Berg, M.-L. Maintz (Hg.): "Sündenfall der Künste? Richard Wagner, der Nationalsozialismus und die Folgen", Bärenreiter, 221 Seiten, 38,95 Euro.

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