Warum Grim 104 immer mal wieder Angst vor dem Tod hat

Zum Totensonntag erklärt der Rapper, warum das Grauen uns prägt und er die Konfrontation damit braucht.

Berlin.

Hip-Hop verbinden die meisten Menschen mit dicker Hose: Man demonstriert in dem Genre entweder seine Überlegenheit, oder, wenn man das dämlich findet, arbeitet man sich ironisch daran ab. Moritz Wilken, als Grim 104 ein Teil des zurzeit sehr erfolgreichen Rap-Duos Zugezogen Maskulin ("Alle gegen Alle"), behandelt auf seinem neuen Soloalbum "Das Grauen, das Grauen" vor allem Dinge, die ihn sehr real in Schrecken versetzen. Tim Hofmann hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Grim 104: (zögert) Ja ... Immer mal wieder. Für viele Menschen ist ja die Vorstellung beruhigend, dass man mit 80 im Kreis seiner Lieben friedlich einschläft und dabei auf ein schönes Leben zurückblickt. Frag mich nochmal mit 79 - aber wenn es eine Garantie gäbe, dass das Ende so aussieht, es würde meine Angst sicher schmälern. Oft ist es aber doch so, dass Menschen ihr Leben voller Schmerz und Angst aushauchen, in den Lauf einer Waffe starrend oder mit einem Flugzeug in ein Hochhaus rasend. Wenn ich mir solche Szenarien genau durchdenke, bekomme ich schon ein heftiges Angstgefühl. Ich denke da jetzt nicht jeden Tag dran, aber ich bin so ein Typ, den das immer mal wieder sehr beschäftigt.

Die heutige Zeit liefert solche Szenarien ja oft und reichlich. Würden Sie diese gern verdrängen, oder ist die Beschäftigung mit dem Tod für Sie eher nötige Flucht nach vorn?

Verdrängung ist nie gesund. Auch, wenn es manchmal einfach nicht anders geht, um nicht die ganze Zeit um solche Themen zu kreiseln. Letztlich führt meine gelegentliche Beschäftigung mit dem Tod dazu, dass ich gelassener damit umgehe: Ist ja auch schlauer, als sich immer irgendwie vorzugaukeln, dass einen selber das nicht betreffen würde. Gruseligerweise fühlt es sich selbst jetzt, wenn ich darüber rede, natürlich trotzdem so an, als würde es mich nicht betreffen ... Es ist halt auch wahnsinnig abstrakt.

Liegen sowohl Flucht- als auch Angstpotenzial nicht gerade in dieser Abstraktheit?

Ja ... (überlegt) Wahrscheinlich. Der Tod ist eben die eine, große, exklusive Erfahrung im Leben - um es mal freundlich auszudrücken.

Pop hat sich schon immer mit dem Tod beschäftigt, entweder romantisierend, als instrumentierter Schrecken für eindringliche Warnungen - oder für wohligen Gruselfaktor. So brutal wie in Ihrem Song "Abel 19", der beschreibt, wie es sich wohl anfühlt, wegen einer Nichtigkeit unvermittelt totgeschlagen zu werden, ist das Thema aber wohl noch nie verarbeitet worden. Warum haben Sie das getan?

Ich befürchte, das ist eine meiner Urängste: Dass es im Tod noch diesen Moment eines unvorbereiteten Realisierens gibt; diese zehn Sekunden purer, unverdünnter Todesangst. Das reine Entsetzen von "Scheiße, jetzt passiert es wirklich!" Ich muss manchmal an diesen ermordeten Polizisten denken, der vor der Redaktion von "Charlie Hebdo" den Attentätern kurz vor seinem Tod noch zurief: "Ihr werdet mich doch jetzt nicht erschießen!" Diese Vorstellung finde ich so schrecklich - er liegt am Boden und hört die Schritte von den Typen, da mischt sich eine naive Ungläubigkeit, als würde man mit Kindern reden, mit der plötzlichen Gewissheit, dass da real der Tod vor einem steht. Das gruselt mich richtig.

Brauchen Sie diese Konfrontation mit realem Grauen?

Ich glaube, ja. Ich ertappe mich selbst, mir im Internet reale Bilder schlimmer Todesszenen anzuschauen. Ich finde das ganz schrecklich, zumal die Vorstellung, dass man nach einem solchen Sterben auch noch im Internet der Meute vorgeworfen zu werden, das Ganze für mich nochmal stark verschlimmert. Aber manchmal muss ich mir das geben. Ich finde das in keiner Weise cool, aber es zieht mich mitunter einfach dorthin.

Um vorbereitet zu sein?

Vielleicht ist es eine Art Training, sich die schlimmsten Sachen auszumalen und dann auf eine mildere Variante zu hoffen. Da sind ja auch viele Todesfälle aus dem Nichts heraus. Ich will mir wohl auch die hässlichen Seiten des Todes bewusst machen. Natürlich hofft man auf ein möglichst sanftes Ende, das ist aber wohl auch eine sehr mitteleuropäische Perspektive. Es gibt ja auch sehr viele Flecken auf dieser Welt, wo das absolut nicht gegeben ist. Sicher wird die schöne Vorstellung auch dort gehegt - dann aber tritt eben deutlich öfter dieses Grauen auch wirklich ein.

"Abel 19" endet mit einem harten Schnitt ins Nichts, der Tod ist die Leere, ein gezogener Stecker. Haben Sie keine tröstlichen Vorstellungen von einem "Danach"?

Tatsächlich hatte ich eigentlich die Idee, dahinter einen Gospelchor laufen zu lassen. Die habe ich verworfen - aber ich bin hin- und hergerissen. Ich würde gern meiner politischen Überzeugung entsprechend sagen, dass der Mensch sich sein Paradies auf Erden schaffen muss, weil nach dem Tod nichts kommt. So ganz sicher bin ich mir aber auch nicht. Genau das finde ich jedoch wieder irgendwie tröstlich: Man findet das eben erst am Ende wirklich raus, was der Tod ist. Der exklusiven Erfahrung folgt die letzte große Überraschung. Das ist doch schön.

Ist Ihre Platte also das ganz monumentale Verdrängen hin zum Kunstwerk?

Ich höre mir meine Sachen selber sowieso nicht mehr so sehr an, wenn sie aufgenommen sind. Angst ist bei mir ein größeres Thema; diese Auseinandersetzung damit hilft mir auf jeden Fall sehr. Mit Sachen, die mich quälen und gruseln, kann ich so meinen Frieden machen. Ich stelle die Dinge damit quasi in die Vitrine. Die sind dann so derartig durchexerziert, dass sie ein wenig von ihrem Grauen verloren haben.

In der Gesellschaft gibt es oft das Mantra "Hab keine Angst!", was ja auch sagt: "Ich will mich da jetzt bitte nicht reinversetzen!" Haben wir einen unguten Umgang mit der Angst?

Außerhalb einer Kinderebene ist es wirklich so. Dabei macht das Floskelhafte dem Betroffenen ja in der Tat eher mehr Angst, es verunsichert noch mehr als es aufmuntert. Zudem kränkt dieses Nicht-Ernstnehmen ja auch oft. Der Umgang in der Gesellschaft ist oft so eine ganz komische Mischung aus Hysterie und aggressivem Wegrücken. Da ist es für Leute, die Angst erleben, ganz schwierig, einen gesunden Umgang zu finden. Dabei ist Angst an sich ja ein ganz gesundes Gefühl, ein guter Schutzmechanismus. Heute findet sie aber halt oft keinen richtigen Abfluss mehr.

Muss man das Grauen also einfach aushalten?

Naja ... Das klingt jetzt so nach Zwang. Als müsse man unbedingt daran wachsen. Ich finde eher, man sollte immer eine Wahl haben. Mehrere Wege. Um dann den eigenen richtigen Umgang zu finden.

Zur Person

Der Rapper wurde 1988 als Moritz Wilken in Krefeld geboren. 2007 zog er nach Berlin, arbeitete als Reinigungskraft in einem Krankenhaus und als Praktikant bei der Internetseite Rap.de. 2010 gründete er mit Rapper Testo das Duo Zugezogen Maskulin. Erste bundesweite Aufmerksamkeit verschaffte ihm seine 2013 veröffentlichte EP "Grim 104", die über die Hip-Hop-Szene hinaus als Referenzwerk für anspruchsvollen Rap gilt.

Sein aktuelles Album "Das Grauen, das Grauen" modifiziert reale Schrecken der heutigen Zeit in literarische Bilder. Grim 104 stellt die Platte unter anderem am 10. Januar 2020 live im Felsenkeller Leipzig vor.

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