Was mit Bass

Deine Freunde sind die neuen Helden der Kinderzimmermusik: Auf ihrem neuen Album "Helikopter" gelingt ihnen einmal mehr das Kunststück, Groß und Klein mit Begeisterung zusammenzubringen.

Nervig, betont fröhlich, anbiedernd - das sind einige Attribute innerhalb des Rufes, den Kindermusik im Allgemeinen genießt. Daher scheint es zunächst paradox, dass auch ein erwachsenes Publikum Gefallen an ihr finden könnte, gerade in musikalischer Hinsicht. Vor gut acht Jahren entdeckten drei Musiker aus Hamburg ein Erfolgsrezept, mit dem sie sich nun auf ihrem mittlerweile fünften Album austoben: Florian Sump, in den frühen Nuller-Jahren Schlagzeuger der Teenie-Popgruppe Echt und heute Kindergärtner in Hamburg, kam 2010 eine Songidee für seine Gruppe in der Kita, was ihn in das Studio des langjährigen "Fettes-Brot"-Produzenten Markus Pauli führte. Zusammen mit dem Autor und Theaterproduktionsmanager Lukas Nimschek als zweitem Sänger nahmen sie das Lied "Schokolade" auf, das auf begeisterte Resonanz bei Kindern und Eltern gleichermaßen stieß. Dies schweißte die drei (Arne Diedrichson spielt dazu den Bass) als Band zusammen. Es fehlte nur noch der geeignete Name. Dieser sollte zunächst tatsächlich "Rolf Zuckopfnicks" lauten - in Anlehnung an den wohl bekanntesten deutschen Kinderliedermacher Rolf Zuckowski. Zwar verweigerte dieser die Erlaubnis für die Nutzung seines Namens - jedoch gründete er 2012 das Label "Noch mal!" und nahm die Band als "Deine Freunde" unter Vertrag.

Darauf folgte eine schnelle, stets von Spaß und ungewöhnlicher Musik begleitete Erfolgsgeschichte: Schon 2012 erschien das erste Album "Aus'm Häuschen" bei Universal Music; es folgten "Heile Welt" (2014, was der Band den Hamburger Musikpreis Hans in der Kategorie "Herausragende Hamburger Künstlerentwicklung") einbrachte, sowie "Kindsköpfe" (2015) und "Keine Märchen" (2017).

Zwar erscheint es als nahezu unmögliche Aufgabe, Kindermusik zu machen, ohne das junge Publikum zu unterfordern. Dem gegenüber steht jedoch das facettenreiche und oft tanzbare Hip-Hop-Gewand, das den kindlichen Texten oft einen intelligenten, zeitgemäßen Anstrich verleiht und somit kleine und große Kinder anspricht. Nicht zuletzt spielen auch die humorvoll dargestellten Themen aus dem Alltag eine Schlüsselrolle: Liebe zu Naschwerk, die leeren Hülsen, die Erwachsenenphrasen aus der Kindheit letztendlich sind, Faulheit, besetzte Schaukeln, Hausarrest oder Überforderung ("Einfach klein sein"), das alles zudem geschmückt mit Elementen aus Electro, R'n'B, Reggae, Funk und vielem mehr. Dabei ist Deine Freunde durchaus bewusst, dass die Musik freilich nicht wirklich ernstzunehmen ist; es ging ihnen immer um den Spaß an der Musik. Um es mit einem Zitat aus dem "Aus'm Häuschen"-Album zu beantworten: "Was gefällt dir daran? Bass!"

Auf "Helikopter", dem eben erschienenen ersten Album auf dem eigenen Label "Sturmfreie Bude", das am heutigen Freitag erscheint, wird diese Erfolgsstrategie augenscheinlich ohne große Veränderungen fortgesetzt, nur dass man statt über Schokolade, Pyjama-Partys und den Grusel im Keller über betonte Fröhlichkeit auf Fotos ("Cheese"), sämtliche schmerzhafte Dinge im Alltag ("Aua") oder die Belanglosigkeit von Gesprächen zwischen Eltern und Pädagogen ("Elternvertreterwahl in der Kita") rappt.

Dazwischen aber sind durchaus originelle Songs vertreten, die an vergangene oder aktuelle Musiktrends erinnern, wie das kurze "Der Wasserhahn tropft", das auch aus einer Trance-Compilation aus den frühen Nuller-Jahren stammen könnte, das scherzhafte "April, April" mit funkigen 80er-Elementen, oder "Die Sirene", ein Song über das Geschrei der kleinen Tochter, der mit seinem dunklen Bass und Autotune im Refrain an aktuelle Chart-Erfolge des Rap à la Capital Bra erinnert.

Was das Album jedoch besonders macht, sind jene Momente, die die Nähe zu den Fans beweisen oder Kritik am aktuellen Zeitgeist üben. Beispielsweise beginnt der erste Song "Helikopter" mit einem Intro im Stile einer Serie mit ihrer fünften Folge über "die coolste Kinderband der Welt", was jedoch jäh abgewürgt wird. Stattdessen ist das Lied mit einem futuristischen Beat eine Liebeserklärung an die Fans, über denen die Band stets wie im Helikopter schwebe. Außerdem kommentieren sie auf "Jedes Mal" ironisch die häufige Eintönigkeit heutiger Popmusik zu einem passenden Beat im Stil des seit Jahren beliebten Deep House, oder hinterfragen zu einer verträumten, melancholischen Melodie die gängige Phrase "Früher war alles besser".

Der letzte Titel bildet schließlich den Höhepunkt des Albums: "Noch nicht fertig" wird zwar in der ersten, ruhigen Hälfte komplett vom Jungenchor Die Jungs gesungen, sodass Florian Sump und Lukas Nimschek erst im späteren, nun tanzbaren Teil einsetzen, der dann stilistisch an die späten Werke der britischen Band Jamiroquai erinnert. Jedoch passt Aufteilung des Gesangs perfekt zum Text, der dem gesamten Album einen eher nachdenklichen Abschluss verleiht: Trotz vieler Erfahrungen auf so viele Arten, wie sie in der Kindheit gemacht und auf der Platte präsentiert werden, ist es bis zum Erwachsensein noch ein weiter Weg; die Persönlichkeiten der Band sind "... noch nicht fertig und ganz bestimmt für immer ein kleines Kind". Mit diesem Ende beweisen "Deine Freunde", dass ihnen ein nahezu unmögliches Kunststück wieder einmal geglückt ist, vielleicht sogar besser als zuvor: Kindlichen Liedern einen modernen, nahezu anspruchsvollen Anstrich zu verleihen. Darin besteht die eine Schwierigkeit. Eine andere liegt jedoch darin, die Balance zwischen Spaß und Nachdenklichkeit perfekt zu halten, und dies ist mehr als gelungen. "Wo ist denn da bitte die Botschaft?", heißt es einmal selbstironisch - Spaß zu haben. Mit Hintergedanken. Mehr gibt es nicht zu sagen.

Ein Video zum neuen Song "Wieder deine Freunde" von Deine Freunde:

 

 

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