Wellen statt Zacken - Disillusion veröffentlicht neues Album

Die sächsische Progmetalband Disillusion gilt als eine der innovativsten ihrer Zunft und hat eine eingefleischte weltweite Fangemeinde. Die wartete 13 Jahre auf das neue Album "The Liberation".

Zwickau/Leipzig.

"Tot war die Band nie. Wir haben eine lange Pause gemacht. Ok, eine überlange." Gelassen spricht Andy Schmidt in seinem Gohliser Tonstudio darüber, was für viele Fans die Metal-Sensation des Jahres darstellt: Disillusion melden sich mit einer neuen Platte zurück! Seit Jahren lautet ein Running Gag der Szene, dass die Band, die ihre Karriere in Zwickau begann, an einer neue Scheibe arbeiten würde. Der Feinschliff fehle nur noch.

Disillusion haben den Ruf von Perfektionisten, denen es nicht präzise und originell genug sein kann. "Verfrickelt" ist dafür ein noch zu harmloses Wort. "Maybe Metal" nennt sie selbst ihr Genre: "Eventuell Metal". Natürlich ist es Metal, allein schon wegen des Gitarrengewitters. Das fällt aber nicht so geradlinig aus wie bei den meisten anderen harten Bands - und auf dem neuen Album, "The Liberation", das die Band am Samstag in Leipzig vorgestellt hat, tritt sie dabei noch selbstsicherer auf: Sofort erkennt man den typischen Disillusion-Sound aus hochtönenden Gitarrenepen, in die sich kurzes Knarzen mischt. Der Titeltrack "The Liberation" erinnert gewaltig an jenen des Debüts "Back to Times of Splendor", der den Hörer in einen schwelgerischen Sog zieht. Die Tempowechsel sind dafür weniger geworden, die Songs sind melodiöser als früher, mehr am Prog-Rock orientiert. Es dominiert Atmosphäre - gleich drei Songs mit einer Spiellänge von deutlich über zehn Minuten toben sich in dieser Richtung aus. Stellenweise ätherische Klänge sind oft himmelhochjauchzend - aufrichtig derbe und knüppelhart wird es nie. Einmal mehr liefern Disillusion ein Musikstück, in das man sich hineinhören muss und kann. Dann ist es ein Genuss, wenn auch keine Überraschung. Denn eine Selbstneuerfindung versuchten sie hier nicht - warum auch, sie können sich in ihrer Einzigartigkeit auch selbst genügen.

Nach der Disillusion-Gründung 1994 in Zwickau dauerte bereits die Demo-Phase zehn Jahre, bevor "Back to Times of Splendor" beim Kultlabel Metal Blade herauskam und weltweit euphorische Kritiken erhielt. Der Erstling gilt in Szenekreisen als Meilenstein des progressiven Metals. Zwei Jahre darauf dann das fantastisch experimentelle "Gloria": Weniger Epik, dafür Musikcollagen, in denen Drum'n'Bass-Einflüsse und Sprechgesang aufscheinen, Streicher streichen, bis dann wieder das Geballer zuschlägt. Kurz: Die Platte zeigt, wo Metal nicht stehenbleiben muss. Stillstand schien danach aber das Tempo von Disillusion zu werden. "Es kamen viele Line-up-Wechsel, plötzlich war es 2010." Trotz Auftritten unter anderem in Griechenland sei keine Konsistenz reingekommen, so Bandkopf Schmidt: "Der Hauptfokus ruhte auf Kindern und Arbeit. Jetzt sieht es anders aus, hat sich unsere Lebenssituation konsolidiert. Wir haben es mit der Auszeit auch übertrieben."

Das Feedback auf den bisherigen Konzerten nennt Schmidt "großartig, wohlwollend, wertschätzend": "Wir wollen die Menschen ja auch erreichen. 'Gloria' war vielleicht ein bisschen unterkühlt. Da haben wir uns etwas übernommen. Darum war die Pause gar nicht schlecht. Denn 'Gloria' thront nach zehn Jahren nicht mehr so über uns. Unsere musikalische Energie hat jetzt mehr Wellen als Zacken."

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