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Weniger Klassik, bitte: Wie man Kinder für Musik begeistert!

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Am Wochenende startet der Regionalwettbewerb "Jugend musiziert". Hier kommt eine Betrachtung aus fünf Tipps, wie man familiär im Nachwuchs die Leidenschaft für Musik entzünden kann!

Jugend musiziert.

Am kommenden Wochenende startet in Sachsen die erste Runde des Regionalwettbewerbs "Jugend musiziert". Am Samstag und Sonntag finden in Auerbach, Zwickau, Chemnitz, Flöha und Stollberg die Ausscheide statt; für Musikschülerinnen und Musikschüler in Plauen, Reichenbach und nochmals Zwickau wird es am 3., 4. und 5. Februar ernst. Hunderte Nachwuchsmusikanten stellen sich dabei dem Wettbewerb auf hohem Niveau: Auf Landes- und Bundesebene treffen die Teilnehmer auf eine Jury, die oft schon das kommende Musikstudium im Blick hat.

Auf Regionalebene bemüht man sich allerdings seit Jahren, weniger die Höchstleistung, sondern vor allem den Spaß am Dabeisein in den Vordergrund zu stellen. Der größte deutsche Nachwuchs-Musikwettbewerb will die Lust am Musikmachen selbst entfachen. Das zeigt sich auch in den Wettbewerbskategorien: Neben Bläser- und Streicherensembles sowie Gesang, Klavier und  Harfe solo gibt es 2023 auch die Kategorien Pop-Drums und  Jazz solo. Einige hundert Teilnehmer gehen in der Region an den Start, wobei jedes Wertungsvorspiel öffentlich ist. Dass vor allem Eltern und Verwandte der Teilnehmer zuhören, ist sicher in gewisser Weise zwangsläufig - es zeigt aber auch, dass diese Musikförderung in einer "Bubble" bleibt.

Dabei ist die Frage von allgemeinem Wert: Wie schafft man es, Kinder für Musik zu begeistern? Vor allem, wenn in Grund- und Oberschulen sowie an Gymnasien mit dem aktuell für Sachsen vorgegebenen Lehrplan zwar selbiges behauptet, praktisch aber quasi das Gegenteil versucht wird? Hier müssen Eltern also selbst ran. Vielleicht so:

1. Ein musikalisches Zuhause!

Musik wirkt nie allein aus sich heraus: Jeder Hörer bringt wenigstens 50 Prozent für die emotionale Explosivmischung in Herz und Kopf selbst mit - über Stimmungen, Erwartungen, Erfahrungen oder Anregungen aus dem näheren und weiteren Umfeld. Anders gesagt: Musikgeschmack wächst im Miteinander, und das geht nur durch gegenseitiges Zuhören. Sperren Sie also die Ohren weit auf für das, was der Nachwuchs abspielt. Nehmen Sie teil, hören Sie die Musik Ihrer Kinder, und hören Sie sie wirklich! Es geht nicht ums Zugestehen, sondern um aktiven Austausch: Lassen Sie die Musik der neuen Generation gleichberechtigt laufen, streiten Sie, ringen Sie um Details und versuchen Sie, sich ernsthaft und mit Leidenschaft anzunähern! Das klingt trivial, ist aber knifflig: Der Erwachsene hat seine Musikliebe (natürlich auch aus seinem Umfeld heraus!) schon "begriffen", weshalb es ihm schwerfällt, andere Zugänge emotional als gleichermaßen gültig nachzuvollziehen. Das ist aber nötig, denn Akzeptanz ist ein erster Schritt, aber nur die halbe Miete. Schafft man dagegen echte Öffnung, entsteht eine Win-Win-Situation, aus der beide Seiten sehr viel schöpfen können!

2. Beginnen Sie im Heute!

Unsere Lehrpläne sind aus der (bildungs-) bürgerlichen Idee erwachsen, dass klassische Orchester und Ensembles Nachwuchs brauchen, um eine Kulturtradition aufrecht zu halten. Dabei geht es aber ja nicht um die Kinder, sondern um uns! Hat sich nicht alle aktuelle Musik letztlich aus Barock und Klassik entwickelt? Müssen wir nicht bei den Wurzeln beginnen? Was für ein Irrtum! Musik aus dem Heute ist jungen Menschen zwangsläufig näher, vertrauter, ansprechender. Es ist also meist erst einmal essenziell, sich im Wurzelwerk aus Techno und Hip-Hop, Punkrock und Indie-Folk, Discopop und Dancehall zurechtzufinden. Aktuelle Musik entstammt ja nur zum kleinen Teil der europäischen Klassik und viel mehr dem afroamerikanischem Blues und etlichen späteren Nebenzweigen wie elektronischer Tanzmusik.

Daher ist es sinnvoller, statt im Gestern im Heute zu beginnen! Man darf nicht vergessen, dass ein Musik-Neueinsteiger ja erst einmal vor dem allzeit verfügbaren Riesenschatz der Popkultur seit den 1950er-Jahren steht. Dieser ist extrem weit verästelt und vor allem in seiner Vielfalt abseits einer klaren Linie wertvoll. Also braucht man Orientierung: Adlibs und Autotune zu kennen ist dabei essenzieller als der Unterschied zwischen Oper und Operette. Vor allem ist es kulturell nicht weniger wertig! Wen dann die Musikleidenschaft dann gepackt hat, der hat findet auch Freude und Sinn in einer Klangreise zu den Wurzeln. Dort mag dann ein Kanon von Bach bis Beethoven Sinn machen - im Heute aber ist er eher abschreckend.

3. Musik ist kein Selbstzweck!

Bei bedeutsamer Musik geht es um gesellschaftliche Ankopplung. Und die fordert mitunter auch Abgrenzung im gemeinsamen Anderssein. Wie sonst soll Sinnsuche funktionieren? Wer Musikliebe fördern will, darf also nicht nur auf Öffnung drängen, sondern sollte Savespaces respektieren: Diese Forschung, dieses innige Abtauchen vor den Augen des absichtsvoll im Nichtverstehen gehaltenen Erwachsenen muss möglich sein. Machen Sie es also möglich: Manche Dinge sollen nur den Eingeweihten zugänglich sein, die sich durch die innige Auseinandersetzung mit bestimmten Details als verständig erwiesen haben! 

4. Machen macht Spaß ...

Jedem Kind ein Instrument? Das ist der richtige Ansatz! Begreifen kommt von Anfassen, also braucht es Räume zum lustvollen Versuchen. Die Erfahrung, dass man selbst Klänge hervorbringen und beherrschen lernen kann, dürfte einer der wichtigsten Zündfunken für Musikleidenschaft sein. Nur müssen Funke und Zunder eben auch zusammenkommen: Es gibt Blockflöten-Unterricht in Grundschulen und Gymnasien mit Streicherklassen. Das schadet nicht, passt aber nur selten mit der musikalischen Lebenswirklichkeit der Heranwachsenden zusammen. Angesichts der marginal wenigen Menschen, die nach ihrer Schulzeit diese Instrumente noch spielen, fragt man sich: Wären nicht eher Drumkit-, Synthesizer-, DJ- oder Battle-Rap-Klassen sinnvoll?

5. ... hören aber auch!

Die Darreichung ist keine Nebensache: Musik muss erlebt werden! Nehmen sie Ihre Kinder also mit auf Konzerte und Festivals - aber nicht, damit diese "mal das Richtige" abbekommen, sondern vorrangig zu deren Lieblingskünstlern. Spätestens ab zehn Jahren sollten Mädchen und Jungen diese mal live erlebt haben! Wichtig: Belassen Sie es nicht dabei, sondern verlängern Sie den Hörgenuss unbedingt in den Haushalt: Stellen Sie eine ordentliche Anlage ins Wohn- und/oder Kinderzimmer! Sorgen Sie für eine Tonträger-Auswahl, die diesen Namen auch verdient und zeigen Sie dem Nachwuchs, wie man nach Herzenslust mit CD-Player, Plattenspieler, Kassettendeck oder auch Streamer umgeht! Und schaffen Sie Klang: Musik über Laptop-Lautsprecher, Gaming-PCs oder Bluetooth-Monobüchsen zu hören ist letztlich, als würde man anhand einer kalten, nur halb aufgebackenen Fertigpizza die Freuden italienischer Küche erlebbar machen wollen: Stellen Sie also Boxen auf, die diesen Namen verdienen! Das geht auch gebraucht über Ebay und muss nicht im Luxus ausarten - doch wer ordentlich kochen will, kommt um Equipment wie Herd und Kühlschrank eben auch nicht herum.

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