Wenn das Grau verschwindet

Farben und Figuren fressen graue Wände auf und das Publikum steht dafür Schlange - das ist die Ibug! Das Festival holt Straßenkunst in Industriebrachen und zeigt derzeit in Chemnitz, welche Welten sich dabei auftun.

Chemnitz.

Der Wind zerrt an den Haaren, weil auch hier so viel Glas fehlt. Das Glas in den Fensterrahmen, oft durchbrochen und verloren gegangen über die Jahre. So zieht der Wind durch diesen weiten Raum in der obersten Etage der ehemaligen Nadel- und Platinenfabrik in Chemnitz, den gerade ein älterer Herr betritt. "Das hier", sagt er laut zu seiner Begleitung, "war der Speisesaal." Eine Frau lehnt sich an das, was die Essensausgabe gewesen sein könnte. "Wahnsinn!", ruft sie wiederum ihrer Begleitung zu. "Wie das hier aussieht!" Ja, wie sieht es denn hier aus? Es sieht aus wie die Ibug.

Die Ibug ist ein Kunstfestival, das jetzt zum 13. Mal stattfindet, und bedeutet "Industriebrachenumgestaltung": Künstler aus aller Welt zeigen dabei ihre Kunst in einer dafür zeitlich begrenzt freigegebenen Industriebrache in Westsachsen - der Fokus liegt auf Street-Art und Graffiti, aber auch Malerei und Installationen sind zu sehen. Die Ibug-Organisatoren wollen so einen verwaisten Ort für einige Tage wachküssen. Küssen belebt: Am ersten Wochenende der derzeitigen Ibug in Chemnitz kamen vom vergangenen Freitag bis Sonntag rund 8500 Besucher, Schlangenbildung inklusive. Kommendes Wochenende sind die Türen noch einmal geöffnet.

Die an die Essensausgabe gelehnte Frau kann den Verfall kaum fassen - schichtenweise abblätternde Farbe, Löcher in Wänden, aufgehäufter Schutt, staubige Böden. "Aber die Kunst ist toll", schwärmt die Frau, die Gisela Mehnert heißt und aus Meerane kommt. Sie blickt durch die Essensausgabe auf eine Wand weiter hinten, an der jemand einen schwarz-weißen Kopf zwischen farbigen Streifen fertigstellt. Dieser Mann gehört zum Berliner Künstlerkollektiv Tape That und macht das, was derzeit megamäßig abgeht, so etwa formuliert es Christin Schulz vom Organisationsteam der Ibug. Tape Art ist Klebebandkunst. Es sind Bilder aus Klebeband.

Und so kann man sich dieses Haus Etage um Etage erschließen. Passiert Traumwelten, Zauberwelten, Schauerwelten. Manche beziehen sich auf die alte Fabrik, der Franzose Elparo zum Beispiel hat in ihr vorgefundene alte Fensterrahmen zu einem scheinbar schwebenden Gebilde miteinander verbunden. Rund fünf Tage hat er dafür gebraucht und etwa 3000 Schrauben. Die schwebenden Rahmen sind durch ein paar Bretter so abgesperrt, dass man nicht unmittelbar herantreten kann, Theo gluckst und fuchst sich trotzdem durch die Absperrbretter hindurch - kein Problem für das kleine Kind; seine Mutter kann es mit gutem Zureden aber wieder vor die Absperrung locken.

Manche der Traum- und Zauberwelten hinterfragen die Gesellschaft. Das Video mit grauer Wellenlandschaft auf den Augen eines Gesichts zum Beispiel - was flimmert um uns herum, was strömt auf uns ein, was reflektieren wir? In einer anderen Ecke raschelt das Laub, stehen Bäume, führt ein Pfad durch den Dschungel zu einem Kreuz, an das die Figur eines Gorillas genagelt ist - was bedeutet unberührte Natur, was geschieht, wenn Technik auf Natur trifft? Oder brachialer bei einer anderen Installation: Was passiert, wenn in das Wohnzimmer mit dem gedeckten Tisch - weißes Tuch, zartes Porzellan - plötzlich das Dach hineinbricht? Es ist eine Arbeit von Benjamin Hahn aus Bernsdorf bei Lichtenstein. Er hatte diese Ecke in der Fabrik mit den eingefallenen Balken für sich entdeckt "und dabei sofort an Libanon, Syrien und an Bomben gedacht". In dieses Fabrik-Chaos baute er das Wohnzimmer und inszeniert damit einen Moment, in dem die heile Welt vom Grauen erschlagen wird. Auch die grün-weißen Plastikbänder im Treppenhaus der Fabrik hat er gespannt, auch an ihnen zerrt der Wind. Hahns Hintersinn bei dieser Arbeit: Grün und Weiß gelten als Sachsen-Farben, und Sachsen sei ja ein bisschen durch den Wind, sagt er. Dabei dürfe man sich denken, was man wolle, wichtig sei ihm aber, "dass wir wach sind".

Es gibt aber auch die leichtfüßigen Werke. Das blau-weiße Männlein mit der knallroten Melone in der Hand - dahinter steckt Künstler Clemenman aus Leipzig, der in diesem Bild vom Sommer erzählt, sagt Christin Schulz vom Ibug-Team. Oder dieser wandumfassende rote Fisch, den der brasilianische Künstler Galo gemalt hat. Dazu geschrieben steht, dass dieser Fisch gern die Stadt aufessen würde. Warum nur, um Gottes willen? Galo lacht laut und herzlich: "He is hungry!" Klar, er ist hungrig, mehr muss man zu diesem Prachtkerl von Fisch nicht wissen. Dagegen sieht die Ente ja sehr klein aus, verfolgt einen aber mit irrer Vehemenz durch die Fabrik, immer wieder taucht sie auf den Wänden auf mit einem Spruch auf dem Schnabel. Enten-Vater, wenn man so will, ist Robin Kowalewsky aus Berlin, der derzeit in Halle lebt. Die Enten sind seiner Ungeduld zu verdanken. Für seine Bilder grundiert er Flächen mit weißer Farbe und muss warten, bis die trocken ist. Aus lauter Ungeduld experimentierte er zwischendurch mit kleinen Formen. Eine entpuppte sich als Ente. Cool, dachte sich Kowalewsky, sieht unschuldig aus, die kann ich vielfältig nutzen. Er hat sie etwa 80- bis 100-mal an die Fabrikwände gemalt. Sie kann ernstere Themen transportieren, etwa wenn er ihr die Frage in den Schnabel legt, wo Banksy ist - einer der bekanntesten Street-Art-Künstler mit viel Gewese drumherum. "Damit persifliere ich die Erwartungen an ein Street-Art-Festival", sagt Kowalewsky. Die Ente darf aber auch einfach nur Spaß machen. So freut sich Kowalewsky, wenn die Besucher sie fotografieren oder Kinder rufen: "Mama, guck mal, eine Ente!"

In seinen großen Arbeiten befasst er sich gern mit Masken, die Identitäten verstecken und erweitern können. Passt zur Ibug. Sie ist wie eine Maske, die graue Wände hinter Farben und Formen verbirgt, aber auch die Bedeutung der Wände erweitert - weil sie nicht mehr nur Rahmen einer Fabrik sind, sondern Bühnen neuer Welten.

Die Ibug in der ehemaligen Nadel- und Platinenfabrik an der Waplerstraße in Chemnitz ist am Wochenende zu sehen: 31. August, 15 bis 22 Uhr, 1. September, 10 bis 22 Uhr, 2. September, 10 bis 20 Uhr.

www.ibug-art.de

 

Ein Video von der Ibug sehen Sie, wenn Sie nebenstehenden QR-Code mit dem Smartphone scannen, oder unter www.freiepresse.de/ibug2018

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