Wenn die "Irren" gar nicht verrückt sind

Jürgen Mai inszeniert die Posse "Pension Schöller" am Mittelsächsischen Theater als ein wahres Feuerwerk an Pointen und bringt so die Zuschauer bei der Premiere zum Toben.

Freiberg.

Wer ist denn nun eigentlich irre - und wer ist überhaupt normal? Das war die Frage, die sich am Sonnabend stellte, als die Berliner Posse "Pension Schöller" am Freiberger Theater Premiere hatte. Inszeniert wurde sie von Jürgen Mai, dem langjährigen Intendanten der Komödie Dresden.

Die erste Aufführung fand 1890 am Berliner Wallner-Theater statt und bescherte Millionen Theaterbesuchern seitdem mit viel Humor angereicherte Stunden. Mehrmals ist der Stoff auch verfilmt worden. Und das Stück bietet noch immer das, was der Mensch ab und zu braucht: Spaß im wahrsten Sinne des Wortes und in vielen Facetten. "Was sich das Autorenduo Wilhelm Jacoby und Carl Laufs ausdachte, zählt zu den absoluten Klassikern des Genres Komödie", heißt es im Schauspiel-Journal des Mittelsächsischen Theaters. Klassiker altern nicht, das ist der Vorteil, und mit aktuellen Andeutungen gewürzt sind sie durchaus ein Garant für das Gelingen einer Aufführung.

Die Geschichte ist im Grunde genommen einfach: Ein sensationslüsterner und durchaus liebenswürdiger Vater mit Namen Philipp Klapproth, der in der Provinz eine Flug- entenfarm betreibt, möchte an seinem Stammtisch mit dem Kolonialwarenhändler gern etwas Außergewöhnliches zu erzählen haben und bittet deshalb seinen Sohn Alfred (Robert Kapelle), der in Berlin sein Jurastudium geschmissen hat, nun kellnert und für einen Berufstraum Startkapital braucht, um einen Besuch in einer Berliner Nervenheilanstalt. Sozusagen als eine Art von Gegenleistung für das Geld, und um etwas besonders Prickelndes zu erleben.

Alfred lässt in seiner Not einfach die Pension, in der er auch ab und zu arbeitet, zu einer Irrenanstalt werden. Das bringt amüsante Verwicklungen ohne Ende, zumal die angeblich Irren durchaus bunt zusammengewürfelt sind - vom abenteuerlustigen Großwildjäger über den verkappten Schauspieler mit "L"-Schwäche und den schrulligen Major bis zur geschichtensüchtigen Schriftstellerin.

Alle Beteiligten lernt der Zuschauer schon im Bahnhofscafé vor Gleis 1, 2 und 3 kennen, bevor es in die Pension Schöller in der Chausseestraße 198 geht. Dort setzt sich das Verwirrspiel zum Gaudi des Publikums fort. Am Schluss treffen sich alle "Verrückten" im Hause des Flugentenfarmers wieder, der sie gleich mal vorsorglich wegsperrt, um sie mit der Zwangsjacke abholen zu lassen und dabei selbst ziemlich irre wirkt.

Vor allem Andreas Kuznick als drolliger Provinz-Papa und Ralph Sählbrandt als der, der das "L" nicht aussprechen kann, aber so gern "deknamiert" - mit wirren Haaren, rotem Künstlerschal und riesiger Brille -, dürfen auf der Bühne ihrem Affen so richtig Zucker geben. Die Zuschauer toben.

In den weiteren Rollen sind Susanna Voß, Almut Buchwald, Conny Grotsch, Sonka Vogt, Michael Berger, Johann-Christof Laubisch und Andreas Pannach zu sehen. Alle zusammen bieten eine rundherum gelungene Aufführung mit enorm viel Lachpotenzial; mal stiller, mal lauter. Markenzeichen der Posse wie "Jetzt ist mir eine Fniege in den Hans gefnogen" fehlen ebenso wenig wie kleine Seitenhiebe auf heutiges Geschehen in der Art von "Der Zug kommt mit zwei Stunden Verspätung" oder zwei Löwenkinder heißen Siegfried und Roy.

Übrigens gab es die Adresse der Pension Schöller, die Chausseestraße 198, im Berliner Oranienburger Viertel wirklich. Zur Kaiserzeit befand sich am Oranienburger Tor das Varieté- und Amüsierviertel. Passt also alles. Mit der Posse nahmen die Autoren vor fast 130 Jahren die Amüsierlust im Kaiserreich auf die Schippe. Die Zuschauer begegnen damit aber auch "dem schwierigen Verhältnis zur Wahrheit kurios", wie Annett Wöhlert, Schauspieldirektorin des Mittelsächsischen Theaters, sagt. Womit das Stück perfekt ins Heute passt.

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