"Wenn du nicht stirbst, dann sterbe ich"

David Wagner erhielt vor Jahren ein Spenderorgan. Jetzt erzählt er in seinem neuen Buch die Geschichte eines Davongekommenen.

Der Anruf kommt um kurz nach zwei: "Auf diesen Anruf habe ich gewartet, diesen Anruf habe ich gefürchtet." Der Kranke erfährt, dass er eine neue Leber bekommt. Ein Spenderorgan, das ihm ein zweites Leben schenken wird. "Leben" heißt David Wagners neues, stark autobiografisch gefärbtes Buch.

Tatsächlich wurde Wagner vor einigen Jahren eine neue Leber eingepflanzt. Das Buch spielt auf der anderen Seite des Kosmos, den die Gesunden gern meiden und ausblenden. Es ist die Welt der Kranken, ein in sich geschlossenes Universum kalter OP-Säle, endloser Krankenhausflure, kahler Zweibettzimmer. Eine Welt zwischen Leben und Tod, manchmal real, dann wieder surreal, traumverloren, angereichert mit Fieberfantasien, Ängsten und aus den Tiefen der Erinnerung hochgespülten Bildern.

Der Kranke, ein Mann in den Dreißigern, leidet an einem angeborenen Leberschaden. Schon als Kind hat er eine Leber wie ein Mann nach 50 Jahren Alkoholmissbrauch. Er muss zahlreiche Medikamente schlucken - mit schweren Nebenwirkungen. Sein "Gesicht ist voller als das von Helmut Kohl", seine Haut dagegen dünn, die Knochen sind weich und porös wie die einer alten Frau.

Das Buch beginnt auf der Intensivstation eines Berliner Krankenhauses. Dorthin ist der Patient nach einem Notfall eingeliefert worden. Seine Leber, zu zwei Dritteln zerstört, ist nicht mehr zu retten. Er braucht ein Spenderorgan, steht auf der Warteliste: "Mit jedem Tag steigt die Wahrscheinlichkeit zu sterben, jeder Tag ist ein Tag näher dran am Tod. Doch jeden Tag, das ist die Ironie der Liste, steigt auch die Chance zu überleben - nur muss ein anderer vorher sterben. Und ich weiß schon: Wenn du nicht stirbst, dann sterbe ich." Dann bekommt er eine neue Leber und stellt sich die Person vor, der er das Organ und somit sein Leben verdankt. Wer auch immer diese Person war, ein Teil von ihr lebt jetzt in ihm weiter. Ein befremdlicher, verstörender Gedanke.

Ähnlich wie Wagners Vorgängerbuch "Vier Äpfel" - Reflexionen auf einer Lebensmittel-Shoppingtour - ist auch "Leben" ein Buch voller Assoziationen, aneinandergereihter Bilder und Miniaturen. Die aufmunternden Worte des Arztes am Krankenbett mischen sich mit den Klagen und Erzählungen der Bettnachbarn, Bilder der toten Mutter stehen neben fernen Urlaubserinnerungen an Mexiko. All dies aber sind nur verschiedene Formen der Annäherung an die letztlich einzige wichtige Frage dieses unter die Haut gehenden, virtuos geschriebenen Buchs, der nämlich nach dem Sinn des Lebens und des Sterbens. (dpa)

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