Wenn man Kunst ausleihen darf

Dass man Bücher in einer Bibliothek ausleihen kann, weiß jedes Kind. Dass man Kunstwerke in Artotheken borgen kann, hingegen nicht. So eine Kunst-Leih-Station gibt es zum Beispiel in Chemnitz. Dort wächst jetzt die Nachfrage.

Chemnitz.

Als Ralf Schulze vor sechs Jahren in der Zeitung las, dass in Chemnitz Kunstwerke verliehen werden, dachte er: Das kommt mir wie gerufen! Ralf Schulze ist Chef der Chemnitzer Stadthalle, genauer: Geschäftsführer der C3-Chemnitzer-Veranstaltungszentren, wozu die Stadthalle gehört. Und so drücken sich in seinem Büro und Besprechungsraum viele wichtige Leute die Klinke in die Hand. Da wäre es schön, überlegte er, wenn das Büro mit Hilfe von Kunst einen Bezug zu Chemnitz und Sachsen hätte. Also: Kunst aus der Region an die Wand! Problem: Da C3 eine städtische Tochter ist, wäre es nicht angemessen, sagt Schulze, Kunst in Größenordnungen für das eigene Büro zu kaufen. Aber zu leihen - das wäre drin im C3-Budget. So wurde Ralf Schulze einer der ersten Kunden der Artothek der Neuen Sächsischen Galerie (NSG) in Chemnitz. Und gehörte lange zu einem eher kleineren Kreis von Menschen, die dort Kunst ausleihen. Doch in den vergangenen Monaten hat die Nachfrage deutlich zugenommen, sagt Mathias Lindner, Direktor der Galerie.

Das hat vor allem damit zu tun, dass die Stadtverwaltung Chemnitz das Angebot stärker nutzt als zuvor. Mit Fertigstellung des neuen Technischen Rathauses gibt es mehr Platz, Kunst zu zeigen. Laut NSG-Chef Lindner sind derzeit etwa 40 Kunstwerke an die Stadtverwaltung ausgeliehen. Im Foyer des Technischen Rathauses beispielsweise sind Grafiken der sächsischen Künstlerin Maja Nagel zu sehen, in einem Beratungsraum hängt das abstrakte Gemälde "Nexus" des gebürtigen Dresdner Künstlers Andreas Hildebrandt, in einem anderen Raum "Tanz ums Goldene Vlies" des gebürtigen Berliners Andreas Dress, auf dem eine Art opulenter Tanzreigen zu sehen ist - und angelehnt an den Titel die Frage provozieren kann, wer sich um falsche Ideale dreht. Ein Bild, so heißt es, das von Mitarbeitern im Technischen Rathaus kontrovers diskutiert werde. Generell stoße die ausgeliehene Kunst bei Mitarbeitern und Besuchern auf sehr positive Resonanz, heißt es aus der Pressestelle der Stadtverwaltung, es könne aber - wie beim "Tanz ums Goldene Vlies" - zu durchaus unterschiedlichen Bewertungen kommen. Auf jeden Fall aber, sagt Lindner, sprächen sich die Ausleihen herum. Selbst bei den selteneren Anfragen von Privatleuten sei vor einiger Zeit gar eine Hochzeit ins Spiel gekommen: Freunde schenkten einem Hochzeitspaar über einen Leihvertrag für ein Jahr ein Bild aus der Artothek der NSG.

Artotheken gibt es deutschlandweit, ihre Zahl bewegt sich seit Jahren um die 100. Sie können etwa an Bibliotheken, Vereinen oder Galerien angeschlossen sein, aber auch von Künstlern gegründet werden, erläutert Astrid Bardenheuer, Vorstandsvorsitzende des Artotheken-Verbandes Deutschland. Die Idee: Menschen Kunst unkompliziert nahe zu bringen. Denn: Kunst kann deutlich preiswerter ausgeliehen als gekauft werden; sagt das ausgewählte Werk in Büro oder Wohnzimmer nicht mehr zu, weiß man, dass es keine Anschaffung fürs Leben, sondern nur für die Ausleihzeit ist; zumal man im Büro oder Wohnzimmer überhaupt erst einmal dazu kommt, sich intensiv mit einem Bild zu befassen. "Ein Original schafft eine ganz eigene Atmosphäre", sagt Lindner - im Gegensatz zu vervielfältigbaren Plakatdrucken von Kunstwerken, wie man sie aus Möbelhäusern kennt. "Ein Gemälde mit dicker Ölfarbe hat eine andere Präsenz als ein Nachdruck, auch Kohle wirkt im Original anders, ebenso Japanpapier, wenn es als Grundlage für eine Grafik verwendet wurde."

Über Ausleihen Begeisterung für Kunst zu wecken, ist das eine. Das andere ist, Galerien zu helfen, wie es Lindner für die vom Verein Kunsthütte betriebene NSG beschreibt. Bei Gründung der Artothek sei es auch darum gegangen, die finanzielle Grundlage der Galerie zu verbessern. Die Artothek, die aus dem Sammlungsbestand der NSG gespeist wird, sei ein Puzzle dafür: Die Ausleihgebühren - im Schnitt für eine Grafik 10, für ein Gemälde 20 Euro monatlich - fließe zurück in die Ausstellungsarbeit. Im Westen Deutschlands sei das mitunter sehr lukrativ - dort sei auch die Idee der Artotheken viel bekannter als im Osten. Das bestätigt der Artotheken-Verband: Im Osten - Berlin ausgenommen - finden sich lediglich rund zehn solcher Einrichtungen, in Sachsen neben Chemnitz nur noch in Leipzig. Laut Astrid Bardenheuer habe das wohl strukturelle Gründe. "Durch Einsparmaßnahmen fehlen Leute, die sich um Artotheken kümmern könnten." Lindner hingegen sagt: "Es fehlt die Haltung, sich an einem Original erfreuen zu wollen."

Mitunter gibt es aber auch von Künstlern Kritik. Eine davon: Artotheken hielten Menschen ab, Kunst zu kaufen. "Doch dafür fehlen die Beweise", sagt Dagmar Schmidt, Vorsitzende des Bundesverbandes Bildender Künstler. Die Erfahrung zeige eher, dass sich Menschen durchaus Kunst kaufen, wenn sie über Artotheken an das Thema herangeführt wurden. Und auch die Sorge mancher Künstler, dass die Kunst durchs Ausleihen leide, müsse abgewogen werden, sagt Astrid Bardenheuer. "Ausleihen können Spuren hinterlassen. Aber wenn man möchte, dass Kunst von vielen Menschen gesehen wird, nutzt es wenig, sie verschlossen zu halten." Zumal Ausleihverträge die Bedingungen regeln können. Bei Verträgen mit der NSG-betreibenden Kunsthütte ist laut Lindner unter anderem festgelegt, dass die Kunst keinem direkten Sonnenlicht, keinem Rauch, keiner Feuchtigkeit ausgesetzt werden darf. Kommt es doch zu Schäden, sei das Bild über die Artothek versichert; hat sich der Ausleihende nicht vertragsgerecht verhalten, kann er belangt werden, "wie bei jeder Versicherung", so Lindner. "Doch wir machen die Erfahrung, dass die Menschen sehr vorsichtig mit der Kunst umgehen."

Das Hochzeitspaar übrigens ist von Chemnitz nach Potsdam gezogen, dort, in der neuen Wohnung, hängt die Leihgabe aus der NSG: ein von Lutz Voigtmann stammendes Gemälde, das eine Ansicht von Karl-Marx-Stadt in den 1970er-Jahren zeigt. "Wir haben uns für dieses Bild entschieden, weil wir lange in Chemnitz gewohnt haben", sagt Daniela Freitag, die damalige Braut. Eines der Kunstwerke, das C3-Chef Ralf Schulze für sein Büro in der Stadthalle auswählte, hat einen ähnlichen Bezug: ein Gemälde von Edgar Klier, "1. Mai", von 1971, auf dem Kräne auf dem Stadthallenareal zu sehen sind. "Es ist eine schöne Querverbindung zur Gegenwart, weil sich die Kräne bald wieder drehen werden, wenn ein Teil der Stadthalle zum Kongresszentrum umgebaut wird", so Schulze. Ein Hotel im Erzgebirge hingegen hatte sich vom Chemnitzer Künstler Axel Wunsch gemalte Porträts ausgeliehen. Und auch die Polizei ist interessiert, so sind Bilder aus der NSG-Artothek im Speisesaal der Kantine im Areal der Polizeidirektion Chemnitz zu sehen. Man wolle Mitarbeitern kulturnahe Begegnungen ermöglichen, "um somit eine Sensibilisierung im Umgang mit der Kultur zu erreichen", schreibt die Pressestelle auf Anfrage.

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