Wenn Rechtsnationale die Macht ergreifen: Ein Jugendroman malt ein düsteres Bild

Es geht um unangenehme Fragen. Was geschieht, wenn eine Gesellschaft den Blick dafür verliert, dass es immer mehr als eine einzige Alternative gibt? Und was passiert, wenn solche, die sich als die einzig Wahren darstellen, den Laden übernehmen?

Chemnitz.

Jugendbuch kontrovers: Martin Schäubles "Endland" ist vom Verlag und in der Presse als ein Werk beschrieben worden, das den Aufstieg des Rechtspopulismus in Deutschland behandelt. "Der Roman ist näher an den Versprechen der AfD, als vielen lieb ist", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Die "Süddeutsche Zeitung" nannte es ein "kluges Buch". Der Autor selbst hat in Interviews darauf hingewiesen, dass er die Politik seiner Nationalen Alternative nach tatsächlichen Aussagen der AfD, die belegbar seien, modelliert hat.

Die AfD Sachsen qualifizierte den Roman in einem Rundbrief als "unerträgliche Gehirnwäsche" ab. Sympathisanten schäumen und bestätigen damit, dass Schäuble einen Nerv getroffen hat. Was sollen sie auch sagen? Die literarische Vision eines Landes, in dem die Nationale Alternative den Ton angibt, die Menschen Mauern hochziehen und sich "die Augen zubetonieren", ist alles andere als beruhigend.

"Endland" ist ein Buch für Heranwachsende. Es liefert klare Konflikte und beispielhafte Charaktere. Spannungsbögen halten den Leser bei der Stange. Ein Anschlag ereignet sich in einem Flüchtlingslager in Europa. Menschen sterben, ein Foto geht um die Welt. Wer hat es getan? Was sind die Hintergründe? Erster Schauplatz: Afrika. Fana, eine Christin aus der Hauptstadt Äthiopiens, fängt bei einer deutschen Ärztin als Assistentin und Übersetzerin an. Karla praktiziert in Afar, einer Dürreregion im Nordosten Äthiopiens, wo mehr als die Hälfte der Menschen in absoluter Armut leben und viele Flüchtlinge aus Eritrea stranden. Der latente Notstand in Afar wird durch den Klimawandel aktuell noch verschärft.Karla rät Fana, Afrika zu verlassen, um in Deutschland zu studieren. Der letzte verbliebene Weg in die sich abschottende "Festung der christlichen Nächstenliebe", wie sie Europa nennt, ist das politische Asyl. Fana müsse sich aber als Eritreerin ausgeben. "Als Äthiopierin hast du keine Chance. Verhungern ist kein Asylgrund. Verhungern darf man." - "In Eritrea hungern sie doch auch." - "Ja, aber eben nicht nur. Dort herrscht ein Diktator." - "Wenn ich verhungere, weil ein Diktator daran Schuld hat, dann zählt das mehr, als ohne Diktator zu verhungern?" Karla nickt.

Martin Schäuble sagt, das Hunger-Thema sei der erste Impuls zu seinem Buch gewesen, noch vor der AfD. Der Autor hat eigene Kindheitserinnerungen an die Hungerkatastrophe in den 1980er-Jahren, die die Welt aufrüttelte: überall Bilder, Videos, Spendenboxen. Schäuble ist Jahrgang 1978 und stammt aus Baden-Württemberg. Er ist promovierter Politikwissenschaftler und hat in Israel, Palästina, Äthiopien, Indien und Vietnam gearbeitet. Vor 15 Jahren absolvierte er ein Volontariat in Chemnitz bei der "Freien Presse". Er hat mehrere Bücher über den Nahen Osten veröffentlicht, die für ihre Recherchetiefe und Ausgewogenheit hoch gelobt wurden. Immer wieder wendet er sich Gegenwartsproblemen zu.

Fanas Weg in "Endland" führt sie in ein Europa, das seine Zukunft hinter sich zu haben scheint. Die AfD diente Schäuble als Stichwortgeber. Vor allem geht es ihm um die Ideologie. "Die AfD ist meisterhaft darin, Sorgen zu schüren, wo vorher keine waren", sagt Schäuble, "Dabei werden in Ost und West ganz ähnliche Ängste angesprochen, vor allem Abstiegsängste." Man solle daher das sächsische Wahlergebnis nicht benutzen, um vom westdeutschen Erfolg der Partei abzulenken.Wie es aussehen könnte, wenn die Paranoia überhandnimmt und der Staat einer autoritären, wirtschaftslibertären, nationalistischen Partei in die Hände fällt, steht in "Endland": Da gibt es Mauern an den Grenzen mit Wächtern und Schießbefehl, keine Schulpflicht, privatisierte Arbeitslosenhilfe, mehr Armee und Polizei, Austritt aus der EU, Anlehnung an Russland, Kriegsgefahr. Dazu eine "neue", bereinigte Erinnerungspolitik. Der Lehrer Blomenkamp, der Brechts Parabel vom Arturo Ui aufführen lässt, verliert seine Anstellung. Nur noch positive, identitätsstiftende Aspekte der Geschichte sind gefragt. Wer zu viel vom Nationalsozialismus weiß, könnte ihn wiedererkennen. Auch deshalb wird die Auseinandersetzung um Geschichtliches geführt.

Blomenkamp, sagt Schäuble, sei nach einem seiner tatsächlichen Lehrer für Gemeinschaftskunde gestaltet, einem Pädagogen, der ihn tief beeindruckt habe. Seinen erzieherischen Anspruch kann auch "Endland" nicht verhehlen. Das wird vor allem an der Figur des Anton deutlich, der vom Anhänger der Nationalen Alternative selbst zum Flüchtling wird, der den umgekehrten Weg geht: nach Afrika.

Martin Schäubles Bücher weisen ihn als freiheitlich-demokratisch engagierten Autor aus, der unterhaltende Formen nutzt, um zum Verständnis der Wirklichkeit beizutragen. Sein erstes Buch "Rausgehasst" beschrieb die rechtsextreme Szene in der Sächsischen Schweiz. In "Black Box Dschihad" spürte er 2011 den Beweggründen islamistischer Terroristen nach, indem er den Lebenswegen zweier Jugendlicher folgte. Zwischen Islamisten und Islamhassern habe er Gemeinsamkeiten entdeckt, so Schäuble in einem Interview. "Endland" kulminiert in dem Anschlag auf das Flüchtlingslager. Nationale Extremisten wollen ihn Flüchtlingen unterschieben, um den Hass anzuheizen und die Reste des Asylrechts zu schleifen.

Gewidmet ist Martin Schäubles Buch "den 71 Menschen", wie es kommentarlos auf dem Titel heißt. 71 Flüchtlinge, darunter acht Frauen und vier Kinder, waren am 26. August 2015 in einem Kühllastwagen gestorben, als sie von Ungarn aus nach Österreich einreisen wollten. Ihre Leichen fand man in dem abgestellten Fahrzeug nahe Wien. Die 71 stammten aus dem Irak, aus Afghanistan, Syrien und dem Iran. Vor einigen Monaten wurde enthüllt, dass die ungarische Polizei die Schlepper abgehört, aber nicht eingegriffen hatte. In einer starken Szene von "Endland" finden sich genau 71 Geflohene in der gleichen Situation wie die Unglücklichen von Parndorf wieder, darunter ein Agent der Nationalen Alternative. Schäuble ist gnädiger als die Wirklichkeit. Bei ihm kommen alle davon.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    2
    Blackadder
    07.12.2017

    Klingt doch interessant: vielleicht sollten sich manche AfD Wähler mal vor Augen führen, was "ihre" Partei so alles im Wahlprogramm stehen hat und was dabei raus käme, wenn sie das so 1:1 umsetzen würde.



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