Wenn Theater Brücken bilden

Schauspiel- und Opernhäuser haben noch einen langen Weg vor sich, bis sie behinderten Menschen komplette Teilhabe ermöglichen können. Doch es gibt Vorreiter - auch in Südwestsachsen - die bereits vieles möglich machen.

Chemnitz/Dresden.

Manchmal sind es die einfachen Feststellungen, die die Gesellschaft verändern können: Egal ob Shakespeare oder Schiller - in keinem Textbuch fürs Theater heißt es, die Schauspieler dürften nicht behindert sein. Damit hat sich jüngst Gee Vero an sächsische Kulturmacher gewandt. Die Künstlerin und Autorin aus der Nähe von Leipzig ist selbst Asperger-Autistin und kämpft auch mit Vorträgen und Büchern um Teilhabe - für sich und ihren autistischen Sohn. Für Vero gilt: "Anders dabei sein ist nicht schwierig." Ihr jüngster Erfolg war, dass ihr Sohn beim Schultheater 7,5 Sekunden auf der Bühne stand. "Das sind 7,5 Sekunden mehr als letztes Jahr", sagt sie. Für sie selbst ist die Bühne der Ort, auf dem sie Brücken bauen, sämtliche Masken ablegen und sich ausdrücken kann. Leider aber sei Inklusion, nicht nur im Theater, noch eine "riesen Baustelle".

Vor zehn Jahren ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten, die in Artikel 30 auch Beschlüsse zu Kunst und Kultur enthält. Darin werden das Recht behinderter Menschen betont, am kulturellen Leben teilzunehmen, und die Vertragsstaaten aufgefordert, ihnen den Zugang zu ermöglichen. "Inklusion ist seither in aller Munde", so Vero. "Aber es wäre schön, wenn sie auch im Herzen ankommt." Für sie heißt das, nicht zu denken: "Das geht nicht." Sondern: "Wie könnte es gehen?"

Sie lieferte damit einen der Denkanstöße im Zukunftslabor "Divers Inklusion und Darstellende Künste", das Mitte Dezember ein breites Publikum aus Kultur, Politik und Verwaltung ins Kunstzentrum Hellerau nach Dresden gelockt hatte. Das Landesbüro Darstellende Künste Sachsen (LDKS) hatte die Veranstaltung mit der Servicestelle Inklusion im Kulturbereich organisiert, um Impulse für die Theaterlandschaft im Freistaat zu geben. "Wir sehen in allen Bereichen noch Mängel", so LDKS-Geschäftsführer Helge-Björn Meyer. Gerade angesichts des Rechtsrucks in Sachsen, der Diversität zum Teil offen infrage stelle, sei es wichtig, dass Theater zeigen, wie viel differenzierter und bunter die Gesellschaft eigentlich ist.

Teilhabe im Theater bezieht sich dabei auf drei Bereiche: vor der Bühne, darauf und dahinter. Für die Zuschauer wurde bereits viel getan: Die Theater in Plauen, Annaberg-Buchholz, Chemnitz und Döbeln sind rollstuhlgerecht oder haben mobile Rampen. Selbst in einem alten Gebäude wie dem Freiberger Theater gibt es einen Seitenzugang zum Parkett. "Wenn Anfragen kommen, machen wir möglich, was möglich ist", erklärt Pressedramaturg Christoph Nieder. Das nach der Flut renovierte Haus in Döbeln wurde zudem mit Induktionsschleifen ausgestattet, die das akustische Erlebnis für Träger von Hörgeräten verbessern sollen, Freiberg noch nicht. Auch in den Chemnitzer Theatern und im Vogtlandtheater in Plauen gibt es diese Soundverstärker, ebenso wie im Zwickauer Gewandhaus, wo sie nach der derzeit laufenden Generalsanierung erhalten bleiben sollen.

"Wir arbeiten auch regelmäßig mit Gebärdendolmetschern zusammen", sagt Carolin Eschenbrenner, Sprecherin des Theaters Plauen-Zwickau. Dem Übersetzen gesprochener Sprache in Zeichen stehe man auch in Chemnitz nicht im Weg, so Marketingleiter Enrico Merkel: "Gruppen können sich einen Dolmetscher mitbringen."

Das kleine Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz hat noch keine technischen Hilfsmittel, aber ein paar kreative Lösungen. Langfristig soll einmal im Jahr eine Vorstellung von Gebärdendolmetschern begleitet werden, so Maike Limprecht, Leiterin des künstlerischen Betriebsbüros. "Wenn es konkrete Wünsche von Zuschauern gibt, versuchen wir, diese zu erfüllen", sagt sie. So konnte eine Gruppe blinder Mädchen vor der Vorstellung das Bühnenbild anfassen. Die Begleiter lieferten später eine Audiodeskription, erzählt Limprecht und berichtet vom Schauspiel Leipzig, das für seine seit 2013 regelmäßigen Vorstellungen mit Live-Audiodeskription im November mit einem Ehrenpreis des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Sachsen ausgezeichnet wurde.

Die Forderungen der Kulturmacher beim Zukunftslabor gingen noch weiter: Sie wollen behinderten Menschen auch beim Zugang auf die Bühne helfen. Freie Theatergruppen wie der Verein Farbwerk aus Dresden zeigten mit einem Ausschnitt aus der Performance "Coming together", was möglich ist. Darin tanzen und spielen behinderte und nicht-behinderte Menschen ein Stück über das Sich-Begegnen. Ihre Vision: Arbeitsplätze für behinderte Künstler mit echter Begabung schaffen. 2019 soll das Konzept entwickelt werden.

Auch die Behindertenrechtskonvention fordert von den Unterzeichnern Maßnahmen, die Menschen mit Behinderungen ermöglichen, ihr künstlerisches Potenzial für sich und andere zu entfalten. Die Theater Chemnitz stellen dazu ihre Bühnen für Gastauftritte zur Verfügung. Ein eigenes Projekt plant das Mittelsächsische Theater, das erst vor einem Monat eine entsprechende Förderzusage erhalten hat, so Christoph Nieder. Und auch das Theater Plauen-Zwickau entwickelt derzeitCarolin Eschenbrenner zufolge mit Behinderten und Nichtbehinderten ein Stück, das am 25. Mai uraufgeführt werden soll. Das Dabeisein in allen Bereichen, wie es Gee Vero vorschwebt, beginnt - in kleinen Schritten.mit tk

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