Wer abdrückt, hat verloren

Die Bayerische Staatsoper in München hat einen neuen "Freischütz"! Und jeder kann ihn ab dem heutigen Montag sehen, trotz Corona.

München.

Eine Live-Stream-Premiere ist immer nur die zweitbeste Lösung. Aber wenn das schon nötig ist, dann bitte so, wie in München! Seine Premieren macht Deutschlands nobelstes Opernhaus schon lange allgemein zugänglich. Sie werden im staatsoper.tv professionell mitgeschnitten, zur Premiere reibungslos gestreamt und dann noch eine Zeit lang als Video on demand angeboten. Bei der letzten Premiere vor dem zweiten Lockdown saßen wenigstens noch ein paar Kritiker im Rang - jetzt, beim "Freischütz", waren am Samstag alle vor ihre Bildschirme verbannt, als 19 Uhr der Vorhang hochging!

Der "Freischütz" ist für Opernfans immer reizvoll. Schon, weil er zum Selbstverständnis der Kulturnation gehört. Eine romantisch gruselige Geschichte um den metaphorischen deutschen Wald samt Wolfsschlucht. Mit der Versuchung für Max (Mustermann), ein Bündnis mit dem Teufel einzugehen, um an Braut und dazugehörige Erbförsterei zu kommen. Und am Ende mit einem Triumph von Vernunft. Oder besser: mit einem stabilisierenden Bündnis von weltlicher und geistlicher Obrigkeit, die alles Rumorende im Zaum hält. Webers Musik packt ohne Umwege nach wie vor. Den manchmal recht peinlich vor sich hin stolpernden Text überhört man gewohnheitsmäßig. Wenn er nicht gestrichen oder geändert wird, was auch wieder seine Probleme hat.

Für ambitionierte Regisseure ist das Stück ein harter Brocken, der schnell zum Stolperstein werden kann. Die vorletzte Münchner "Freischütz"-Inszenierung 1990 fiel beim Publikum spektakulär durch. Der jetzt scheidende Intendant Nikolaus Bachler war damals, in der Rolle des Samiel, mit von der Partie.

Diesmal gibt es den Leibhaftigen gar nicht. Zumindest nicht leibhaftig. Regisseur (und Bühnenbildner) Dmitri Tcherniakov sucht nach dem Diabolischen nämlich nicht in der mitternächtlichen Dunkelheit der Wolfsschlucht, sondern in den Menschen von heute. Der Russe, der im Sommer die Bayreuther Festspiele mit einem neuen "Fliegenden Holländer" eröffnen soll, ist ein Meister darin, Stoffe auf ihren psychologischen Gehalt zu befragen und sie dann neu und gegenwärtig zu erzählen. Er liefert obendrein das Quantum Show, das jeder Oper innewohnt, als spannenden Psychothriller, bei dem man dranbleibt.

Tcherniakovs Zugang ist aber nicht nur gegenwarts-, sondern auch bildschirmkompatibel. Alles spielt in einer schicken Lobby mit einer Holzvertäfelung aus drehbaren Elementen und einem Blick auf eine City. Sie gehört zu einer Firmenzentrale mit einem ziemlich unausstehlichen Patriarchen an der Spitze. Dem passt weder sein ehrgeiziger Angestellter Max als Schwiegersohn in den Kram, noch das emanzipierte Selbstbewusstsein seiner Tochter Agathe. Die wird vom kein bisschen niedlichen Ännchen (mit eigenen Ambitionen?) eher im Konflikt mit dem Vater, als in der Liebe zu Max bestärkt. Kaspar, ein traumatisierter Kriegsheimkehrer, ist der verblüffend glaubwürdige "kaputte" Finsterling und das dunkle Alter Ego von Max.

Grandios, wie man so Teufel und Wolfsschlucht als szenische Peinlichkeit ausblenden kann, ohne sie zu umgehen. Das Problem von Max ist nicht das Treffen, sondern das Abdrücken. Zu Beginn, als er probehalber einen Passanten vor der Firmenzentrale unten auf der Straße abschießen soll, weigert er sich noch und bricht zusammen. Dass das ein perfider Fake war, um ihn vorzuführen, erfahren (nur) wir etwas später aus Gesprächen des Personals. Den realen Probeschuss moderiert der Fürst wie ein Conférencier. Unter dem Druck schießt Max diesmal wirklich auf Agathe. Nicht ohne Folgen für sich selbst, denn er kann Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten. Dass Agathe wieder aufsteht, er Kaspar mit zwei (lautlosen) Schüssen zur Strecke bringt, und der begütigende Einspruch des Eremiten quasi als Volkes Stimme aus der Mitte des Personals kommt, das alles wird zu seiner Version des Geschehens. Wenn er (und wir) im wieder hell erleuchteten Raum aus diesem Albtraum erwachen, hat Max das Gewehr tatsächlich immer noch in der Hand und Agathe liegt immer noch (womöglich wirklich tot) am Boden. Nach Probejahr mit Happy End sieht das nicht aus. Im günstigsten Fall nach einem langen Klinikaufenthalt für Max. Dem Freischütz als Ganzem bekommt dieses grelle Gegenlicht.

Antonello Manacorda vertraut am Pult des Bayerischen Staatsorchester voll auf das, was Weber komponiert hat. Ohne eine Extraportion Romantik obendrauf - das ist packend und passt hervorragend zu dem, was auf der Bühne passiert. Hier glänzen vor allem Golda Schultz als phänomenale Agathe und Pavel Cernoch als Max. Aber auch Anna Prohaska als Ännchen und Kyle Ketelsen als Kaspar sowie alle anderen liefern nicht nur das sprichwörtliche Jäger-, sondern auch das so lange entbehrte Opernvergnügen!

Ab 15. Februar ist die Vorstellung, wie alle anderen Live-Streams der Bayerischen Staatsoper auch, als Video on Demand verfügbar. www.staatsoper.de

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