Wer hat an der Uhr gedreht?

Am 25. Juli vor 40 Jahren beschloss die BRD im "Gesetz über die Zeitbestimmung" die Einführung der Sommerzeit. Angewendet wurde sie jedoch erst 1980 in beiden deutschen Staaten - nach schwierigen Verhandlungen mit der DDR. Heute hat die Praxis der halbjährlichen Zeitumstellung immer mehr Kritiker.

Die Franzosen waren die ersten: 1973 führten sie als Reaktion auf die Ölkrise die Sommerzeit ein. Indem man die Uhr in der "hellen Jahreszeit" eine Stunde vorstellte, sollte das Tageslicht besser genutzt und so Energie gespart werden. 1976 folgten der damals populären Idee weitere Staaten der Europäischen Gemeinschaft. Nur im geteilten Deutschland wurde die "richtige" Zeit zur "sehr politischen Frage", wie der damalige Regierungssprecher Klaus Bölling feststellte. Das am 25. Juli 1978 vom Bundestag beschlossene "Gesetz über die Zeitbestimmung" ermächtigte die Bundesregierung zwar ab dem 1. August desselben Jahres, "zur besseren Ausnutzung der Tageshelligkeit und zur Angleichung der Zeitzählung an diejenige benachbarter Staaten durch Rechtsverordnung für einen Zeitraum zwischen dem 1. März und dem 31. Oktober die mitteleuropäische Sommerzeit einzuführen". Doch die BRD zögerte zunächst mit der Umsetzung, um Deutschland nach der Mauer nicht auch noch in zwei Zeitzonen zu teilen. Die DDR äußerte sich zu dem Thema vorerst einfach nicht.

Völlig überraschend kündigte die SED-Führung in der DDR 1979 die Einführung der Sommerzeit für das folgende Jahr an - Bonn musste übereilt nachziehen. Die Bundesbahn schaffte es gerade noch, zehntausende Fahrpläne neu drucken zu lassen, auch die mehr als 80.000 Bahnhofsuhren konnten fristgerecht umgestellt werden. Mitarbeiter des Unternehmens "Telefonbau und Normalzeit" befürchteten "eine Woche Zeitsalat". Dennoch startete die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ) in ganz Deutschland pünktlich am 6. April 1980. Seitdem werden die Uhren im Frühjahr nachts von 2 Uhr auf 3 Uhr eine Stunde vorgestellt und im Herbst wieder zurückgedreht. Dabei war die Idee damals schon alt: Bereits in den beiden Weltkriegen zwischen 1916 und 1918 sowie von 1940 bis 1945 gab es Versuche, mit Hilfe einer Sommerzeit das Tageslicht besser bei der Produktion von Rüstungsgütern zu nutzen. Der Effekt erwies sich jedoch bestenfalls als überschaubar. Die erhofften Energieeinsparungen blieben denn auch zu Beginn der 1980er-Jahre reines Wunschdenken.

Seit 1893 gilt in Deutschland die Mitteleuropäische Zeit (MEZ). Zuvor waren bereits 1884 auf der International Meridian Conference in Washington D.C. Zeitzonen für den ganzen Globus eingeführt worden. Treibender Faktor dabei war der Ausbau des Eisenbahnnetzes und der Schifffahrt. Das Problem: Zwölf Uhr mittags ist es jeweils, wenn die Sonne am höchsten Punkt am Himmel steht. Da die scheinbare Sonnenwanderung aber durch die Erdrotation ausgelöst wird, wandert dieser Mittagspunkt in 24 Stunden einmal um den gesamten Planeten: Da die Drehgeschwindigkeit am Äquator rund 1600 Kilometer pro Stunde beträgt, bewegt sich "Mittag" pro Sekunde rund 400 Meter weiter nach Westen, die Tageszeit ist überall eine andere.

Über Jahrhunderte störte es nicht, wenn die Kirchturmuhren benachbarter Städte um ein paar Minuten differierten: Württembergische Uhren gingen etwa gegenüber den badischen drei Minuten vor. In Bayern herrschte "Münchener Ortszeit" - in Preußen "Berliner Zeit", die den Süddeutschen um sieben Minuten voraus war. Schwierig wurde das jedoch mit der wachsenden Mobilität der Menschen: Für Zugfahrpläne war es nötig, sich auf gemeinsame Zeiten zu einigen. Auch das Militär hatte Interesse an einer exakt koordinierbaren Zeitplanung.

Da man die Verschiebung über weite Strecken jedoch nicht ignorieren kann, wurde die Erde in 24 Zeitzonen von je 15 Längengraden aufgeteilt, die jeweils stundenweise "umschalten" - der weltweite Minutentakt wird dabei einheitlich gleichgesetzt. Vor allem in dicht besiedelten Gegenden können diese Zeitzonen natürlich nicht streng nach den geografischen Längengraden gesetzt werden: Länder werden komplett bestimmten Zeitzonen zugeschlagen. Nur in großen Staaten wie den USA, Kanada, Russland oder China gibt es auch intern verschiedene Zeitzonen. Als Nullzeit gilt die "Universal Time Coordinated" (UTC) vom Greenwicher Nullmeridian, die in Europa neben Großbritannien Portugal, Island und teilweise Dänemark (Grönland!) anwenden. Sie ist etwa im Flugverkehr auch internationales Maß. Die Datumsgrenze verläuft entlang des 180. Längengrads: Mitten im Pazifik macht sie den geringsten Ärger, da sich dort mit einer Stunde auch der Tag ändert. Ansonsten gilt in den Ländern Mitteleuropas die eine Stunde vor der UTC gelegene Mitteleuropäische Zeit (MEZ, englisch CET für "Central European Time").

In dieses System wurde also die Sommerzeitverschiebung gepflanzt, und schon kurz nach der Einführung wollten sie die ostdeutschen Genossen nicht mehr: "Aufgrund wissenschaftlicher Gutachten ist es nicht zweckmäßig, das Experiment mit der Sommerzeit im nächsten Jahr zu wiederholen", teilte die SED am 28. Oktober 1980 im Zentralorgan "Neues Deutschland" mit. Die Sommerzeit hatte nicht nur keine Vorteile für die Energiewirtschaft erbracht, sondern in anderen Bereichen sogar Extrakosten verursacht. Auf westdeutscher Seite war man über diesen Schlingerkurs verärgert, zumal die DDR gerade den 1:1-Zwangsumtausch für Besucher aus der BRD auf 25 Mark pro Person und Tag erhöht hatte. Daher erklärte die Regierung in Bonn, man werde die Sommerzeit auf jeden Fall beibehalten. Im Dezember dieses Jahres verkündete die DDR, dass auch sie 1981 die Uhren wieder umstellen würde.

1996 wurden die unterschiedlichen Sommerzeitregelungen in der EU zur MESZ vereinheitlicht: Am letzten Sonntag im März um 2 Uhr MEZ werden die Uhren um eine Stunde auf 3 Uhr vorgestellt, und am letzten Sonntag im Oktober kehrt man von 3 Uhr MESZ auf 2 Uhr MEZ zurück.

Laut Bundesumweltamt spart man während der Sommerzeit zwar abends elektrisches Licht - dafür wird morgens mehr geheizt, besonders in den kalten Monaten April und Oktober. Insgesamt steigt der Energieverbrauch dadurch leicht an. 1979 begrüßten rund zwei Drittel der Westdeutschen die Sommerzeit. Inzwischen sind sie wie viele Europäer von der Zeitumstellung genervt - viele würden lieber dem Beispiel Russlands folgen, wo die Zeitumstellung 2014 wieder abgeschafft wurde. Erst im Februar wurde eine EU-Richtlinie zur "gründlichen Bewertung der zweimaligen Zeitumstellung im Jahr" geprüft, im Bedarfsfall soll sie außer Kraft gesetzt werden. Der Aufforderung stimmten knapp 70 Prozent der EU-Abgeordneten zu. Die Chancen zur Abschaffung steigen. Bis 16. August findet im Internet eine Umfrage der EU-Kommission statt, ob die Zeitumstellung beibehalten oder abgeschafft werden soll. Jeder EU-Bürger kann online daran teilnehmen.

Allein die Frage, ob der künftige "Standard" die bisherige Winter- oder Sommerzeit werden soll, sorgt für Zündstoff. Unbedingt vermeiden wollen die EU-Politiker einen Flickenteppich aus unterschiedlichen, nationalen Zeitzonen. Rechtlich bindend wären die Vorschläge der EU-Kommission allerdings nicht, sie dienen zunächst lediglich der Meinungsbildung. (mit tim)

Die Umfrage der EU zur Sommerzeit sowie weitere Hintergründe finden Sie unter www.freiepresse.de/mesz

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Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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