Wer recht hat, schreibt schlechte Bücher

Welchen Beitrag kann Literatur in schwierigen Zeiten für die Demokratie leisten? Die Frankfurter Buchmesse hat sich dazu viele Slogans, Foren und Kampagnen überlegt - doch eine Antwort finden am ehesten die Besucher aus Georgien.

Frankfurt (Main).

Mit der Buchmesse ist das häufig so: Da kommen zur weltgrößten Branchenveranstaltung dieser Art 7000 internationale Aussteller und mehrere Tausend Besucher in Frankfurt am Main zusammen, lassen öffentlichen Nahverkehr und Hotels aus allen Nähten platzen. Und doch dreht sich auf Podien und in Gesprächen auf den Rolltreppen-Fluren des Messegeländes vieles um die grundlegende Frage: Wer liest denn heute eigentlich noch?

Dann werden als Nächstes Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels herangezogen. Sie sehen nicht gut aus - immer weniger Menschen kaufen Bücher. Könnte man die denn nicht besser wie Netflix-Serien erzählen, sich dort etwas abschauen, fragt dann einer der Moderatoren? Nein, findet eine, die es wissen dürfte: Inger-Maria Mahlke, am Montagabend ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2018 für "Archipel", hat diesen ihren Familienroman nämlich gerade auf andere ungewöhnliche Art erzählt, nämlich rückwärts. Sie gucke selbst gern Netflix, sagt Mahlke - aber Bücher, die könnten eben mehr als nur unterhalten. Die seien Kunst, und Kunst könne existenzielle Erfahrungen möglich machen.

Von einer Krise der Buchbranche will auch der ARD-Literaturkritiker Denis Scheck nicht sprechen. Das Jammern der Verlage, die Weltuntergangsstimmung, das kulturpessimistische Stirnrunzeln, all das gehöre doch irgendwie zur Buchmesse dazu. Ebenso dazu gehört seit einigen Jahren die Frage zum Umgang mit rechten Verlagen. 2017 war es in Frankfurt am Stand des entsprechend umstrittenen Antaois-Verlages von Götz Kubitschek zu Tumulten gekommen, Rechte und Linke gerieten erst verbal, dann tätlich aneinander. Man sei nicht gut vorbereitet gewesen, räumt Messesprecherin Katja Böhme ein. In diesem Jahr sieht daher vieles anders aus: Die meisten der insgesamt fünf rechten Verlage finden sich in Halle 4, nahezu versteckt in einer der hintersten Ecken. Daneben mehrere weiße Stellwände mit der Aufschrift "Kein Durchgang": eine Sackgasse, sozusagen. Der Antaois-Verlag hatte gar keinen Stand angemeldet - Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza sind trotzdem da. Seelenruhig tippen sie auf ihren Laptops am Stand des bisher unbekannten Loci-Verlags. Der Inhaber: Wolfgang Veigel, ein Zahnarzt aus Rheinau in Baden-Württemberg, habe den Antaois-Verlag gekauft, behauptet eine Pressemitteilung, die am Mittwoch am Stand verteilt wird. Kubitschek will künftig lieber Politiker beraten, Kositza bleibe Programmchefin bei Antaois. Zu Tumulten wie 2017 kam es bisher nicht. Ob alles nicht doch nur PR des Verlegers Kubitschek ist? So ganz sicher ist sich da niemand. Das Antaois-Logo prangt zumindest seit Donnerstagmorgen am Loci-Stand.

Statt derlei Neurechte die Messeberichterstattung wieder dominieren zu lassen, will Juergen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, in diesem Jahr ein deutliches Zeichen für Freiheit, Vielfalt und Respekt setzen. Nicht nur durch Lesen, sondern vor allem durch Dialog. "Wir müssen reden", lautet folglich der schlichte Slogan einer der Diskussionsbühnen. Gemeinsam mit dem Börsenverein hat die Buchmesse zum 70. Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte außerdem eine Kampagne aufgelegt: "On the Same Page", übersetzt "sich einig sein" oder "einer Meinung sein". Der Schriftzug prangt auf großen, bunten Bannern, wird einem als Sticker, Button oder Jutebeutel im Vorbeilaufen in die Hand gedrückt.

Und doch sind es vor allem die Gäste aus Georgien, die diesen Worten ein Gesicht geben. Aka Morchiladze, georgischer Schriftsteller mit rauem Erscheinungsbild und noch rauerer Stimme, ist so einer. In seinem karierten Kurzarmhemd sticht er heraus zwischen all den Anzugträgern, die das Bild der Buchmesse an den ersten Tagen prägen. Morchiladze wirkt nicht wie jemand, der etwas auf Dresscodes gibt. Wohl aber auf sein Georgien. Literatur, vor allem Lyrik, habe es in Georgien auch in den schwierigsten Zeiten gegeben, sagt der 51-Jährige. Selbst in Kriegen, als Kunst und Meinungsfreiheit unterdrückt wurden. Auf kleinen Papierschnipseln habe man Gedichte verfasst, die man sich beim Schreiben einfach aufs Bein legte. Ein Dichter, das sei in Georgien jemand, der die Menschen von ihrer persönlichen Glückseligkeit und Unverwechselbarkeit überzeugen könne. Jemand, der ihnen zeigt, dass ihre Gedanken wahrhaftige, aufrichtige Gedanken sind. "Seien Sie sich sicher, dass Sie es allein nicht schaffen können, doch es gibt einen Menschen, der an Ihrer Stelle Ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken vermag", so Morchiladze.

Ein Stück weiter geht Nino Haratischwili, Autorin und Theaterregisseurin aus Tiflis. Literatur könne Brücken schlagen - weil sie nicht in Grenzen gefangen ist. Von dem Wort Grenzen sei unsere Welt in diesen Tagen wie besessen, sagt die Frau mit streng zurückgebundenen, schwarzen Haaren und mädchenhafter Stimme. Hier und dort, richtig und falsch, wir und die. Selbst die zutiefst menschliche Fähigkeit zur Empathie könnten Menschen anscheinend verlernen. Gute Bücher könnten sie aber auch jederzeit wieder in uns wachrufen. "Wenn wir uns in jemand anderen hineinversetzen, können wir nachempfinden, wie es sich auf der anderen Seite anfühlen mag, und in der Relativierung unserer selbst entdecken wir uns neu." Für viele gab Haratischwili das eindrucksvollste politische Statement dieser Buchmesse ab, das sie mit den Worten des russischen Schriftstellers Anton Tschechow schloss: "Wer recht hat, schreibt schlechte Bücher." Will heißen: Vielleicht stimmt unsere Version einer Geschichte nicht, vielleicht ist das auch egal. Hören wir auf mit der Besserwisserei und fangen wir an, uns zuzuhören!

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