Wer schreibt, der bleibt

Die aktuelle Ausstellung in der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz zeigt - abwechslungsreich und lehrbuchreif - die Geschichte und Gegenwart der Schrift. Mit Beispielen aus der unmittelbaren Umgebung.

Chemnitz.

"Wer schreibt, der bleibt", lautet eine alte Skatspielweisheit, doch sie gilt weit darüber hinaus. Im Schreiben, in der Schrift können sich Menschen im wahrsten Sinne des Wortes verewigen. Darum geht es in der aktuellen Ausstellung mit dem etwas kryptischen Titel "zee.3.7.1 - Schrift und Typografie in Chemnitz seit 1466" in der Neuen Sächsischen Galerie im Chemnitzer "Tietz".

Große, typografisch klug gestaltete Tafeln führen durch die Geschichte der Schrift von den Anfängen im alten Ägypten und Sumer vor 6000 Jahren über die griechische und römische Antike bis in die Gegenwart. Dabei ist es sowohl spannend mitzuerleben, wie sich die Schrift vom Bild zum Zeichen entwickelte, als auch, dass sie nie ideologiefrei eingesetzt wurde. Schriften waren auch Herrschaftssymbole und Mittel zum politischen Zweck. Beispiele dafür liefern viele Ausstellungsstücke aus der reichhaltigen Chemnitzer Schriftgeschichte, viele von ihnen beigesteuert von der Stadtbibliothek Chemnitz.

Nicht zuletzt ist Chemnitz Geburtsort und Heimat eines der bedeutendsten ostdeutschen Schriftgestalter. Heinz Schumann, geboren 1934, weiß, wie man Schriften einsetzt. Seine typografischen Kreationen, die Pinselschrift Stentor zum Beispiel oder Schumann Pro, erst 2017 veröffentlicht, sind weltweit bekannt und begehrt, werden gerade wiederentdeckt. Schumann studierte 1952 bis 1957 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, unter anderem bei Albert Kapr und Wolfgang Mattheuer Gebrauchsgrafik, Buchgestaltung, Schrift und Typografie.

Für die "Freie Presse" entwarf er ab 1962 Layout und Typografie, die das Gesicht der Zeitung bis 1989 prägten. Die forsche Pinselschrift des Zeitungstitels symbolisierte Dynamik und Fortschritt - Ideale, mit denen die Realität in der DDR nicht immer mithalten konnte. Doch diese freier wirkende Schrift stand im Gegensatz zu den mit der Nazizeit verbundenen strengen, dunklen Frakturschriften. Die hatte Hitler 1941 zwar sogar verboten zugunsten der klassischen Antiqua, die ihm die Ansprüche des "tausendjährigen Reiches" wohl eher typografisch zu unterstützen schien - nichtsdestotrotz wird die runenhafte Fraktur bis heute eher rechts verortet. Heinz Schumanns bekanntestes Werk sind wohl die mehrsprachigen Schriftzüge "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" hinter dem Chemnitzer Karl-Marx-Monument.

Auch dies dokumentiert die detail- und faktenreiche Ausstellung, die ihrem Thema entsprechend sehr schriftlastig ist. Wer sich aber darauf einlässt - am besten bei einer Führung -, erfährt vieles über Schriften, ihre Geschichte, Entwicklung und Verwendung. Zum Beispiel, dass in Europa zwar arabische Ziffern geläufig sind, die Araber selbst aber indische Ziffern benutzen. Dass in Karl-Marx-Stadt Rubbelbuchstaben produziert wurden.

Für Abwechslung - und besondere Eignung der Ausstellung für Schülerinnen und Schüler - sorgen zahlreiche Mitmachaufgaben, an denen man das eigene Verhältnis zur Schrift überprüfen kann: Wie wirken eigentlich bestimmte Schriften? Eher sachlich, liebevoll oder romantisch? Welche Schrift würde man selbst für bestimmte Mitteilungen verwenden?

Man kann auf alten Schreibmaschinen schreiben, Schriften stempeln, kunstvoll kalligrafisch gestalten, freie Computerschriften ausprobieren und auf dem eigenen Rechner installieren. Denn: Wer schreibt, der bleibt. Vor allem, wenn er den Rat Benjamin Franklins beherzigt: "Schreib Kränkungen in den Sand, Wohltaten in den Marmor."

Die Ausstellung "zee.3.7.1 - Schrift und Typografie in Chemnitz seit 1466" ist bis 16. September in der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz, Moritzstraße 20, zu sehen. Geöffnet 11 bis 17, Dienstag bis 19 Uhr, Mittwoch geschlossen.

www.nsg-chemnitz.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...