Wer sollte da Zweifel haben, die Welt sei nicht schön?

Dichter und Schriftsteller Utz Rachowski wird 65 Jahre alt

Plauen.

Da begegnen wir ihm also, in den Gedichten, die durch die Zeit gehen, die dieses Leben tragen. Ein Poet ohne Land auf der Reise in seine Vergangenheit. Geboren 1954 in Plauen, scheinbar eine ganz normale Biografie, die endet am 16. April 1971, als ein Brief an den Kreisschulrat in Reichenbach den Ausschluss des Schülers Rachowski aus der Schule fordert. Nun, wir wissen aus seinen Texten, was dann kam, Aussprachen und Verhöre, Haftbeschluss, Haft, Zelle 231 in Cottbus.

Aber zu jener Zeit in Reichenbach gehören auch die Freundschaften mit Gleichgesinnten, Jürgen Fuchs, Hans-Joachim Schädlich, die Nähe zu Greiz, wo Reiner Kunze damals lebte. Man kann das alles nachlesen. Die Schergen haben es minutiös verzeichnet, vielleicht auch so wie der NKWD jene Akte über Lew Kopelew mit dem Stempel "Aufbewahren für alle Zeiten" versah. Freilich, dieses Aufbewahren für alle Zeiten hat sich nun auf ganz andere Weise vollzogen. Rachowski, nach Haft und Freikauf, lebt heute wieder in seiner Heimatstadt. Er findet poetische Regionen in den USA, in Polen und gehört zu den Autoren, die dieses Aufbewahren in Literatur verwandelt haben. Davon kann man lesen in seiner Lyrik und seinen Erzählungen. In "Brotnacht" etwa. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, so steht es in Matthäus im 4. Kapitel, aber das Brot ist so etwas wie ein Fundament für das Menschliche, für das Leben, für eine friedliche Welt. In Rachowskis Text geht es darum, das auf der Schneeberger Grube "Orschel" der Berggeist einen Jungen zwingt, ihm jeden Tag eine frische Semmel mitzubringen. Aber als der Junge eines Tages verschläft und keine Semmel mitbringt, finden ihn die älteren Bergleute erdrosselt in einem Kohlekorb liegen. Neben dem Korb viele verschimmelte Semmeln (Übrigens ein Autorenirrtum, in Schneeberg gab es Silbergruben, keine Kohle, aber der Autor erzählt ja ein Märchen). Rachowskis Erzählung, ganz in der Traditions der großen Texte von Kleist oder Büchner, verknüpft das sagenhafte Geschehen nun mit der Kindheit des Erzählers, und wir finden hier einen der schönsten Sätze dieser Geschichte: "Da war die Nacht über der Siedlung schon aufgegangen mit einem Himmel aus trockenem Schwarzbrot, die verschneiten Wege entlang der Häuser streckten sich wie flaumiges Weißbrot, daneben, lichtbeschienen aus den gläsernen Haustüren, die goldene Kegel auf den frischen Schnee warfen, lagen die Vorplätze aufgereiht wie neugebackene Semmeln". Und im Laden der Großmutter warten die Leute auf Brot. Das Warten auf Brot wird zu einer Hoffnung, die schließlich Erfüllung findet. Märchen verwandeln sich in Geschichten aus unserer Zeit. Ach ja, nicht zu vergessen, ein Autor, der auch heiter durch die Welt geht, ist er auch. Über sein Hündchen Miss Suki in Amerika hat er ein ganzes Gedichtbuch geschrieben. Von den Sehnsüchten des Lebens erzählen diese Texte, seine Gedichte. "Wer sollte da Zweifel haben / die Welt sei nicht schön / wenn Liebe länger bleibt / und endlos ihre Kreise zieht", eine hoffnungsvolle Lebenserfahrung. Seine Freunde und Leser leben mit seiner Poesie. Heute wird Utz Rachowski 65 Jahre alt.

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