Werk der Woche: Freiheit ins Ungewisse

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Mit dem "Werk der Woche" stellt die "Freie Presse" Kunst im öffentlichen Raum vor. Heute: Metallskulptur "Zwischenräume - Spannung" von Jens Ossada im Refugium Ehrenberg in Kriebstein (2008 - 2010)

Einen Garten zu bepflanzen, ist wie an das Morgen zu glauben", hat die Schauspielerin Audrey Hepburn einmal gesagt. Dies trifft ganz sicher auch auf das "Refugium Ehrenberg", den Kunstgarten des Künstlers, Schriftstellers und Kampfsportlehrers Jens Ossada in Kriebstein zu. Der Garten, hinter hohen Mauern aus alten Steinen und Benjeshecken verborgen, macht seinem Namen alle Ehre. Er ist ein beeindruckendes Refugium der Ruhe, der sanft gestalteten Natur und der vor allem skulpturalen Kunst. Zwischen und in den Sträuchern und Bäumen hängen, stehen, liegen Metall-, Holz- und Steinguss-Skulpturen, laden Bänke zum Verweilen, Innehalten, die Stille genießen ein. In jede Richtung ergeben sich neue Blicke, Einblicke, Durchblicke, Zwischenräume. So heißt auch eine Reihe von Skulpturen, die Jens Ossada in den Jahren 2008 bis 2010 geschaffen hat.

Es sind, wie die Stahlfigur auf dem Foto, abstrakte Objekte, die in ihrer Gestaltung jeweils einen immer anders definierten "Zwischenraum" schaffen. Wie der Raum zwischen dem kompakten Körper aus inzwischen rostig-verwittertem Stahl und einem ebenfalls von der Zeit patinierten Band, das den Körper umschließt, ihm sowohl eine Form gibt als auch diese Form fesselt, beengt, ihr wenig Raum zur Entfaltung gibt. Es sei denn, der Körper würde die Fessel sprengen und sich so neuen Raum verschaffen. Die Arbeit verweist darauf, dass sich Leben, Entwicklung oft in Zwischenräumen vollzieht, die gar nicht immer als solche erkennbar sind oder erst als Freiräume geschaffen werden müssen - für eine Freiheit, die auch ins Ungewisse führen kann.

Viele der Bilder und Plastiken Jens Ossadas haben einen philosophischen Hintergrund, mit dem das Funktionieren - oder eben die Dysfunktion - sozialer und ökologischer Systeme kritisch untersucht wird. Und dies ist bei dem 1978 in Bernau bei Berlin geborenen Künstler kein Selbstzweck. Anfang der 2000er-Jahre war Ossada Mitglied der Chemnitzer Künstlergruppe Querschlag, der auch Dirk Hanus, Michael Goller, Michael Knauth und Peter Piek angehörten. 2009 begann Ossada, den Kunstgarten in Kriebstein aufzubauen, der 2012 eröffnet wurde. Der Garten ist ökologisch und nachhaltig angelegt. Insektenfreundliche Blühwiesen, Bäume und Sträucher in Mischkultur, Streuobstwiesen, Totholzhecken, selbstangelegte Regenrückhaltebecken, Verzicht auf Kunststoffmaterialien, chemische Dünger. Stattdessen wurden bei der Anlage des Gartens recycelte Materialien, Steine, Schiefer, Ziegel, Metall, alte Zaunelemente und Tore verwendet.

Die Natur bietet eine zurückhaltend-stimmungsvolle Bühne für die Kunst Jens Ossadas. Neben den Arbeiten aus der Reihe der "Zwischenräume" sind etwa 40 weitere Objekte, oft ebenfalls Teil konzeptioneller Projekte, zu sehen. Deren jüngstes, "Cocoon", widmet sich Kokons in verschiedener Form, die auf kleinen Sockeln zu schweben scheinen oder bunt in Bäumen hängen. Ossada selbst beschreibt oder befragt seine Intentionen so: "Eine Arbeit am harmonischen Rückzug? Runde, farbenfroh strahlende Lebensfreude? Verschlossene Geheimnisse? Schutzhülle vor dem Außen und im Inneren ganzheitlicher Wandel, Metamorphose ... Eine Reise ins Ungewisse, eben wie unsere Zeit!"

2019 hat Jens Ossada für den Skulpturengarten den Klimanotstand ausgerufen, um darauf hinzuweisen, dass die bisherige Klimapolitik nicht genügt, um den Klimawandel zu stoppen. Und er geht mit gutem Beispiel voran. "Dank Fotovoltaik versorgen wir uns komplett selbst mit CO-neutraler, erneuerbarer Energie", sagte der Künstler schon 2019 der "Freien Presse". "Ich achte auf Siegel wie bio, saisonal, regional und Fair Trade, mindestens ein Kriterium davon muss erfüllt sein." Auf der Webseite des Refugiums gibt er zahlreiche Tipps - vom Garten- und Hausbau über Konsum, Essen, Mobilität bis zur Medien- und Datennutzung -, wie jeder selbst etwas für Nachhaltigkeit und Umweltschutz tun kann. Dabei legt er Wert darauf, dass ökologische Alternativen praxistauglich und dank sinnvoller Konsumvermeidung umweltschädlicher Dinge letztlich nicht einmal teurer sein müssen als konventionelles Wirtschaften. Sie beschränken zwar ein auf materiellen Wohlstand fixiertes Leben, fördern aber eines, das nicht nur im Einklang mit der Natur steht, sondern auch die Chance bietet, kommenden Generationen eine lebenswerte Erde zu hinterlassen. "Als Demokraten mögen wir schwach sein, aber als Konsumenten sind wir mächtig", sagt Ossada - und dies schließt ein, dass das, was wir nicht konsumieren eben auch nicht umweltbelastend produziert werden muss.

Der koreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han fordert in seinem "Lob der Erde": "Wir sollten wieder staunen lernen über die Erde, über ihre Schönheit und Fremdheit, über ihre Einmaligkeit. Im Garten erlebe ich: Die Erde ist Magie, Rätsel und Geheimnis. Wenn man sie als eine Ressource behandelt, die es auszubeuten gilt, hat man sie bereits zerstört." Ein Besuch im Refugium Ehrenberg ist ein guter Anfang, um sich selbst neue, lebenswerte Zwischenräume zu schaffen.

Der Kunstgarten ist im Internet zu finden

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