Werk der Woche: Vom Umzug einer Kirche

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Mit dem "Werk der Woche" stellt die "Freie Presse" Kunst im öffentlichen Raum vor. Heute: die Wehrkirche in Lauterbach von Woldemar Kandler (1906/07)

Die Kunst, die uns am häufigsten im öffentlichen Raum begegnet, nehmen wir oft gar nicht als solche wahr: die Architektur, die Baukunst. Dies mag an allgegenwärtigen schmucklos industriellen Massenbauten einerseits liegen, die nicht den Anspruch erheben, Kunst zu sein, sondern nur der Zweckmäßigkeit dienen (wobei das eine das andere nicht ausschließt - im Gegenteil). Zum anderen mag es daran liegen, dass man vor lauter Wald die Bäume nicht sieht, dass in urbanen Stein- und Betonmassen der Charme, die Kunst des einzelnen Gebäudes nicht mehr wahrgenommen wird. Umso schöner, wenn Gebäude sich so in die Landschaft fügen, dass man ihrer Schönheit gar nicht ausweichen kann. Die Wehrkirche im erzgebirgischen Lauterbach ist ein solches Bauwerk - und dass es heute überhaupt noch besteht, ist dem Engagement von Denkmalschützern vor mehr als hundert Jahren zu danken.

Gebaut wurde die Kirche in der Mitte des 14. Jahrhunderts oder im 15. Jahrhundert (dazu gibt es verschiedene Angaben) im Dorfzentrum, sie gilt als eine der ältesten Kirchen Sachsens. Zum Schutz der Menschen, aber auch der Ernte bei Streitigkeiten mit dem Adel wurde ein über die Grundmauern hinausragendes hölzernes Obergeschoss aufgesetzt. Deshalb ist der manchmal verwendete Begriff "Wehrgangkirche" nicht ganz richtig, denn es handelt sich nicht um einen umlaufenden Gang, sondern um ein komplettes Obergeschoss. Ob die Wehrkirchen tatsächlich einmal verteidigt wurden, ist nicht bekannt.

Ursprünglich war die Lauterbacher Kirche kleiner und schmucklos - sie diente dem Gebrauch, nicht der Repräsentation. Doch auch Lauterbach profitierte wohl vom aufkommenden Bergbau, konnte sich stetige Erweiterungsbauten und Renovierungen der Kirche leisten. Um 1500 wurde der Chorraum an das Langhaus angebaut, 1618 bis 1623 folgten Sanierungen und wohl auch der Einbau einer Empore, deren Brüstung mit Darstellungen aus dem Neuen Testament verziert wurde. Die Fenster wurden vergrößert, die Kirche veränderte sich mit den Menschen, die sie nutzten.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Kirche jedoch zu klein und baufällig. Schon seit 1831 sammelten die Dorfbewohner Geld für einen Kirchenneubau. Zunächst ohne Erfolg. 1905 jedoch sollte die letzte Stunde der Kirche schlagen, ihr Abriss wurde beschlossen. Doch in Sachsen gab es bereits eine Königlich-Sächsische Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler, und auch landesweit regte sich Protest gegen den Abriss, sodass die Lauterbacher schließlich einlenkten. Sie stimmten der Wiedererrichtung der Kirche an der Straße nach Marienberg, als Begräbniskapelle auf dem 400 Meter entfernten Friedhof, zu, wo sie noch heute zu sehen ist.

Der Wiederaufbau wurde dem damals bedeutenden Kirchenbaumeister Woldemar Kandler (geboren 1866 in Dittmannsdorf, gestorben 1929 in Klotzsche) übertragen. Kandler war an der Bauschule und der Kunstakademie Dresden ausgebildet worden. Schon als 22-Jähriger übernahm er die Bauleitung der Andreaskirche in Chemnitz-Gablenz. Später entwarf er mehr als 25 Kirchenbauten, vor allem im Erzgebirge, wo die Kirchen unter anderem in Krummenhennersdorf, Pobershau, Deutscheinsiedel, Jahnsbach und Cranzahl von ihm stammen. Woldemar Kandler hatte sich selbst für den Erhalt der Lauterbacher Wehrkirche eingesetzt und respektierte historisch gewachsene Baudenkmale. Zunächst hatte er vor allem neogotische Gebäude entworfen, später verband er Einflüsse aus Gotik, Renaissance, Barock mit zeitgenössischen Elementen des Jugendstils und regionalen Bautraditionen.

Um einen weitgehend originalen Wiederaufbau der Kirche in Lauterbach zu gewährleisten, wurden die Balken des Wehrgeschosses und alle Konstruktionshölzer nummeriert. Einige dieser Kennzeichnungen sind heute noch in der Dachetage zu sehen. Der ursprüngliche Wehrgang ist nur über dem Choranbau erhalten. Andere Teile wurden ersetzt.

Baumeister Kandler legte auch großen Wert auf die künstlerische Ausstattung "seiner" Kirchen. Die ist auch in Lauterbach sehenswert. Ein spätgotischer, in Freiberg geschnitzter Flügelaltar zeigt geschnitzte Relieffiguren einiger Heiliger. An der wertvollen Kassettendecke sind der dreieinige Gott, die vier Evangelisten, Jesus mit den zwölf Aposteln, Moses, Jesaja und Paulus zu sehen. Eine geschnitzte Maria mit Jesuskind, wohl aus der Werkstatt des Zwickauer Bildschnitzers Peter Breuer, und ein altes Vortragekreuz mit dem dornengekrönten Jesus und drei Lilienblüten ergänzen die Ausstattung. Von besonderer Bedeutung ist die vermutlich älteste Orgel Sachsens, gebaut zwischen 1624 und 1630. Sie wurde 1957 unter anderem mit Spenden des damaligen Leipziger Kreuzkantors Rudolf Mauersberger restauriert. Die gesamte Kirche wurde in den Jahren 2000 bis 2004 gründlich saniert. Nach Anmeldung bei der Kirchgemeinde ist die Kirche auch innen zu besichtigen. Weitere dieser in Deutschland einzigartigen Wehrkirchen gibt es in Großrückerswalde, Dörnthal und Mittelsaida.

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