Werke von Gerhard Kurt Müller in Altenburg: Der Ernst des Lebens

Er ist einer der ganz Großen der "alten" Leipziger Schule und dennoch heute kaum noch bekannt: Das Lindenau-Museum in Altenburg zeigt Werke von Gerhard Kurt Müller - eine eindrucksvolle Wiederentdeckung.

Selbstporträt in der Rückschau: "Ich, 1931" (Öl auf Hartfaser), 1979 entstanden, nimmt ein fremdbestimmtes, von Angst, Krieg und Tod geprägtes Leben vorweg.
Zitate aus Futurismus und Kubismus: "Trommler" (Öl auf Leinwand), 1984.
Ernst Barlach lässt grüßen: "Torso eines Überlebenden" (Holz, schwarz gebeizt), 1982/84.

Von Matthias Zwarg

1979 hat sich Gerhard Kurt Müller als fünfjährigen Jungen gemalt: Hell gekleidet, aber fast uniformiert, blickt ein Kind in einer engen, von Fachwerk umstellten Gasse zurück, die keinen Ausweg zulässt. Das Spielzeug, eine Flöte und ein Stöckchen mit den Farben der Trikolore, liegen am Boden. Ein Luftballon wird es kaum in den dramatisch roten Himmel schaffen. Der schmallippige Junge hat tiefe Augenringe, seine Zukunft ist in Gesicht und Haltung eingegraben, bevor sie begonnen hat.

In diesem relativ kleinen Gemälde begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart des Künstlers Gerhard Kurt Müller. Die Ausstellung im Altenburger Lindenau-Museum zeigt 140 Werke des 1926 in Leipzig-Probstheida geborenen Malers, Grafikers und Bildhauers, darunter 30Gemälde, 22 plastische Arbeiten, Zeichnungen, Druckgrafiken und Skizzenbücher. Das älteste Werk ist ein Selbstporträt aus dem Jahr 1952, die jüngsten Gemälde stammen aus dem Jahr 2015, sodass die eindrucksvolle Schau einer Retrospektive gleichkommt.

Eindrucksvoll ist diese Ausstellung, weil hier keine einzige Arbeit, nicht einmal die frühen Landschaftsgemälde oder skizzenhafte Zeichnungen ohne eine geradezu körperlich spürbare Dringlichkeit entstand. Bei Gerhard Kurt Müller ist Kunst nicht dekorative Bebilderung des Lebens, sondern Auseinandersetzung mit dem Leben im 20.Jahrhundert selbst. Als Kind hineingewachsen in die Zeit des Nationalsozialismus, beginnt er in den 40er-Jahren eine Lehre als Retuscheur, nimmt Zeichenunterricht, wird Mitglied des Leipziger Kunstvereins. Er erlebt die ersten Bombardierungen der Messestadt, wird zum Reichsarbeitsdienst einberufen, macht auch später keinen Hehl daraus, dass er sich 1943 freiwillig zur Luftwaffe meldete. Er kommt zu einer Fallschirmjägereinheit, wird in der Normandie eingesetzt, überlebt einige der letzten großen Schlachten des Zweiten Weltkriegs, gerät in US-amerikanische, später französische Kriegsgefangenschaft.

1948 kommt er nach Leipzig zurück, bewirbt sich erfolgreich an der Akademie, später Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB). Er studiert bei Elisabeth Voigt, einer Schülerin von Käthe Kollwitz und Carl Hofer - Einflüsse, die auch in Müllers Werk sichtbar bleiben. Zu seinen Kommilitonen gehören Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke. Müller tritt in die SED ein (und 1989 wieder aus). Von 1954 an bekleidet er ein Lehramt an der HGB, wird 1961 Professor, 1964 Rektor der Hochschule. 1968 gibt er das Amt auf, arbeitet freischaffend.

Bis dahin und auch später hatte es immer wieder Eklats um einige seiner Bilder gegeben - zum Teil sind auch sie in Altenburg zu sehen. So hatte Müller etwa 1969 in seinem Bild "Rue Ramponneau 28.5.1871" einen der letzten Barrikadenkämpfe der schon verlorenen Pariser Kommune gemalt - einen aussichtslosen Kampf derer, die eine bessere, freiere Welt der Gleichheit und Solidarität wollten. Das Scheitern der Kommunarden konnte man damals auch als Bezug auf das Scheitern der Demokratisierungsbestrebungen im sozialistischen Lager verstehen, insbesondere des Prager Frühlings.

Gerhard Müllers Werke sind geprägt vom Ernst des Lebens, den das Jahrhundert des Faschismus und der Kriege den Menschen aufgezwungen hatte. In seinen Bildern wird verzweifelt getrommelt, getanzt, es gehen "General und Tänzerin" als Stellvertreterfiguren von Militarismus und Popkultur fatale Verbindungen ein. Die gleichermaßen streng komponierten wie mit leichter, sicherer Hand gemalten Bilder zeugen von der Auseinandersetzung mit Stilrichtungen wie Kubismus und Futurismus. In und um die gequälten oder quälenden menschlichen Gestalten ragen Rohre, Pfeile, Spitzen, totes, drohendes Metall, Gebälk, die jede Harmonie zerstören, Zeichen einer Welt, die dem Menschen fremd ist durch eigene wie fremde Schuld.

Die plastischen Arbeiten Müllers hingegen erinnern an Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, aber auch an Constantin Brancusi. Haltung, Hände, Gesichtsausdruck, zurückgenommene Kleidung - jedes Detail unterstützt gleichsam die Aussage eines Humanisten, der Gewalt, Leid und Schuld selbst erlebt hat: Seht wie kostbar das Leben ist. Seine Arbeiten kommen ohne verbrämenden Manierismus, umständliche Metaphorik oder aufdringlich belehrenden Zeigefinger aus.

Gerhard Kurt Müller hat einen ganz eigenen, sehr konsequenten künstlerischen Stil gefunden, der Bezüge zur Kunstgeschichte nicht leugnet, aber nie epigonenhaft wird. Dies wurde hin und wieder auch gewürdigt - mit der Einladung zur Teilnahme an der Biennale in Venedig 1988, einer großen Ausstellung 1992 an der HGB. Einer größeren Öffentlichkeit ist er jedoch leider kaum noch bekannt - umso schöner ist es, dass das Lindenau-Museum die Chance der Wiederentdeckung gibt.

Die Ausstellung "Gerhard Kurt Müller: Maler/Bildhauer/Zeichner" ist bis zum 7.Oktober im Lindenau-Museum Altenburg, Gabelentzstraße 5, zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis freitags 12 bis 18, samstags und sonntags 10 bis 18 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. www.lindenau-museum.de

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