Wettbewerb "Tradition und Form": Diese Kunsthandwerker machen das Rennen

Die Leser der "Freien Presse" haben ihren Favoriten bestimmt. Jetzt wird das Geheimnis um die Preisträger gelüftet.

Seiffen.

An einem idyllischeren Ort als Ralf Zenker kann man im Erzgebirge kaum leben. Der Holzspielzeugmachermeister arbeitet und wohnt dort, wo andere Urlaub machen, wo Wanderer vorbei kommen, die es in die Natur zieht, weit ab an von jeglichem Lärm. Im Garten wächst Gemüse aller Art, blüht ein Blumenmeer und summen Bienen zwischen Obstbäumen und Sträuchern. Doch nach Feierabend das Panorama bis hinauf zum 740Meter hohen Reicheltberg zu genießen, wird dem 38-Jährigen und seiner Partnerin Nadin oft vermiest. Denn kaum bricht die Dämmerung herein, werden sie von Mücken geplagt. "So geht das Jahr für Jahr", sagt Zenker. Er kann ein Lied davon singen, denn er ist hier, im Ortsteil Oberseiffenbach, aufgewachsen.

Der Seiffener ärgert sich ein bisschen, dass er nicht selbst auf die Idee gekommen ist, von Berufs wegen etwas gegen die Plagegeister zu tun. Mit dieser Idee kam vielmehr zu Jahresbeginn, als das Weihnachtsgeschäft gerade hinter ihm lag, ein Mitarbeiter der Dregeno Seiffen. Die Drechslergenossenschaft vereinigt über 100 kleine und größere Werkstätten unter der Marke Dregeno. "Und die wollten nun zur Geschenkemesse Cadeaux in Leipzig im vergangenen März eine Neuheit präsentieren, die nichts mit Weihnachten zu tun hat", erzählt der Männelmacher. "Sie fragten mich, ob ich mir einen gedrechselten Bienenkorb zum Räuchern vorstellen könnte, mit dem man lästige Insekten vertreiben und zudem den Gartentisch dekorieren kann."

Als Ralf Zenker zusagte und dann an der Drehbank experimentierte, ahnte er noch nicht, dass er damit bei den Lesern der "Freien Presse" einen Volltreffer landen und den Publikumspreis der Zeitung im diesjährigen Wettbewerb "Tradition und Form" einheimsen würde. Er reichte den Bienenkorb zunächst im Mai für den Wettbewerb ein - als Gemeinschaftsarbeit mit der Dregeno.

Das 26. Jahr in Folge waren wieder innovative Neuerungen der Branche gefragt. 16 Firmen schickten 17 Arbeiten ins Rennen. Zwölf schafften die Nominierungsrunde und damit auch vor vier Wochen den Sprung in die "Freie Presse", um sich dem kritischen Blick der Leser zu stellen. Die hatten diesmal wirklich die Qual der Wahl, was das Abstimmungsergebnis belegt. 1848 Leser gaben ihr Votum ab. Ein Sechstel der Stimmen entfiel auf den Bienenkorb von Ralf Zenker. Nur 25 Stimmen weniger konnte die moderne LED-Lichterspitze aus der Werkstatt des Seiffeners Ringo Müller auf sich vereinen. Ganz dicht dahinter platzierten sich die Schneemänner der Firma Kramer Holz Design aus Augustusburg. Zum ersten Mal, seit sich die "Freie Presse" seit 2009 als Preisstifter beteiligt, fiel keine der nominierten Arbeiten bei den Lesern durch. Jede konnte Stimmen mindestens im oberen zweistelligen Bereich auf sich vereinen. "Das ist für die Hersteller ein Signal, dass sie mit ihren Ideen den Nerv der Kunden getroffen haben", kommentiert Verbandsgeschäftsführer Frederic Günther das Ergebnis.

Ralf Zenker hat sich zum ersten Mal am Wettbewerb beteiligt. Er leitet seit 2017 den Familienbetrieb mit heute sechs Mitarbeitern. Gegründet hatte ihn im Februar 1989 seit Vater, der bis dahin als Elektroingenieur nur in der Freizeit drechselte. Für den 1982 geborenen Sohn gab es nichts Schöneres als die Werkstatt des Vaters, die stetig erweitert wurde, bald zwölf Beschäftigte zählte und in der der Junge seine dreijährige Lehre zum Holzspielzeugmacher absolvierte. 2004 folgte die Meisterausbildung.

Zwei Generationen Tag für Tag unter einem Dach und in derselben Werkstatt - das sei nie ein Problem gewesen, bestätigen Vater und Sohn. Gegenseitige Achtung und Akzeptanz der Meinung des Anderen, vor allem auch des Jüngeren, seien wichtige Grundsätze für den Fortbestand und die Übernahme der Werkstatt durch den Sohn gewesen. Vater Volker Zenker habe sich nie Sorgen machen müssen, wer seinen Betrieb einmal weiterführt. Eine Frage, vor der im Raum Seiffen schon jetzt oder in absehbarer Zeit an die 40 Holzkunstfirmen stehen.

Zurück zum Bienenkorb. Ein Sortiment an gedrechselten Bienen hat die Firma Zenker schon seit Jahren im Programm. Sie gehören zu heute 320 verschiedenen Artikeln, konnten es allerdings nie mit den lustigen musizierenden Kugelschneemännern aufnehmen, mit denen alles im eigenen Betrieb begann und die bis heute in 200 Ausführungen quasi das Markenzeichen sind. Nun sollte plötzlich ein Bienenkorb her.

Ralf Zenker schaute sich zunächst im Internet Bienenkörbe in verschiedenen Formen an. "Ich wollte vor allem nicht, dass der Korb wie ein Maulwurfhügel aussieht", erzählt er. Statt an eine Zeichnung ging er sofort an die Drehbank. "Ich bin schon immer ein Praktiker. Beim Drehen merkt man, wie die Form Gestalt annimmt, wie sie immer gefälliger wird", schildert der 38-Jährige den Werdegang des Produkts. Schon bald war ihm klar, dass sich ein Bienenkorb von 21 Zentimetern Höhe und zwölf Zentimetern Durchmesser nicht aus einem einzigen Stück Ahornholz herstellen lasse.

Zenker verleimte zwei Hölzer und bearbeitete sie dann auf der Drehbank, schuf einen Hohlraum für große Räucherkerzen im Inneren, ein Loch im unteren Teil, das zugleich den Bieneneingang simuliert, und schließlich eine integrierte "Esse" für den Luftzug. Für die samtweiche Oberfläche probierte er Lasuren in verschiedenen Farben aus, Orange setzte sich durch. Vor dem Bienenkorb platzierte er eine Wächterbiene aus dem bisherigen Firmensortiment - ausgestattet mit Schild und Speer. "Die passt auf, dass keiner reinkommt", schmunzelt der Meister. Daneben gibt es ein "Honigdäbbel" und kleine Bienen, die sich am Korb zu schaffen machen.

Auf den XL-Korb folgte eine kleinere Variante, die man auf den Tisch stellen oder auch darüber aufhängen kann. Sie besitzt ein separates Oberteil, eine Art Deckel mit einem zwei Millimeter breiten Spalt, durch den der Räucherduft abzieht. Ralf Zenker hat die Funktionsfähigkeit immer wieder getestet und ist zufrieden. Er selbst mag im Sommer den Duft von Zitrone oder Feige, den Hersteller ihren kleinen Kerzen neuerdings beimischen, damit es im Sommer nicht unbedingt riecht wie zur Weihnachtszeit.

Mit dem Vater und der Freundin bespricht Ralf Zenker alle neuen Ideen, die ihm zum Beispiel auf der Jagd in seinem Revier in Wernsdorf oder beim Angeln durch den Kopf gehen. Seit dem Auftrag mit dem Bienenkorb denkt er sogar über das Imkern nach. "Doch dafür fehlt vorerst die Zeit", sagt er mit dem Blick auf den kugelrunden Babybauch der Partnerin. Der Preisträger macht kein Geheimnis daraus, dass er sehr glücklich ist, auch "weil wir unser Brot damit verdienen, anderen Menschen Freude zu machen".


Weitere Sonderpreise 

Der Preis für hervorragende Traditionspflege geht an die Firma Blank Kunsthandwerk in Grünhainichen für den Faltenrockengel (farbig und natur), Gestalter: Georg Beyer (†). 1955 wurden vom Großvater des heutigen Firmeninhabers die Faltenrockengel mit dem Sterndiadem entwickelt und in die Produktion eingeführt. In beiden Versionen sind sie bis heute beliebte Sammelobjekte, die jährlich durch neue Motive ergänzt werden.

Den Preis der Erzgebirgssparkasse erhält die Firma Füchtner in Seiffen für den Nussknacker "Roter Husar". Vor acht Generationen, 1870, wurde diese Figur in der Firma entwickelt. Die Replik entstand als Sonderedition zum 150-jährigen Firmenjubiläum.

Mit dem Preis des Landrates des Erzgebirgskreises wird Helfried Dietel geehrt: für sein Buch "Jahr100Buch der Dregeno", das anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Seiffener Drechslergenossenschaft entstand. Dietel war ab 1987 Vertriebsleiter, später langjähriger Geschäftsführer der Genossenschaft.

Ein Sonderpreis zum 125-jährigen Firmenjubiläum geht an die Firma Kunsthandwerk Frieder und André Uhlig e. K. in Seiffen.

Mit dem Preis des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller wird die Firma Ralf Zenker in Seiffen geehrt: für die beispielhafte und erfolgreiche Übergabe und Weiterführung des Betriebes durch den Sohn.

Alle ausgezeichneten Arbeiten sind ab 17. Oktober im Landratsamt in Annaberg-Buchholz ausgestellt. (gt)


Diese Leser haben gewonnen 

Der Hauptgewinn, ein LED-Lichterbogen mit Krippenfiguren aus der Firma Raum- und Tafelschmuck Gabriele Günther, Neuhirschenstein, geht an Lothar Seyrich in 09112 Chemnitz.

Vier weitere Preise in Gestalt von lustigen Picus-Räuchermännern - das Maskottchen des Kunsthandwerkerverbandes - haben gewonnen: Steffen Köhler in 09385 Lugau, Petra Bartsch in 09577 Niederwiesa, Michelle Bogatzski in 13059 Berlin sowie Erika Zeißig in 08523 Plauen. Den Preisträgern werden ihre Gewinne in den nächsten Tagen zugestellt. (gt)

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