Wie geht Gedenken an der East Side Gallery?

Die Berliner East Side Gallery ist touristischer Hot Spot in Deutschland. Street Art statt grauer Betonelemente erinnern an friedliche Wende und Fall der Mauer. Was können junge Leute mit der Geschichte heute noch anfangen?

Berlin (dpa) - Selfies an einem Ort, wo Menschen erschossen wurden? «Vielleicht klingt es komisch, aber im 21. Jahrhundert ist es okay, ein Selfie zu machen», findet ein junger Tourist aus Ungarn. «Ich würde nicht sagen, dass es unhöflich ist», stimmt ihm eine Freundin zu.

Die beiden stehen an der Berliner East Side Gallery, dem längsten noch erhaltenen Teil der vor 30 Jahren gefallenen Mauer. Smartphones, Selfiestangen, Kameras so weit das Auge reicht. Jährlich strömen Millionen Besucher hierher, die East Side Gallery ist ein Hot Spot für Deutschlandtrips und Berlin-Besuche. Vor fast 30 Jahren bemalten Künstler die Ostseite der Mauer. So bekam das Bauwerk an der Spree nach der Wende eine weitere, neue Bedeutung. Die Besucher aus Ungarn haben sich vor ihrer Reise nach Berlin gut informiert und auch andere historische Orte besucht, wie die Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Selfies gehören für sie einfach dazu.

Aber was ist mit denen, die sich gar nicht auskennen? Eine junge Frau aus Frankfurt posiert an einem anderen Graffiti der East Side Gallery vor der Handykamera ihrer Freundin. «Wir suchen eigentlich nur einen Platz zum Essen», sagt die 29-Jährige. Die East Side Gallery? Nie gehört. Aufgefallen sei ihnen bloß die bunte Kunst als passender Hintergrund für ihre Fotos. «Ich glaube, es sieht voll schön aus.» Wofür sie die Bilder machen? «Vielleicht Instagram».

Auch im Internet regen sich Menschen über vermeintlich uninformierte Besucher auf. «Vor lauter fotografierenden Menschen kann man kaum die eigentliche Mauer sehen», sagt beispielsweise ein Nutzer auf dem Bewertungsportal «Tripadvisor». «Für diese Leute ist es einfach nur cool davorzustehen.» Sie seien sich der Geschichte gar nicht bewusst.

Ohne die Kunstwerke wäre der Mauerabschnitt vermutlich abgerissen worden, meint Axel Klausmeier. Er ist Direktor der Stiftung Berliner Mauer, die auch für die East Side Gallery verantwortlich ist. «Die Hauptbotschaft ist klar. Es geht um die künstlerische Aneignung und um die friedliche und freudige Überwindung der Mauer.» Dennoch dürfe man nicht vergessen, dass auch hier Menschen bei Fluchtversuchen zu DDR-Zeiten ums Leben kamen.

Touristen mit Selfiestangen, die sich der Geschichte nicht immer bewusst sind, stören Klausmeier nicht - dafür ganz andere Dinge. «Die ganzen Randerscheinungen, die Hütchenspieler und eigentlich all das, was dieser Massentourismus auch mit sich bringt, ist natürlich nicht so optimal.» Auch Verkaufsstände an der Mauer sieht der 54-Jährige kritisch. «Ich finde das macht den Ort billig. Es macht ihn zum Jahrmarkt.»

Stattdessen will die Mauerstiftung zeitgemäße Antworten auf die Frage der Gestaltung. «Natürlich ist die Situation, wie sie im Moment dort ist, alles andere als einer Galerie würdig.» Mit Führungen, Apps und Hinweisen zu den Kunstwerken sollen Besucher künftig informiert werden. Perspektivisch wolle man das Angebot verbessern, der Abstand zur Mauer soll durch den Einbau einer Art Reling vergrößert, der Fußgängerweg deutlich verbreitert werden. Neben baulichen Fragen, müsse eine Zukunft der East Side Gallery aber auch zusammen mit den einstigen Künstlern gedacht werden.

118 Künstler aus 21 Ländern hatten die Mauer im Frühjahr 1990 umgestaltet. Einer von ihnen war Jim Avignon. Der Berliner Künstler erinnert sich heute noch gut an die Anfänge in der Wendezeit. «Es sah ganz anders aus, diese ganzen Gebäude, die es jetzt hier gibt, gab es nicht. Dafür gab es Unmengen Trabis, die sich morgens und abends vorbeigeschoben haben. Die Luft war unglaublich schlecht. Nach einem Tag Malen hatte man eigentlich mit Sicherheit einen Asthmaanfall», erzählt Avignon vor seinem «Piece» an der East Side Gallery.

Die meisten Touristen glaubten vermutlich, die Mauer habe immer so ausgesehen. «Diese Mauer war zu Ostzeiten natürlich noch jungfräulich, weil man hier sein Leben riskierte, wenn man darauf gemalt hätte.» Denkbar wäre für ihn daher auch eine Art Museum an der East Side Gallery, um die Touristen besser abzuholen.

Die Selbstporträts stören Avignon nicht: «Jeder der eine Stadt besucht, erkundigt sich nach den Sehenswürdigkeiten und klappert sie ab. Und heutzutage macht man einfach Selfies davor.» Es sei aber gut, «dass die Mauer als solche noch existiert und zumindest zum Nachdenken und zum Diskutieren anregt».

Ähnlich sehen das zwei Eheleute aus Reutlingen, die an der East Side Gallery entlang schlendern. Für sie hat die Mauer als Gedenkort große Bedeutung - sie haben die Ereignisse damals miterlebt. Dass Touristen manchmal auch nur Selfies knipsen? Nicht schlimm, meint Ute Zeile: «Wenn die jungen Leute nur hierherkommen, um die Kunst zu sehen, sehen sie doch ein Stück weit von der Vergangenheit und befassen sich damit, dass es früher eine Mauer gab, die die Stadt geteilt hat.»

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