Wie im Märchen

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich liebe und sammle Vinyl und bin daher natürlich der Überzeugung, dass dieses Medium den Musikgenuss enorm vergrößern kann. Einfach, weil die Platte zur Auseinandersetzung zwingt, zum bewussten Konsum. Weil sie dem Musikhören ein Ritual voranstellt. Was aber Unsinn war, ist und bleibt, ist die untotbare Behauptung, Schallplatten würden besser klingen als andere Tonträger. Ja, die Übertragung in Plastikrillen macht etwas mit dem Klang, was Könner ausnutzen: Mit einem guten Mastering können Vinylplatten atemberaubend gut tönen und die Musik bereichern. Viel wahrscheinlicher ist aber die andere Richtung, und die physikalischen Beschränkungen des Mediums machen dem Klang den Garaus! Das passiert bereits, wenn stumpf die für CD optimierte Musik 1:1 gepresst wird.

Noch schlimmer ist allerdings, was gern als besonders Feature verklärt wird, in Wahrheit aber massiv stört: Knacken, knistern, rauschen! Das kann an Kratzern, Dreck oder mieser Pressqualität liegen - und einem jede Freude am Medium rauben. Charmant, so wie oft behauptet wird, ist daran gar nichts. Ok, AC/DCs "Highway To Hell" muss vor dem ersten Riff knacken wie Lagerfeuer, aber die allermeiste Musik hätte man doch gern ohne Störgeräusche - was mit guten Pressungen auf einem guten Plattenspieler auch machbar ist. Das erste Auflegen einer neu erworbenen Platte ist daher immer auch ein banger Moment: Läuft sie auch sauber? The Notwist haben mich mit neulich "Vertigo Days" zum Verzweifeln gebracht - der Opener hat fieses Knistern im Hintergrund. Es hat eine Weile gedauert, bis ich rausgefunden hatte, dass das in der Musik enthalten ist. Künstliche Störgeräusche auf einer superben Pressung - da konnte ich wischen und reinigen, bis ich schwarz werde.

Es kommt also durchaus vor, dass man sich die gute alte CD zurücksehnt - wenn man so drastisch an die Gründe erinnert wird, aus denen deren Erfindung einst von Musikhörern so frenetisch bejubelt wurde. Eine Ausnahme gibt es allerdings, und das sind Märchenschallplatten. Da ist der Zustand fast egal, denn knirschen, rauschen und knacken, ja sogar Sprünge liefern hier wirklich eine einmalig schöne Höratmosphäre, die der von sterilsauberen Hörbüchern weit überlegen ist: Mit einem Stapel abgerockter alter DDR-Scheiben von den "Schildbürgern" über die "Schatzinsel" und Ehm Welks "Heiden von Kummerow" bis zum "Wolkenschaf" kommt man samt Kindern doch bestens durch jede Pandemie.tim

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