Wie Kaiser Wilhelm in den Verdi kommt

Frank Castorf hat an der Deutschen Oper Berlin "Die Macht des Schicksals"von Giuseppe Verdi inszeniert. Wie es sich für den Theaterzerstörer gehört, auf seine ganz eigene, assoziationsreiche Weise. Einigen Zuschauern war das dann doch etwas zu viel des Guten. Sie fügten der Oper ihren eigenen Chor hinzu.

Berlin.

Die Deutsche Oper hat Ex-Volksbühnenchef Frank Castorf zum ersten Mal eingeladen, in ihrem Hause zu inszenieren. Giuseppe Verdis "La forza del destino", also "Die Macht des Schicksals". Und siehe da: Auch in Charlottenburg funktioniert der Castorf-Effekt zuverlässig. Denn wo Castorf draufsteht, da ist er auch drin. Dabei ist dieser Verdi für seine Verhältnisse gemäßigt ausgefallen, auch nicht in Geniestreichnähe. Aber doch mit einer ganz eigenen Dringlichkeit, immer in Sichtweite zur Vorlage. Natürlich auf seine Art. Mit seinen oft erprobten ästhetischen Mitteln. Und einem typischen Bühnenbild von Aleksandar Denić. Opulent, (alp-)traumhaft und assoziationsoffen. Ein Raum für Abenteuerausflüge ins Ungefähre einer Epoche der Vergangenheit und in Gegenden der Welt, deren Geschichte mit uns zu tun hat.

Der Regisseur hat einen Indio hinzugefügt. Mehr nackt als angezogen, mit Gold behängt und auf High Heels, dauerpräsent und immer in Bewegung. Auf der Bühne und auf der Leinwand, ohne die es bei Castorf und Denić natürlich nicht geht. Das ist bei der Herkunft Don Alvaros gar nicht abwegig. Was der rassistische Don Carlo di Vargas "Mulattenblut" nennt, ist in Südamerika blaues Blut. Ein edler Wilder fern der Heimat. Ohne Vorsatz wird er zum Mörder des Vaters seiner angebeteten Leonora und auch noch von deren Bruder. Es ist die Macht des Schicksals, die über den freien Willen zum Guten triumphiert.

Der Indio (Ronni Maciel) ist die personifizierte Assoziation für alles mögliche. Einmal kommt er mit einer Passage aus Heiner Müllers "Der Auftrag" zu Worte: "Ich bin der Engel der Verzweiflung. Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus, die Betäubung des Vergessens, Lust und Qual der Leiber. ...." Herausgebrüllt, und dann noch mal wiederholt.

Als dann auch noch Marko Mimicia und Amber Fasquelle versuchen, eine englisch gesprochene Passage aus Curzio Malapartes "Die Haut" einzufügen, sind ein paar Wut-Charlottenburger bei der Premiere am Sonntag überfordert. Verstehen nichts mehr. Und übernehmen lautstark. Minutenlang. Als ein Zuschauer auf das "Wir wollen Verdi"-Gebrüll ironisch mit einem "Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhaben" antwortet, applaudieren ihm die, die die Ironie erkennen und die, denen das zu hoch ist. Metropolig war dieses Charlottenburger Intermezzo nicht, höchstens prollig.

Aber sei's drum. Das Zeitkolorit - Fahnen, Autos und Kostüme - verwiesen deutlich auf die 1940er-Jahre in Spanien und Italien. Samt Franco und Mussolini. Mit einer Flaggensammlung der Faschisten-Achse samt deutschem Hakenkreuz. Italienische Trikolore und spanisches Olé. Und mit dem Duce als Pappkameraden hinter einer Kamera. Dazu jede Menge Krieg und Kriegsgeschrei in Chorstärke, meist in ziemlich lähmend statischen Tableaus. Inklusive Rataplan-Nummer mit Preziosilla (Agunda Kulaeva) vorneweg. Im Livevideo blutige Lazarettszenen, parallel dazu Rampenruhe für die Sänger. Viele Funken schlägt Castorf aus dieser demonstrativ zelebrierten Diskrepanz freilich nicht. Den roten Faden der vertrackten Handlung hatte er eh nicht aufgenommen, eher das freie Spiel der Assoziationen, auf die man sich allerdings bewusst einlassen muss, um nicht abzuschalten.

Die Pracht der spanischen Kirchenfassade, der amerikanische Armeelaster, die Insignien des außer-deutschen Faschismus - all das fügt sich zu einem typischen Denić-Bühnenwurf, in dem Castorf seiner Assoziationswut frönt.

Unter den Sängern geht Markus Brück als der auf seinen Ehrenmordauftrag fixierte Don Carlo di Vargas als Sieger durchs Ziel. Seine Duette mit Don Alvaro (wohl timbrierte Leidenschaft: Russell Thomas) sind vokale Höhepunkte des Abends. Die Südamerikanerin Maria José Siri ist eine respektable Donna Leonora. Das Orchester spielt unter Jordi Bernàcer seine Verdi-Erfahrung zuverlässig aus. Die Castorf-Gegner hatten sich schon vor dem Schlussapplaus verausgabt, waren aber noch lautstark zur Stelle. Die anderen bejubelten die Darsteller und einen Verdi-Abend der etwas anderen Art.

Weitere Vorstellungen von Giuseppe Verdis "Die Macht des Schicksals" (italienisch mit deutschen und englischen Übertiteln) in der Inszenierung von Frank Castorf an der Deutschen Oper Berlin am 14., 18., 21. und 24. September sowie am 17., 20. und 26. Juni 2020, jeweils um 19 Uhr.

www.deutscheoperberlin.de

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