Willkommen beim Mädelsabend!

Mitten im Herbst hat Pop-Poetin Julia Engelmann bei ihrem Gastspiel in der Chemnitzer Stadthalle noch einmal den Sommer in die Herzen ihres Publikums gezaubert.

Chemnitz.

Ganz in schwarz steht das blonde Mädchen da, konfettiwerfend, mit aufgesticktem Glitzer auf den Schultern. Einen besseren Zeitpunkt als diesen kalt-verregneten Sonntagabend hätte Julia Engelmann kaum wählen können, um die Herzen in der voll besetzten Chemnitzer Stadthalle mit griffiger Pop-Poesie zu erwärmen: Da kommt diebleistiftgezeichnete Bühnendeko gerade recht, die einen Sommerabend auf dem Großstadtbalkon nachempfindet. Die Inszenierung will authentisch sein: Hier ist alles persönlich, kuschelig und intim.

Die Bekanntheit der gebürtigen Bremerin speist sich aus einem 12-Millionen-Click-Erfolg auf Youtube: Ein ergreifender Vortrag der damals noch unbekannten 22-Jährigen auf einem Poetry Slam traf den Zeitgeist. Lebe im Jetzt! Sei lebendig, damit du im Alter etwas zu erzählen hast! Irgendwo zwischen ihren Lieblingsautoren Hesse und Rilke, der endorphinsprühenden Club-Kultur und kitschigen Whatsapp-Bildchen remixt sie eine Sprache, die Befindlichkeiten ihrer Generation in zauberhafter Weise auf den Punkt bringt. Es folgten vier Lyrikbände im renommierten Goldmann-Verlag, dann sogar ein gesungenes Album.

Nun also tourt Engelmann durch die Lande: Mal rezitiert sie in völliger Stille, mal tupft sie ihre Texte auf zarte Akkorde, mal singt sie in kräftigem Alt zu ihrer Band, die aus nur zwei Musikern sowie einiger Loop-Technik besteht. Das funktioniert hervorragend irgendwo zwischen funkensprühendem Elektropop á la Glasperlenspiel und dem Feminin-Rock von Silbermond. Doch die Instrumentierung versteht sich nur als Sahnehäubchen: Ihre Gedichte trägt Julia ohne Spickzettel und Souffleuse vor. Der Duktus: fast schon prosaisch. Ihre eigenwilligen Enjambements lassen die Texte angenehm alltäglich klingen, beinahe wie einfach so dahingesagt.

Überhaupt plappert sie unaufhörlich und mit lässigem Witz, ganz so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist: Engelmann wirkt wie ein endloser Brunnen der Worte und Gefühle. Dass sie ihr Programm über 150 Minuten ohne Pause durchzieht, kann man wohl nur der unerschöpflichen Energie der 26-Jährigen zurechnen. Die Anglizismen haben es ihr besonders angetan, die sie in feiner Akribie alphabetisch ordnet, nur um sie dann in cooler Pose rappend vorzutragen. Besonders bewegend: Die beiden Gedichte für Mama und Papa Engelmann. Sie wirken dankbar, reflektiert - und angesichts der Tatsache, dass 30 das neue 20 ist: frappierend erwachsen.

So ist das Programm ein herrlich zarter Schwof durch Liebe, Schmerz, Selbsterkenntnis und Glück: Willkommen beim Mädelsabend! Denn im Publikum sitzen vor allem Frauen jeden Alters, vereinzelt mit männlichem Anhang im Schlepptau. Schade, dass sich Engelmanns Ego-Lyrik (das "Ich" darf niemals fehlen) keine kritischen Worte erlauben darf. Logisch, denn jeder Blick in die Parlamente oder Krisengebiete dieser Welt würde den Wohlfühlfaktor des Abends dramatisch stören. Dann lieber noch ein paar Zugaben: "Das Lied" mutet an wie ein gutgelaunter Chanson von Zaz, die grinsende Julia spielt dazu sogar die neckische Kazoo-Flöte - bis die Ballade "An den Tag" nach stehendem Beifall sehnsuchtsvoll Abschied nimmt.

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